Die Freiheit nach dem Anschlag: „Viele Opfer mögen mich nicht“

Vanessa Münstermann war Ziel eines Säureanschlags ihres Ex-Freundes. In der taz spricht sie darüber, wie das ihr Leben verändert hat.

Vanessa Münstermann mit vernarbtem Gesicht

Vanessa Münstermann trägt die Spuren der Gewalt offen Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Mit dem Säureanschlag hat mein Ex-Freund mir das Leben gerettet in dem Sinne, dass es mir vorher ja schon nicht gut ging. Was aber niemand gesehen hat. Schönen Menschen darf es nicht schlecht gehen, sie haben ja alles. Depressionen, Suizidgedanken – da wurde ich abgefangen mit: „Mach mal einen Wellness-Tag“.

Da ich gelernte Kosmetikerin bin, war Schönheit immer etwas, was mich interessiert hat. Aber ich bin eine Kosmetikerin, die lieber einen Pilz-Fuß behandeln möchte oder eine Akne ausreinigt. Das hat man auch nicht wahrgenommen, weil man ein junges schönes Mädchen eben in den Verkaufsbereich stellt. Deshalb kann ich Daniel, meinem Ex-Freund, danken, dafür, dass er mir die äußere Schönheit genommen hat. Jetzt kann ich so sein, wie ich bin und werde auch so wahrgenommen.

Ich bin aus dem Koma mit den alten Suizidgedanken aufgewacht. Dann habe ich den ganzen Schwall von „Du schaffst das, wir glauben an dich“ bekommen, dadurch sind diese ganzen Minderwertigkeitskomplexe und Suizidgedanken verschwunden. Weil ich von der Außenwelt die Liebe, die ich immer gesucht habe, dann auch bekommen habe.

Da hat mir ein Neunjähriger fünf Euro gespendet und zu seiner Mutter gesagt: „Mama, ich will mir von meinem Taschengeld keine Süßigkeiten mehr kaufen, sondern das der Frau geben, der der böse Mann das angetan hat.“ Und dann soll ich aufgeben? Niemals. Das ist alles ein bisschen Trotz, ich habe ein sehr trotziges Kind in mir. Ich habe meinen Mittelfinger gehoben und gesagt: „Nee, Daniel, du hast es nicht geschafft.“ Und bin in die Medien gegangen, ganz früh, um zu zeigen: Ich gebe nicht auf.

Daniel hat mal etwas im Gericht gesagt, das habe ich damals nicht verstanden: „Ich wollte ihren wahren Charakter nach außen kehren.“ Er wollte mich hässlich machen. Aber eigentlich hat er gar nicht so unrecht. Er hat gezeigt, was ich bin. Ob die Verbrennungen schön oder hässlich sind, das kann sich ja jeder selber auf die Kappe ­schreiben, aber ich konnte mich so zeigen, wie ich bin.

Wahrscheinlich habe ich diese bösen Gefühle nach außen gekehrt, wahrscheinlich sehen Suizidgedanken hässlich aus. Das ist für mich eine Chance, endlich zu sein, wer ich bin. Ich brauche jetzt kein Make-up mehr auflegen, um zu sagen: Die Welt ist in Ordnung. Die Welt ist nicht in Ordnung und das ist okay. Ich bin jetzt so frei, bei Lidl an der Kasse zu weinen, weil ich traurig bin.

Das ist wahrscheinlich auch Selbstschutz, so zu denken, aber egal, wie ich mich jetzt schminke: Wie eine zweite J. Lo werde ich nicht mehr aussehen. Gewollt und nicht gekonnt – deswegen habe ich auch kein richtiges Auge. Als ich vor meinem Okularisten saß, habe ich geheult und gesagt: „Das Auge kommt nur raus, wenn ich keine normale Prothetik kriege.“ Hätte ich einen Autounfall gehabt und nur mein Auge verloren, wäre ich die Letzte, die mit so einem Auge rumrennen würde. Da muss man abwägen.

