Die Feministin Rita Süssmuth: Mit Mut und Resilienz
Mit Rita Süssmuth ist die vermutlich letzte Feministin der Bundes-CDU gestorben. Sie platzierte Frauenpolitik dort, wo sie hingehört: im Bundestag.
Der feministische Protest allein auf der Straße hätte nicht gereicht. Es brauchte eine wie Rita Süssmuth, die den gesellschaftlichen Wandel innerhalb der Institutionen angestoßen hatte. Als Süssmuth 1986 – ein Jahr nach ihrem Amtsantritt als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit – ihr Haus um die Abteilung „Frauenpolitik“ erweiterte, kam das einer Revolution gleich. Damit war nicht nur offiziell der Kulturwandel im damals noch nicht verbal geprägten Geschlechtergefüge eingeleitet, es war der Beginn der institutionellen Frauenpolitik der Bundesrepublik. Und die war damals geprägt durch hegemoniale Männlichkeit: Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft – kein Bereich, in dem nicht Männer „regierten“.
Für Frauen im damaligen Westen hatte das die bekannten Folgen: ein Dasein vor allem als Hausfrau, Abtreibungsverbot, kein Mitspracherecht in Politik, Wirtschaft, gesellschaftlichen Fragen. Zwar forderte die seit Ende der 1960er Jahre entstandene „neue Frauenbewegung“ mehr weibliche Mitbestimmung in allen Lebensbereichen, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und eine Kriminalisierung von Partnerschaftsgewalt. Zudem gab es ab Anfang der 1970er Jahre die ersten Frauenzentren – aber erst Rita Süssmuth manifestierte eine sogenannte Frauenpolitik dort, wo sie hingehört: im Bundestag. Und leitete ein, was man bald als den leidigen „Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.
Das führte zu heftigen Auseinandersetzungen, insbesondere mit Kanzler Helmut Kohl, der sie zwar als Familienministerin berufen hatte, wohl aber nicht ahnte, dass sich Süssmuth mit einer bis dahin in der Bundespolitik unbekannten weiblichen Selbstermächtigung zur ersten bundesdeutschen Frauenministerin machen würde.
Als diese provozierte sie die Konservativen in der CDU sowie die Traditionellen im Land allein dadurch, dass sie ihre Familienpolitik nicht allein auf Verheiratete fokussierte, sondern Lebensgemeinschaften ohne Trauschein als gleichwertig einordnete. Bei „moralischen“ Fragen kannte sie kein Tabu, so auch nicht beim Benennen von Sexualpraktiken im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids. Das erforderte in den verklemmten 1980er Jahren Mut und Resilizenz, erst recht als Frau. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, sagte sie immer. Und so agierte sie auch, als sie 1988 als Bundestagspräsidenten weggelobt, aber eigentlich weggemobbt wurde.
Für das Recht auf Abtreibung
So umstritten sie in der männlichen Union war, so beliebt war sie bei den Frauen im Land. Und das nicht nur für ihren Einsatz gegen den Abtreibungsparagrafen 218 und Sätzen wie „Hören wir endlich auf, Frauen für unfähig und nicht verantwortungsfähig zu halten.“ Sondern auch später, nach dem Fall der Mauer, als sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen stark machte. Rita Süssmuth wusste – theoretisch und aus eigenem Erleben –, dass es mehr Frauen in Entscheidungspositionen braucht, um männliche Macht und Gewalt zu brechen zugunsten von Rechten für Frauen und Minderheiten.
Und so kämpfte sie als Chefin der Frauenunion dafür, dass die CDU wichtige politische Ämter zu einem Drittel mit Frauen besetzt – und vertrat damit eine ganz andere Linie als Kanzler Friedrich Merz, der paritätische Wahllisten ablehnt. Mit Rita Süssmuth, die 2022 mit ihrer Streitschrift „Parität jetzt! Wider die Ungleichheit von Frauen und Männern“, eine eindeutige Richtung wies, ist die vermutlich einzige und letzte Feministin der Bundes-CDU (als die sich selbst nie bezeichnet hatte) gegangen. Keine der aktiven Christdemokratinnen – Achtung, steile These – hat das Zeug und das Interesse an einer Gleichstellungspolitik, wie sie Rita Süssmuth eingefordert und zu Teilen durchgesetzt hatte.
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