Dickfeindlichkeit in der Pandemie: Die Corona-Wampe als Feind

Viele freuen sich dieser Tage auf die Rückkehr der „alten Normalität“. Eine Normalität, die für dicke Menschen oft Diskriminierung bedeutet.

Menschen mit und ohne Schwimmreifen tummeln sich im Freibadbecken

Abwertenden Blicken sind dicke Menschen vielerorts ausgesetzt Foto: Eric Brinkhorst/HH/laif

Als dieses verdammte Virus im letzten Jahr unseren Alltag veränderte, wurde ein nicht unerheblicher Teil der sonst mobilen Bevölkerung in die eigenen vier Wände verbannt. Wer nicht in der Fabrik, im Krankenhaus oder anderweitig systemrelevant außer Haus malochte, verbrachte mehr Zeit zu Hause, hatte weniger Bewegung und hortete Snacks für den gefühlten Weltuntergang. Es folgten die ersten Witze und Warnungen über die drohenden Corona-Pfunde. „Lasst uns zusammen dick werden, dann muss ich mich nicht alleine schämen, wenn Corona vorbei ist“, twitterte ein Bekannter.

Auch über ein Jahr später, mit stetig steigenden Impfquoten, kommen neue Kalauer dazu: Kürzlich sah ich ein Comic, auf dem zwei dicke Menschen in ihrem Zuhause vor einer schmalen Tür stehen, darunter der Spruch: „Corona ist weg – aber wie kommen wir da jetzt wieder raus?“ Etliche Medien titelten: „Warum Corona dick macht“ oder „Dick und depressiv durch die Pandemie“. Der Stern warnte in einer Ausgabe vor der „Corona-Wampe“ und empfahl gleich eine Reihe von Diäten.

Die Angst vor dem dicken Bauch generiert mächtige Schlagzeilen – selbst in einer der größten Gesundheitskrisen unserer Zeit: Millionen Corona-Infizierte, allein in Deutschland knapp 90.000 Todesfälle und viele, die auch Monate nach ihrer Infektion noch von gesundheitlichen Einschränkungen berichten. Wer diese Artikel liest, könnte meinen, der wirkliche Feind dieser Zeit sei die Corona-Wampe. Manche scheinen mehr Angst vor ein paar Pfunden als vor einer veritablen Infektionskrankheit mit potenziell tödlichem Verlauf zu haben.

Es überrascht nicht. Hohes Gewicht wird seit den 1990er Jahren als „globale Epidemie“ gerahmt, zentral war da eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation von 1997 mit dem richtungsweisenden Titel: „Adipositas: Verhütung und Bewältigung einer weltweiten Epidemie“. Nach dieser Konferenz wurde eine weltweit einheitliche Definition für Gewichtskategorien geschaffen. Herhalten musste der bereits existierende, aber in Deutschland bis dato kaum angewandte Body-Mass-Index, kurz BMI. Dieser steht in einer rassistischen Geschichte des Vermessens und Kategorisierens von Menschen anhand körperlicher Merkmale. Die Norm stellt hier der weiße, schlanke und nichtbehinderte Körper dar.

Gerade noch „normal“, nun „übergewichtig“

Mittels einer einfachen Rechnung konnte nun jeder Mensch ausrechnen, ob er „Normalgewicht“ hat. Nebenbei lernt man, wer aus diesem „normal“ rausdefiniert wird: Menschen mit hohem Gewicht. Die neu definierten Grenzwerte setzten sich binnen weniger Jahre weltweit durch. Heute hängen BMI-Tabellen in Arztpraxen, Gesundheits- und Sportzentren und teilen uns fein säuberlich in Boxen ein, die Auskunft über unsere Gesundheit, gar über unsere Lebenserwartung geben sollen. In den USA, in denen vor der globalen Vereinheitlichung des BMI viel höhere Werte galten, wurden nach Übernahme der neuen Maßeinheiten ganze 35 Millionen Menschen mehr als übergewichtig definiert – ohne, dass sie auch nur ein einziges Pfund zugelegt hatten.

Magda Albrecht ist Autorin und politische Referentin. 2018 erschien ihr Buch „Fa(t)shionista – Rund und glücklich durchs Leben“

Wer vorher als „normal“ galt, war nun „übergewichtig“. Profitiert haben vor allem die milliardenschweren Pharma- und Diätindustrien; einige ihrer Akteure hatten die oben erwähnte Konferenz übrigens mitorganisiert.

Die neu definierten „Übergewichtigen“ ließen die sogenannte Dicken­epidemie nicht nur real aussehen, sondern versprachen auch einen lukrativen Absatzmarkt. Diätprodukte, Diätpillen, Abnehmkuren, Fitnessgeräte, you name it. Die Berichterstattung über die angebliche „Killerkrankheit Übergewicht“ begann sich zu überschlagen. Dabei ist die einfache Erzählung „dick gleich ungesund“ wissenschaftlich höchst umstritten. Studien gibt es zuhauf, einheitliche Antworten nicht.

