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Die Kunst der WocheVom Groschen zum Gold

Impulsiv und anspielungsreich sind die Bilder von Walter Dahn bei Sprüth Magers. Leyla Yenirce verarbeitet in Malerei und Sound kollektive und persönliche Erinnerungen.

S chnell wie der Blitz“ steht auf dem ersten Bild, das einem in den Erdgeschossräumen von Sprüth Magers begegnet und man kommt gar nicht umhin, da ein nicht vorhandenes Ausrufezeichen mitzulesen. Als wäre es eine Aufforderung, sich hier sogleich und ohne Umwege dem Werk des vor zwei Jahren verstorbenen Walter Dahns zu widmen, schnell, aber bitte intensiv. Das Bild selbst zeigt einen „Groschen“, wahrscheinlich tatsächlich hastig und spontan mit Acrylfarbe auf die Leinwand gestempelt.

Gleich daneben füllen Kleinformate eine ganze Wand. Abstraktes, Schriftbilder, Zeichnungen, Siebdrucke. Dahingekritzeltes, wie ein glubschäugiger „KGB-Dog“ (1985) unter strahlender Sonne, lässt sich da aus der Nähe betrachten, wie auch die Arbeit, die der Ausstellung ihren Namen gegeben hat: „Let’s Get Married, Let’s Get Lost“ aus 2006. Dahn verarbeitet darin eine Illustration des französischen Karikaturisten Nadar, in der sich die personifizierten künstlerischen Genres Malerei und Fotografie freundlich eingehakt haben. Quasi ein Sinnbild für den Siebdruck, den Dahn Mitte der 1980er für sich entdeckte.

Dahn, geboren 1954, hatte in den 1970ern bei Beuys studiert, wurde in den frühen 1980ern als Vertreter der sogenannten „Neuen Wilden“ bekannt, entwuchs dem aber, entwickelte eigene Codes, voller Referenzen auf Zeitgeschichte, Popkultur, Kunst, Graffiti oder Musik. Arbeiten von 1982 bis 2014 sind in der Ausstellung zu sehen. Entschlüsseln lässt sich nicht alles, was jedoch eh nicht so wichtig ist. Viel Spaß hat man dabei, so oder so.

Die Ausstellungen

Walter Dahn: „Let’s Get Married, Let’s Get Lost“. Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 19. Dezember.

Leyla Yenirce: „Core“. Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 19. Dezember

Wie im Chor

Die Affinität zu Siebdruck verbindet Dahn mit Leyla Yenirce, die am Freitag ihre neueste Ausstellung bei Capitain Petzel eröffnete. Großformatige Malerei ist da zu sehen, wandfüllende Leinwände mit darauf geschmierter und mit Pinsel wie Fingern verschmierter Ölfarbe, über die die Künstlerin Siebdrucke collagiert und Acrylkrakel gesprüht hat.

„Core“ lautet ihr Titel, wie der Englische „Kern“, der ausgesprochen aber auch wie das deutsche Wort „Chor“ klingt. Um Stimmen jedweder Art geht es denn auch, um Frauenstimmen, die Yenirce prägten: Ihre Deutschlehrerin ist zu sehen, ebenso wie die kurdische Aktivistin und Musikerin Helin Bölek, die 2020 im Hungerstreik starb, oder Leyla Zana, die 1991 als erste Kurdin ins türkische Parlament gewählt wurde. Yenirce knüpft an ihre Einzelausstellung „Werdegang“ an, die vor ein paar Monaten im Landesmuseum Oldenburg zu sehen war.

Auf die neueren Gemälde aber hat sie Abbildungen von Goldschmuck gedruckt. Fotos von Ketten und Armbändern, wie sie in kurdischen Familien zu Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten verschenkt werden, als finanzielle Absicherung der Braut. Der Zusammenhang ergibt sich über ein Zitat der 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordeten Malerin Charlotte Salomon: „Das Gold in der Kehle – Ausdruck der Seele“. Und auch der eigenen – künstlerischen – Stimme verschafft Yenirce Raum und Gehör, brachial und durchdringend, mit einem fünfminütigen Noisestück im Untergeschoss.

Beate Scheder

Beate Scheder Kulturredakteurin

Redakteurin für Berlinkultur und Theater, freie Kulturjournalistin und Autorin. Kunstkolumnistin für taz Berlin.
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