Die These: Ich will keine „Period-Revolution“

Ich will nur einen Tampon! Unsere Autorin ist genervt von Hashtags wie #PeriodPositive. Vor allem, wenn es dabei nur noch ums Verkaufen geht.

Ein Tampon

Hat hier vielleicht irgendwer einen Tampon für mich? Foto: MasAnyanka/imago-images

Menstruation nervt. Also, ihre ständige Präsenz. Egal wo ich mich aufhalte: Überall blutige Unterhosen, glitzernde Tampons und bonbonfarbene Vulva-Kekse. Darunter stehen Hashtags wie #MenstruationMatters oder #PeriodPositive – und der immer gleiche Appell: Lasst uns mit diesem Instagram-Post, Podcast, Theaterabend oder Zeitungsartikel die Monatsblutung endlich aus der Tabuzone holen und zur normalsten Sache der Welt machen.

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Ich sehe das ja genauso. Auch ich finde, dass die misogyne Stigmatisierung eines völlig normalen körperlichen Vorgangs langsam mal ein Ende haben muss, damit je­de:r auch während der Periode uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Es ist ungeheuerlich, dass es heutzutage immer noch Gegenden gibt, in denen Frauen* und Mädchen* während ihrer Tage als unrein gelten oder sich wegen fehlender Menstruationsartikel nicht in die Schule trauen. Und selbst in unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft gibt es immer noch viel zu viele Menschen, die sich für ihre Periode schämen. Bestes Beispiel: der Horror vor dem Blutfleck auf der Hose in der Öffentlichkeit.

Deshalb finde ich alles, was zur Normalisierung des Themas beiträgt, gut. Doch so, wie momentan über die Menstruation debattiert wird, passiert das Gegenteil. Das ist mir spätestens klar geworden, als die Gründer des Start-ups Pinky Gloves einen riesigen Shitstorm inklusive Morddrohungen abgekriegt haben, nachdem sie in einer Fernsehshow einen Investor für ihr neues Menstruationsprodukt gewinnen konnten.

Zugegeben, der pinkfarbene Plastikhandschuh, mit dem ein Tampon herausgezogen und dann eingewickelt werden kann, wirkt tatsächlich nicht besonders nützlich (außer es gibt gerade keinen Mülleimer und kein Waschbecken in der Nähe) und ist außerdem umweltschädlich (wobei es selbst in Bioläden Plastikverpackungen gibt).

Überzogene Empörung

Trotzdem ist es schockierend, dass den beiden Gründern nach ihrem Auftritt Sexismus, Period-Shaming und Umweltverschmutzung vorgeworfen wurden. Dieser Shitstorm hat einmal mehr offenbart, mit welcher Aggressivität Ver­tre­te­r*in­nen der sogenannten Period-Revolution ihre Mission vorantreiben, ohne darüber nachzudenken, ob ihre Empörung in manchen Fällen nicht vielleicht auch ein wenig überzogen sein könnte – zumal die Pinky-Gloves-Erfinder eben keine woken Berlin-Mitte-Kinder sind.

Die Sache mit der Periode ist nicht nur ein sehr emotionales Thema, sie ist längst auch zu einem hart umkämpften Spielfeld geworden – da geht es um moralische Deutungshoheit und um Geld. Deshalb mischen nicht nur Ak­ti­vis­t*in­nen kräftig mit, sondern vermehrt auch sogenannte Social En­tre­pre­neu­r*in­nen, die mit ihren Kampagnen mitentscheiden wollen, welcher Umgang mit der Periode der richtige ist.

Das Besondere am Geschäftsmodell dieser Unternehmen ist, dass sie nicht in erster Linie an Gewinnmaximierung interessiert scheinen, sondern mit ihren Produkten immer auch ein bisschen die Welt retten wollen. Sei es, indem sie wiederverwendbare Periodenunterwäsche oder Silikoncups anbieten, für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen oder Aufklärungsprogramme für Jugendliche entwickeln. Ihr soziales und ökologisches Engagement macht sie so zu Unternehmen, von denen man eigentlich schon immer geträumt hat.

Endlich haben wir es auch bei Periodenprodukten nicht mehr nur mit den großen Playern zu tun, die sich nicht darum scheren, mit ihren Wegwerfartikeln jede Menge Müll zu produzieren, und die uns jahrzehntelang vermittelten, dass unsere Monatsblutung unästhetisch sei (oder wie soll man die blaue Flüssigkeit in der Werbung sonst verstehen?). Allerdings finde ich diese neue Vermischung von Aktivismus und Unternehmertum auch problematisch.