Und obwohl so viel über Gesundheit und Dicksein gesprochen wird, bleibt ein Thema gänzlich ausgespart, nämlich was Pathologisierung, also die pauschale Einordnung eines hochgewichtigen Körpers als „krank“ oder zumindest „gefährdet“, mit der Gesundheit von dicken Menschen macht. Hat die aktuelle Angst vor den Corona-Pfunden womöglich mehr mit restriktiven Körpernormen (mit denen sich eine Stange Geld verdienen lässt!) als mit Gesundheit zu tun? Ich meine: ja.

Noch bevor ich lesen oder schreiben konnte, wurde ich von Ärztinnen zum Kalorienzählen animiert. Wenn ich eines als Kind gelernt habe, dann, dass mein Körper „falsch“ sei: Zu viel, nicht schön genug, krankheitsgefährdet. Schon als Jugendliche hatte ich eine Diätkarriere hinter mir, die sich sehen lassen kann: Abnehmcamps, etliche gescheiterte Diäten, viele Tränen. Gesund war das nicht. Im Gegenteil: Vielmehr haben sich Gefühle der Unzulänglichkeit, des Scheiterns festgesetzt, die mich bis heute begleiten, auch wenn sich meine Wut heute nicht mehr gegen meinen Körper, sondern dessen Abwertung richtet.

Stigmata mit Folgen

Die Selbstzweifel entstehen nicht im luftleeren Raum: In der repräsentativen XXL-Studie der DAK-Gesundheit von 2016 gaben über 70 Prozent der Befragten an, dass sie hochgewichtige Menschen „unästhetisch“ finden. 15 Prozent vermeiden den Kontakt mit ihnen. Dicksein steht heute für vieles, was im Kapitalismus einer Todsünde gleicht: Faulheit, Armut, mangelnde Attraktivität, niedriger Bildungsgrad, unangenehme Gerüche. Diese Stigmata sind nicht folgenlos. Sie zeigen sich in den kleinen täglichen Abwertungen, ja, auch in Form von Witzchen. Oder sie manifestieren sich strukturell, zum Beispiel, wenn dicken Frauen im Berufsleben weniger zugetraut wird, was sich in geringere Aufstiegschancen und niedrigere Gehälter übersetzt.

Der lauter werdende Ruf nach einem „Zurück in die alte Normalität“ nach der Coronapandemie ist für mich daher ambivalent. Zurück ins Büro und mit den Kol­le­g*in­nen klönen, Ausflüge machen, fette Partys feiern. Den Wunsch verstehe ich, gleichzeitig weiß ich: Das alte Normal war auch nicht so geil. Was ich im Homeoffice ganz sicher nicht vermisst habe, sind die dummen Sprüche auf der Straße, die abwertenden Blicke im Freibad oder die kalorienzählenden Kolleg*innen; kurz: die ständige Erinnerung daran, dass ein dicker Körper unerwünscht ist.

Aber wenn auf etwas Verlass ist, dann auf die kreischenden Headlines, die vor den Corona-Pfunden warnen. Bloß nicht vergessen, dass der dicke Körper als Risiko für alles Mögliche gilt. Egal, ob Kopf-, Rücken- oder Menstruationsschmerzen, Bluthochdruck oder Depressionen, einen ärztlichen Tipp kennen die meisten dicken Menschen: Nimm ab! Ich fühle mich immer etwas lächerlich, wenn ich daran erinnern muss, dass auch dicke Menschen komplexe Wesen sind – und Kilos nicht an allem „schuld“ sind.

Die Tatsache, dass Hochgewichtige in den Corona-Impfpriorisierungen der Bundesregierung relativ weit oben auftauchten, hat mich trotzdem überrascht: Menschen mit einem BMI über 40 landeten in der zweiten Priorisierungsgruppe, Menschen mit einem BMI über 30 in der dritten. Während andere – darunter auch Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen sowie ihre Angehörigen – dafür kämpfen mussten, überhaupt priorisierten Zugang zu Impfungen zu erhalten, wie die Psychologin und Journalistin Rebecca Maskos für die Blätter herausarbeitete, galten dicke Menschen allein aufgrund ihres Gewichts als Risikogruppe.

Hengameh Yaghoobifarah schrieb dazu kürzlich in der taz: „Verbirgt sich hinter der pauschalen Einstufung von Menschen mit Ü-30-BMI als Risikogruppe Fat-Shaming? Mag sein. Ist der BMI ein fragwürdiges Konzept? Safe. Feiere ich diese Entscheidung trotzdem? Definitiv. Zum ersten Mal springt aus meinem Gewicht ein Privileg für mich raus.“

Oder wie ich es nennen würde: Ausgleichende Gerechtigkeit. In einer Gesundheitskrise, in der Menschen mit Körpern, die nicht der Norm entsprechen, auf unterbezahltes und überarbeitetes Personal treffen, das wenig Zeit und mitunter zu wenig Sensibilität für (Mehrfach-)Diskriminierung hat, bekommt das Wort Risikogruppe eine ganz neue Bedeutung.

Dagegen helfen übrigens nicht nur Fortbildungen zu Antidiskriminierung. Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das nicht Profite, sondern den Menschen zentriert. Wem die Gesundheit von dicken Menschen, ach, was rede ich, von allen Menschen wirklich am Herzen liegt, lässt die dickenfeindlichen Witzchen sein und steckt die Energie lieber in den Kampf für eine flächendeckende, diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung.

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