Das Tattoo auf die vernarbte Haut machen zu lassen, war gefährlich. Es ist das Zeichen für Schwefelsäure, weil die Leute immer glauben, ich bin verbrannt. Nein, ich bin Säureopfer. Feuer und Brand sind schon Arschlöcher, die greifen die Knochen an. Aber Säure wirkt nach. Ich glaube, mein Professor hat die Augen verdreht, als er das gesehen hat.

Das Augenlicht genommen

Ich bin energielos dahingehend, jemandem zu gefallen, der Norm der Gesellschaft zu entsprechen. Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird ist: Ist es nicht das Ziel, in die Gesellschaft zurückzugehen? Es geht auch um Arbeit und da sage ich: Natürlich, aber dann möchte ich in die Kosmetik zurück. Das Problem ist nur, dass Daniel mir auf einer Seite das Augenlicht genommen hat. Ich darf keine Zange, kein Skalpell mehr anfassen.

Das ist die bittere Pille, mit der ich zu kämpfen habe und weshalb ich in Therapie bin – dieses Genommene, dieser Rattenschwanz, von dem Richter Rosenbusch im Prozess gesprochen hat, was ich damals nicht verstanden habe: Ich habe Schwankschwindelprobleme, gegen die ich dreimal täglich ein Medikament nehme. Gestern habe ich mich mal wieder getraut, mit meiner Tochter schaukeln zu gehen, und musste mich übergeben, weil mein Kopf das nicht mehr mitmacht.

Da muss eine Durchblutungsstörung gewesen sein, dadurch, dass das halbe Gesicht weg ist. Ich gondel von Ärzten zu Ärzten und das ist das, was schmerzt: dieses nicht ausgelassen am Leben teilzunehmen. Nachts diese Ängste zu haben. In der Wohnung musste mein Mann eine Zwischentür einbauen, weil ich große Räume nicht mehr ab kann.

Und das ist nicht sichtbar. Auch in den Medien bekomme ich keinen Raum dafür. „Du bist die starke Frau“ – es ist bestimmt stark, aber es ist auch ein ganz schöner Akt. Ich bin 32, das ist eigentlich kein Leben, das eine 32-Jährige führen sollte. Die sollte sich gerade ihr Business aufgebaut haben, weil sie mitten im Leben steht, Chancen kriegen und nicht kraftlos um 20 Uhr ins Bett gehen. Das sollten die Leute auch sehen.

Wer schützt mich dann? Keiner.

Und was passiert, wenn Daniel in sieben Jahren rauskommt, wer schützt mich dann? Keiner. Ideen, was ich dann machen kann – den Menschen muss ich noch kennenlernen, der dazu mehr sagt als: Du musst abwarten, vielleicht kommt er gar nicht. Ich werde ja vom „Weißen Ring“ angeschrieben mit der Frage: Wir haben hier einen Stalking-Fall, wie verhalten wir uns? Da ist die Machtlosigkeit sehr groß. Und natürlich habe ich keine Antwort – sonst würde ich ja nicht so aussehen wie ich aussehe.

Die Idee, den Verein „AusGezeichnet“ zu gründen, kam mir schon auf der Intensivstation. Das hat sich daraus entwickelt, dass ich Spenden erhalten habe, und die wollte ich in die Gesellschaft zurückgeben. Auf der Intensivstation dachte ich, ich bin die Einzige, die so verätzt worden ist, ich bin die Einzige, die so aussieht – ich möchte mich nicht so alleine fühlen. Ich hatte mein Buch in den Krankenhäusern ausgelegt, auf den ersten Seiten standen meine Kontaktdaten. Die Leute haben mich dann über Instagram und Facebook gefunden.

Jetzt wird der Verein aufgelöst. Es waren eher wenig Säure- und Verbrennungsopfer. Ich habe gemerkt, dass es eher Femizide sind, ich habe meinen Schwerpunkt verkannt. Im Endeffekt bin ich eine Frau, die durch die Gewalttat eines Mannes geprägt worden ist. Mit Geldern kann ich niemandem mehr helfen, aber ich glaube, dass ich das auch gar nicht mehr muss. Die Wunschvorstellung ist: Man mietet ein Café für zwei Stunden an, ich sitze da und die Leute, die mich treffen wollen, Verbrennungsopfer, Leute, die anders aussehen, Leute, die ihre Narben innen tragen, die können mit mir reden. Ich möchte greifbar sein.