Die Vermarktung eines Lebensstils

Ich kann mir noch so viele blumige Selbstbeschreibungen dieser schönen, neuen Unternehmen ansehen, trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es auch ihnen in erster Linie ums Verkaufen geht. Vielleicht nicht schwerpunktmäßig um den Verkauf ihrer Produkte, aber um die Vermarktung eines bestimmten Lebensstils, den sie für so einmalig und durchdacht halten, dass sie ihn Guru-mäßig in die ganze Welt hinaustrompeten müssen.

So halten die beiden Gründer von Einhorn, einem Berliner Start-up für vegane und nachhaltige Designkondome und Periodenprodukte, regelmäßig Vorträge darüber, wie ihre hierarchielosen Strukturen funktionieren: Es gibt keine Chefs mehr, die Mit­ar­bei­te­r*in­nen dürfen über ihre Löhne, Arbeitszeiten und Urlaubstage selbst bestimmen – außer sie sind Putzkräfte oder Produzent*innen, so erfährt man es in einem Interview von „Jung & Naiv“ Anfang 2020.

Hinzu kommen Kooperationen wie mit dem Onlinemagazin Edition F, die gemeinsam mit Einhorn anlässlich des Weltmenstruationstags 2020 zur „welt­ersten Periodenparty“ auf Zoom einluden, bei der zum Beispiel auch die Spiegel-Bestseller-Autorin und Feministin Mithu M. Sanyal zu Gast war. Und wäre Corona nicht dazwischengekommen, hätte Einhorn mit der Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer und anderen In­flu­en­ce­r*in­nen zu einer Bür­ge­r*in­nen­ver­samm­lung ins Berliner Olympiastadion eingeladen, um mit einer Art Petitionen-Exzess ihr Lieblingsmotto „Unfck the World“ umzusetzen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Es ist ganz schön größenwahnsinnig zu glauben, dass man mit ein bisschen Partypolitik die Welt verbessern kann. Nur weil das ein Mal mit der Senkung der Tamponsteuer geklappt hat, heißt das noch lange nicht, dass es beim nächsten Mal wieder funktioniert – zumal sich das Start-up da ja auch bloß auf das Vorhaben zweier Aktivistinnen draufgesetzt hatte, die so etwas schon länger forderten. Und jetzt mal ehrlich: Erscheinen die meisten Marketingaktionen dieser kommerziellen Welt­ret­te­r*in­nen nicht erschreckend unterkomplex und simpel? Seit sie die Period-Revolution unterwandert haben, kann ich die Bewegung nicht mehr ernst nehmen.

Ich will nicht in einer Gegenwart leben, die wie in David Foster Wallace’ Roman „Unendlicher Spaß“ jedes Jahr aufs Neue an ein anderes Unternehmen verkauft wird, sodass es dann nicht mehr heißt: „Wir leben im Jahr 2021“, sondern „wir leben im Jahr des ‚Periodenslips Alltagsheldin‘“ oder so. Und ich will auch nicht, dass mir Silicon-Valley-Verschnitte wie die Einhorn-Jungs oder der hausbackene Onlineshop „Erdbeerwoche“ minutiös erklären, wie das mit der Handhabung von Menstruationsprodukten eigentlich wirklich geht („Das hier ist kein Topflappen und auch kein Geschirrtuch, sondern eine Stoffbinde“) – what?!

Die Scham nehmen, schlechtes Gewissen geben

Aber fast am schlimmsten finde ich, dass mir diese vermeintlich progressiven Unternehmen zwar die Scham vor meiner Monatsblutung nehmen wollen, sie dafür aber eins zu eins mit einem schlechten Gewissen ersetzen: Guck mal, wenn du diesen Perioden-Slip kaufst, spenden wir einen an eine Frau, die sich keinen leisten kann (das willst du doch auch, oder?), und wenn du diese Menstruationstasse kaufst, tust du etwas Gutes für die Umwelt (da bist du doch dabei?) – oder willst du nicht gleich den Free-Bleeding-Online-Kurs besuchen? Dann brauchst du gar keine Produkte mehr. Sechs Module für unschlagbare 49 Euro!

Mich machen diese ständigen moralischen Appelle von Start-ups, selbsternannten Coaches, Menstruations-Aktivist*innen und ihrer Gefolgschaft in den sozialen Kanälen, Magazinen und TV-Beiträgen langsam richtig wütend.

Und wenn bei einem Menstruationsprodukt dann auch noch ein Schokoriegel oder Sinnspruch beiliegt, ist es mit meinem Verständnis endgültig vorbei. Echt mal, Leute, lasst mich in Ruhe mit eurem Quatsch. Ich will einfach nur einen Tampon!

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Hat mal Jura studiert und danach Kreatives Schreiben am Literaturinstitut Hildesheim. Hat ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung gemacht und Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Schreibt über feministische Themen, Alltagsgeschichten, Theater, Literatur und Film.

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