Die Wahrheit

Weiche Hände, weiche Birne

Als notorischer Flughafenzuspätkommer ist es nicht von Vorteil, es mal anders zu machen. Das kann zu unvorhersehbaren Ereignissen führen.

Es ist nicht unbedingt von Vorteil, wenn man zu früh am Flughafen ankommt. Und es ist normalerweise auch nicht meine Art. Meistens treffe ich auf den letzten Drücker ein – oder noch später. Die Liste der Flugzeuge, die ich verpasst habe, ist lang.

Aber man lernt ja dazu. Diesmal kam ich zwei Stunden vor Abflug auf dem Flughafen von Liverpool an, was nicht unbedingt an meinem Lernprozess lag, sondern an der Labour Party. Die Debatte auf dem Parteitag war an jenem Nachmittag so langweilig, dass zwei Stunden auf dem Flughafen durchaus attraktiv erschienen.

Wer rechnet auf einem Flughafen schon mit Wegelagerern? Einer von ihnen stand vor einem Laden und drückte mir ein Erfrischungstuch in die Hand. Ich zuckte entsetzt zurück, aber er hinderte mich an der Flucht, weil er mir noch „ein Geschenk für die Gattin“ mitgeben wollte. Ich sollte ihm folgen. An der Ladentheke machte er sich mit einer Art Schwamm an meinem Daumennagel zu schaffen, bis er glänzte. Na, toll.

Danach schüttete er mir blaues Salz in die Hand, ich musste es verreiben. Er spülte mir die Hände ab und rieb sie mit einer Paste ein. „Na“, fragte er, „wann hast du das letzte Mal so weiche Hände gehabt?“ Ich hatte fettige Hände, und das war unangenehm. Was denn mit dem Präsent für die Gattin sei, fragte ich. „Aber ja“, antwortete er, „der Nagelschwamm ist kostenlos, wenn du das Salz und die Paste kaufst.“ Und zwar zum Sonderpreis von 80 Euro.

Ich hatte alte Jeans und ein Sweatshirt an, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Auf dem Rücken trug ich einen Rucksack. Sah ich wirklich aus wie jemand, der 80 Pfund ausgeben würde, um weiche Hände zu bekommen? Zum Glück war meine Birne noch nicht weich. Ich würde die Gattin anrufen und fragen, ob sie einen Nagelschwamm gebrauchen könne, und ihm dann Bescheid geben, log ich.

Er ließ aber nicht locker: „Du duschst doch regelmäßig, oder?“ Einmal im Monat, sagte ich spaßeshalber, doch er nahm es ernst: „Was denn! Nur einmal im Monat?“ Du meine Güte, er war noch gutgläubiger als ich. Mir hingegen ging endlich ein Licht auf. Er wollte mir gar kein Präsent für die Gattin mitgeben, sondern ich sollte eins kaufen.

Um ihn nicht noch mehr zu enttäuschen, fragte ich, wie viel der Nagelschwamm koste, obwohl mir der Vorteil von glänzenden Nägeln nicht recht einleuchtete. Er tippte zwei Zahlen in seinen Taschenrechner und hielt ihn mir unter die Nase: 20 Pfund. Ächz. „Schreckt dich der Preis ab?“, fragte er scheinheilig. Ich wiederholte, dass ich erst die Gattin anrufen müsse. Er wusste, dass er verloren hatte, und wünschte mir einen guten Flug, meinte aber das Gegenteil.

Die Maschine nach Dublin war ausgebucht, weil eine irische Fangruppe das Heimspiel ihres Lieblingsvereins FC Liverpool besucht hatte. Sie waren alle betrunken, und der Betrunkenste setzte sich neben mich. Da Liverpool 5:1 gewonnen hatte, war er glücklich. Er stellte sich als Joe vor, griff meine Hand und stutzte, weil sie so weich war.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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