Ich war bei sieben Psychiatern, drei wollten Freunde sein, die anderen Mutter oder Vater. Ich will keine Therapeuten anprangern, ich habe jetzt einen guten, aber den muss man erst finden. Und dann sitzt ein Schönling oder eine Schönheit vor dir und sagt: Ach, das Aussehen ist gar nicht so schlimm – da fühlst du dich doch komplett verarscht.

Wenn ich da sitze, ist da jemand, die genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn dein Ohr amputiert worden ist und sagt: „Ja, es ist scheiße und bei den Schmerzen hast du ins Bett gekackt.“ Ich benutze dann auch Fäkalwörter, am Anfang habe ich versucht, mich zu verstellen, weil die Medien das immer rausschneiden müssen, heute mach ich das nicht mehr. Man soll das gute Opfer sein, bis ich gesagt habe: Ich bin aber nur Opfer.

Ich gehe an den Lebenswillen ran. Was hat ein Verbrannter, der scheiße aussieht, denn für Fragen: Werde ich noch geliebt? Werde ich noch angefasst? Kann ich Kinder haben? Das sind Dinge, die ich beantworte, und ich ecke an, weil ich sie nicht beschönige. Es gibt viele unter den Opfern, die nur Opfer sein wollen und ich kann kein Opfer retten, niemanden, der sich in seiner Rolle wohl fühlt. Mein Ziel ist, dass der Mensch wieder bedingungslos leben und lieben kann. Wir müssen nach vorne leben.

Ein Kind zeigt mit dem Finger und lacht

Bei uns gegenüber ist eine Schule, da sind immer Kinder. Eines steht vor mir, zeigt mit dem Finger und lacht mich aus. Die Lehrerin fragt: „Das macht man nicht. Warum lachst du?“ – „Sie hat rote Haare.“ Wie wundervoll sind Kinder bitte. Und wovor hast du Angst – das sind die eigenen Dämonen. Ich weiß, was das für Überwindung kostet, ich habe bis heute Angst.

Mein erstes Wort, als ich aus dem Koma erwacht bin, war „Danke“ den Schwestern gegenüber. Das erwarte ich von den Opfern. Du hast dich zu bedanken, dass sie deinen Hintern abgewischt haben. Das wird zwar von der Krankenkasse bezahlt, trotzdem kannst du dankbar sein. Wäre es dir in einem anderen Land passiert, wärst du vielleicht auf der Straße geblieben.

Ich weiß, viele Opfer mögen mich nicht, aber das ist nicht mein Problem. Sie mögen mich nicht, weil ich sie angreife. Das verstehe ich – aber ohne Kritik geht es nicht. Opfer ist für mich ein rein neutraler Begriff. Was die Medien daraus machen, ist ihnen überlassen. Was wollen sie ihren Lesern geben: einen hoffnungsvollen Fall oder anecken und die meisten klicks generieren.

Ich habe mir auch „two face“ tätowiert, aber da geht es nicht nur um mein Gesicht. Ich kann meine Situation rational und emotional sehen. Die rationale Seite: Ich lebe in Deutschland, ich bin nicht gestorben, alles gut. Ich habe zwar nur eine minimale Rente, aber mein Mann verdient gut. Die emotionale Sicht: Ich muss alle zwei Jahre meine Erwerbsminderungsrente durchboxen, da muss ich bestätigen, dass mein Auge immer noch nicht nachgewachsen ist, dass das Ohr immer noch fehlt. Auf dem Arbeitsmarkt bin ich nichts mehr wert, ich habe noch fünf große Operationen vor mir, da wird mich keiner einstellen.

Mein Mann verdient gut – aber warum muss ich mich wieder von einem Mann abhängig machen?

Den ganzen Schwerpunkt zur „Macht der Opfer“ lesen Sie in der Nordausgabe der taz.am Wochenende oder hier.

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