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Studie im Auftrag der DiakonieDer Backhausenhof und seine „Strichjungen-Problematik“

Mehr als noch eine Missbrauchsstudie: Am Beispiel eines Diakonie-Heimes wird der Zusammenhang von Heimerziehung, Gewalt und Sexualität beleuchtet.

Es ist ein bisschen zu einem Déjà-vu geworden, in den vergangenen 25 Jahren: noch eine Studie, zu noch einer Einrichtung. Noch einmal die gruseligen Schilderungen von Prügelstrafen, Demütigungen, sexueller Gewalt, Zwangsarbeit – was in der Heimerziehung halt so üblich war, über einen viel zu langen Zeitraum hinweg, im Westen genauso wie im Osten.

Für die Opfer und die Institutionen ist das natürlich wichtig, wie soll man die eigene Geschichte sonst aufarbeiten können. Für Unbeteiligte wird es aber irgendwann repetitiv – man merkt das auch an der sinkenden medialen Aufmerksamkeit.

Im Fall der Studie, die von der Dachstiftung Diakonie am Montag in Hannover vorgestellt wurde, ist das allerdings schade. Die 120-seitige Untersuchung des Berliner Historikers Uwe Kaminsky beleuchtet die Zustände auf dem Backhausenhof in Burgdorf bei Hannover zwischen 1965 und 1985. Und was er dabei auch beleuchtet, ist, wie sich die zeitgenössischen Diskurse um Erziehung und Sexualität hier konflikthaft widerspiegeln.

Der Backhausenhof gehörte zum Stephansstift, einer diakonischen Einrichtung, die eine ganze Reihe von Erziehungs- und Lehrlingsheimen für Jungen unterhielt. Es sollte ab 1965 männliche Kinder und Jugendliche mittels „Arbeitstherapie“ auf das Erwerbsleben vorbereiten. Was in den meisten Fällen bedeutete, dass die Jungen auf Feldern oder zeitweise auch in einer eigenen Werkhalle Zwangsarbeit verrichten mussten.

„Verführung“ statt Gewalterfahrung als Problem

Der Alltag war geprägt von der Gewalt der – oft unzureichend ausgebildeten – Erzieher und der Jungs untereinander. Zwar gab es schon lange Versuche, das allzu exzessive Verprügeln einzuschränken, schreibt Kaminsky. Theoretisch sollten keine Riemen und Rohrstöcke mehr zum Einsatz kommen, theoretisch mussten Züchtigungen in Strafbücher oder Straflisten eingetragen werden, die dann vom Landesjugendamt kontrolliert werden sollten. Aber praktisch konnte diese Art von Buchhaltung natürlich nicht effektiv kontrolliert werden, Landesjugendamt und Leitungen beschränkten sich meist auf folgenlose Ermahnungen.

Sexuelle Aufklärung fand in der Regel nicht statt, manche hielten sie eher für die Wurzel allen Übels. Auch das ist ein Argument, das einem heute in rechten Kreisen wieder begegnet

Ähnlich folgenlos blieben sexuelle Übergriffe. Anhand mehrerer Beispiele zeigt Kaminsky auf, wie auf solche Vorkommnisse reagiert wurde: mit Verschweigen, Vertuschen, Versetzen. Sexuelle Aufklärung fand in der Regel nicht statt, manche hielten sie eher für die Wurzel allen Übels. Auch das ist ein Argument, das einem heute in rechten Kreisen wieder begegnet.

Anfang der 70er-Jahre häuften sich die Diskussionen darüber, dass Heimkinder fortliefen und sich am Hauptbahnhof Hannover in der Stricherszene herumtrieben. Doch niemand kam auf die Idee, dies als logische Fortsetzung einer von Gewalt und Übergriffen geprägten Kindheit und Jugend zu begreifen.

Schuld waren Verführer von außen, die allgemeine gesellschaftliche Liberalisierung im Hinblick auf Homosexualität, die mangelnde Werteorientierung der Jugendlichen, die sich für eine Aufbesserung des Taschengeldes prostituierten.

Vom Kinderheim zur JVA

Und Kaminsky beschreibt nicht nur diesen Zusammenhang von Heimerziehung, Gewalt und Sexualität als etwas, das weit über dieses spezielle Heim hinausweist. Er zeichnet auch nach, wie widersprüchlich und widerspenstig das System an sich war.

Da waren einerseits die großen gesellschaftlichen Debatten über Erziehung und Sexualität, auf die man irgendwie reagieren musste und vielleicht auch wollte. Zum Beispiel reagierte man auf APO-Forderungen und die Heimbefreiungsbewegungen der Studentenbewegung, indem man Zugeständnisse machte und Heimbeiräte einrichtete.

Andrerseits gab es aber eben auch große Beharrungskräfte, die sich zum Beispiel noch einmal zeigten, als zunehmend Psychologen angestellt wurden – deren Einmischungen wurden von den pädagogischen Kräften aber erst einmal als Zumutung empfunden und abgewehrt.

Am Ende führten die verschiedenen Versuche des Backhausenhofes, sich neu aufzustellen, im Übrigen zu nichts. Die Jugendämter setzten zunehmend auf ambulante Hilfen, Gerichte wurden vorsichtiger mit der Herausnahme von Kindern aus ihren Familien. Der Backhausenhof wurde zum Auslaufmodell. 1985 verkaufte die Stiftung die Einrichtung an das Land Niedersachsen, die daraus eine Justizvollzugsanstalt für den offenen Vollzug machte.

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