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Deutschrapper Grim104Lieber zu viel Culture als zu wenig Eier

Mit „No Country for Old Grim“ veröffentlicht der Berliner Rapper Grim104 ein vibrierendes und detailgesättigtes HipHop-Album.

Rapper Grim104 Foto: Danny Kötter

Einkauf beim Discounter, um die Ecke knallt’s. Da bekommt einer eine Kugel in den Kopf. Wie bitte erklärt man’s dem Kind, wenn man in der Nähe wohnt? Und weshalb erklärt man dem Nachwuchs, dass die Luftballons im Gebüsch keine Überreste einer Geburtstagsparty sind, sondern dass damit jemand Lachgas eingeatmet hat, um zu vergessen?

Schon sind wir mittendrin in der gewalttätigen Vorstellungswelt des deutschen Rappers Grim104. Der war schon als Teil des Duos Zugezogen Maskulin einer, der Krisen zu Reimen sezierte. „No Country For Old Grim“ heißt sein neues Soloalbum.

Es arbeitet sich an politischen Widersprüchen und Gewaltspiralen ab, an der Frustration eines Indiekünstlers und dem Vatersein als Anstoß zur Perspektivverschiebung. „Wir marschieren einer großen Mitternacht entgegen“, rappt Grim104. Wie hält man es aus im anhaltenden Dämmerzustand, fragen Musik und Texte des Albums.

Zuerst einmal mit der Analyse der Verhältnisse: „Gewalt ist wie ein Brand, der in die Sprache dringt“. Grim104 ist gut im aphoristischen Songwriting. Die Auseinandersetzung mit Gewalt und ihren gesellschaftlichen Abgründen ist eines der Leitmotive seines Albums. Schon der Titel bezieht sich auf den US-Thriller „No Country for Old Men“, eine vertrackte Geschichte um Drogengeld in Texas, ein unschuldiges Paar und einen psychopathischen Auftragskiller, in der alle Beteiligten immer tiefer in den Abgrund gezogen werden.

Grim104

Grim104: „No Country For Old Grim“ (Grim104/Zebralution);

Tour: 17. 4. Knust, Hamburg; 18. 4. Conne Island, Leipzig; 23. 4. Lagerhaus, Bremen; wird fortgesetzt

Die Drastik des Films und die darin skizzierte Verrohung lässt sich natürlich auch auf die Ereignisketten unserer globalisierten Welt übertragen, die aktuell immer mehr außer Rand und Band gerät. Abgesehen von einer Verortung im differenzierten Dazwischen, durch Bekundung von Solidarität sowohl für die israelischen Opfer des Terroranschlags der Hamas am 7. Oktober als auch mit dem durch die israelische Armee verursachten Leid in Palästina, geht es Grim104 aber nicht um geopolitische Kommentare.

Nische forever

Sein Album analysiert stattdessen die eigene Verstrickung ins Chaos. Also: beobachten, sich selbst befragen, Schlüsse ziehen. „No Country for Old Grim“ ist die Selbstverortung eines 37-jährigen Rappers, der begriffen hat, dass er für immer Nische bleiben wird. Wenig Kohle, dafür künstlerische Freiheit. Das ist die Ausgangslage. Eine Zeile aus dem Song „MF Doom“ (benannt nach einem US-Underground HipHop-Helden) bringt es auf den Punkt: „Heute war der Tag, an dem der A&R von Four mir sagte, dass das mit dem Album da nichts wird, weil es zu ‚Culture‘ ist“. Die Frage ist, was „Culture“ hier bedeutet und warum gerade das ein Ausschlusskriterium für das deutsche Majorlabel Four Music/Sony sein soll.

Culture, das bedeutet, nicht anschlussfähig zu sein um jeden Preis, aber dadurch auch uninteressant für die Algorithmen von Streamingdiensten

Grims Album gibt die Antwort in 14 wütenden Songs: „Culture“, das bedeutet, nicht anschlussfähig zu sein um jeden Preis, aber dadurch auch uninteressant für die Algorithmen von Streamingdiensten. Grims Erlebnishorizont ist kleinteilig. Es geht um das Leben in Berlin-Gesundbrunnen und Wedding, Stadtteile also, die seit über einem Jahrzehnt „kommen“ sollen, wie sogar die New York Times behauptete, in denen man aber vor allem mit sozialer Ungleichheit konfrontiert ist.

Es geht um die Ambivalenz zwischen der Sozialisation im norddeutschen Dorf und der Hinwendung zur Metropole. Und natürlich geht es auch um Überlebensstrategien im Kapitalismus.

„No Country for Old Grim“ ist also „Culture“, weil es einem nicht alles offenlegt, weil es ein intensives Zuhören voraussetzt. Womit wir beim Mord vom Anfang des Textes sind. „Die haben einen Mann an der Kühnemannstraße erschossen / Ich war vorher noch da bei Lidl für Salz und Kartoffeln“, heißt es.

Die Straße liegt im Berliner Bezirk Reinickendorf und gilt als „kriminalitätsbelasteter Ort“. Von solchen Realitätsmarkern wimmelt es in Grims Geschichten. Er ist ein so guter Storyteller, dass die Geschichten auch ohne Ortskenntnisse funktionieren. Es sind fiktionale Porträts einer Entfremdung von der Kulturindustrie und der darauf folgenden Selbstsuche.

Außerdem bedeutet „Culture“ ein Potpourri subkultureller Codes. Heißt, dass zappelnde Breakbeats hier genauso eine Rolle spielen wie klirrend-kühle Wave-Sounds und Sample-Beats. Dass die stets maskiert gewesene New Yorker Indierap-Ikone MF Doom in den Songs weiterlebt, dass ein Song des Indieslackers Mac DeMarco als Sample fungiert und das dann auch thematisiert wird. Dass das klandestine „Anarchist Cookbook“ erwähnt wird, aber auch die Namen von Labels, die jenseits der Rapszene niemand kennt.

Es geht um Details. Diese machen „No Country For Old Grim“ musikalisch und poetisch originell. Sie speisen sich aus dem angereicherten kulturellen Kapital eines von Subkulturen geprägten Lebens. Zu „Culture“ für den Mainstream, aber ein Seelentröster für die „Culture“ – und vermutlich auch für Grim104 selbst.

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