Die Sondergipfel von Nato, EU und G7: Alternativlose Eskalation

Weder Putin noch der Westen haben genug Druckmittel in den Händen. Erst wenn das Kräfteverhältnis kippt, werden Verhandlungen denkbar.

Eine Statur ist in Schutzfolie verpackt, eine andere daneben ist zu sehen

Statuen in einer Kirche in Lemberg Foto: Carol Guzy/dpa

Einen Krieg durch Verhandlungen zu beenden hat immer zwei Voraussetzungen. Erstens müssen beide Seiten zur Überzeugung gelangt sein, militärisch nicht gewinnen zu können. Und zweitens müssen für die Machthaber beider Seiten die politischen Kosten einer Fortführung des Krieges höher sein als die der Aufgabe politischer Maximalforderungen.

Als dritte Regel kommt hinzu, dass beide ­Seiten niemals öffentlich zugeben, an diesem Punkt ­angelangt zu sein. Deshalb behauptet Präsident Wladimir Putin, die Sanktionen des Westens seien ärgerlich­, aber letztlich nicht so schlimm, und die „Spezialoperation“ laufe nach Plan – und der ­Westen tut so, als sei er bereit und in der Lage, die auch für die eigenen Wirtschaften schädlichen Sanktionen unendlich lange durchzuhalten und die ukrainischen Verteidigungs­linien mit immer mehr Waffenlieferungen zu halten.

In Moskau scheint man zwar inzwischen begriffen zu haben, dass die ursprünglichen Vorstellungen darüber, wie leicht die ukrainische Armee auszuschalten, Selenski zu stürzen und eine Marionettenregierung einzusetzen sei, mit der Realität wenig zu tun hatten. Aber die Reaktion auf diese Erkenntnis ist nicht Verhandlungsbereitschaft – die würde Schwäche signalisieren –, sondern die immer stärkere Bombardierung der Städte, die mit der nahezu vollständigen Zerstörung Mariu­pols ihren ersten schrecklichen Höhepunkt erreicht hat. Wir wissen nicht, ob wir euch besiegen, aber euer Land kaputtmachen können wir ganz sicher, wir haben dabei keine Eile und können jederzeit weiter eskalieren. Das ist Moskaus Position der Stärke.

Dem haben die Regierungen des Westens, die sich am Donnerstag in Brüssel zu Sondergipfeln von Nato, G7 und Europäischer Union versammeln, nicht so viel entgegenzusetzen. Bemüht, den Krieg nicht über die Grenzen der Ukraine hinausgehen zu lassen, setzen sie sich selbst enge Grenzen der militärischen Einmischung, auch wenn die natürlich de facto durch die Lieferung von Waffen und militärischen Aufklärungsinformationen längst stattfindet. Und die Sank­tio­nen zielen klar auf einen in Russland selbst herbeigeführten Regimewechsel – der aber derzeit wenig wahrscheinlich erscheint. Sie sind dennoch das schärfste Schwert, das der Westen anzuwenden bereit ist.

So werden die Staatschefs in Brüssel vermutlich die Sanktionen weiter verschärfen, den Druck auf Deutschland erhöhen, Energieimporte aus Russland nun endlich zu beenden, und weitere Waffenlieferungen an die Ukraine ankündigen. Die Eskalation geht also weiter – und dazu gibt es furchtbarerweise kaum eine Alternative. Um den Frieden irgendwann verhandeln zu können, muss die Zermürbung offensichtlicher werden. Was dann von der Ukraine noch übrig ist, ist allerdings fraglich.

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Jahrgang 1965, Nicaragua-Aktivist in den 80ern, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft. In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

▶ Die Liste finden Sie unter taz.de/ukrainesoli

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