Deutschrap aus Berlin: Der freshe Sound der Stadt

Vergiss Seed und Sido: Junge Rapper*innen haben in den letzten Jahren reihenweise neue Berlin-Songs geschrieben. Das hier sind die besten.

BMX-Fahrer und Skater auf dem Tempelhofer Feld

Auf dem Tempelhofer Feld kommt der Soundtrack aus der Boombox Foto: Christophe Gateau/dpa

BERLIN taz | Dickes B von Seeed war gestern, Mein Block von Sido vorgestern. Der Sound der Stadt klingt längst anders. Deutschrap ist das große Ding, so erfolgreich wie kaum ein Musikstil je zuvor – und Berlin ist seine Hauptstadt. Künstler wie Capital Bra oder Samra sind längst Superstars. Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten. Nicht immer jugendfrei oder politisch korrekt, mit einem Hang zur Verherrlichung von Drogen und Luxusmarken, schildern Rapper*innen ihr Leben in Berlin. Eine Auswahl der derzeitigen Berlin-Hits.

Juju: „Sommer in Berlin“

„Prinzenbad kann ich nur nachts gehen, denn ich bin zu fame, ja. Auf der Parkbank, auf der wir grad sitzen, lag gestern noch Schnee, ja. Und jetzt ist es immer noch warm überall, dabei ist es schon spät, ja. Bitte lass mich noch einmal am Joint ziehen, bevor ich geh, ja“

Die Neuköllnerin Juju ist eine der erfolgreichsten Frauen im Business: Ihr Track „Vermissen“ mit Henning May verkaufte sich mehr als 400.000-mal und stand auf Platz 1 der Single-Charts, und sie wurde Best German Artist bei den MTV Europe Musik Awards. Vorher rappte sie zusammen mit Nura unter dem Namen Sxtn. Ihr Spiel mit männlichen Klischees („Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“) ist durchaus als feministisches Empowerment zu werten.

Street-Credibility Gymnasium geschmissen, an Aggro Berlin orientiert und durchgestartet. Hätte auch tagsüber im Prinzenbad eine Bahn für sich allein.

Sexismus-Faktor Laut einer Auswertung des Spiegels hatten Sxtn mit durchschnittlich mehr als sieben sexistischen Begriffen pro Song die höchste Dichte aller untersuchten Künstler*nnen. „Sommer in Berlin“ ist dagegenso politisch korrekt wie taz. Mindestens.

Parental Advisory-Faktor FSK 0, weil feinster Blümchen-Pop.

Zugezogen Maskulin: „Oranienplatz“

„Nach Kreuzberg Berlin – in die Heimat der Hipster, wo die Sambatruppe beim Kulturkarneval zwar klargeht, doch sich Argwohn in den Blick legt, wenn ein schwarzer Mann im Park steht“

Der in Stralsund aufgewachsene Testo und der in Niedersachsen aufgewachsene Grim 104 sind die Neu-berliner Zugezogen Maskulin. Sie persiflieren Gangsta-Rap im besten K.I.Z.-Style. Provozierend, aber politisch korrekt, sind sie eher im Sub-Genre Abiturienten-Rap anzusiedeln. Ganz in diesem Sinne ist „Oranienplatz“ eine kritische Auseinandersetzung mit deutscher Abschottungspolitik: „Wir haben viel zu viel, um euch was abzugeben!“

Street-Credibility Als ehemalige Praktikanten der Internetseite rap.de sind Testo und Grim 104 nicht so richtig straßentauglich. Aber ihr Sound reicht, um die Mutti des Klassenbesten zu erschrecken.

Sexismus-Faktor Der Begriff „Fotzen“ steht bei ihnen nicht auf dem Index, wird aber als Selbstermächtigung gebraucht.

Parental Advisory-Faktor Nur Beatrix von Storch würde sie zensieren.

Samra & Capital Bra: „Berlin“

„Der Bulle hält uns an, doch wir haben nix gestohlen. Aber die Kugeln liegen schon im Lauf. Sie nehmen uns fest über Holland oder Polen, denn in Berlin darfst du niemandem vertrauen“

Gemessen an den Nummer-1-Hits ist der 1994 in Sibirien geborene Capital (= Berlin) Bra (= Bruder) schon jetzt der erfolgreichste Künstler der Geschichte. Zusammen mit dem dem in Lichterfelde geborenen Samra veröffentlichte er im vergangenen Oktober das Album „Berlin lebt 2“. Die beiden teilen sich die Vorlieben für Tilidin, Marlboro Gold, Gucci und Lamborghinis. Mit Bushido haben sie Beef, seit sich beide 2019 von dessen Label Ersguterjunge trennten.

Street-Credibility Schnelle Autos, Drogen, Nutten – die Getto-Kidz sind oben angekommen und lassen es alle wissen. In Neukölln und im Wedding reicht das, um selbst die coolsten Gangsta vor Ehrfurcht erstarren zu lassen.

Sexismus-Faktor Beide schaffen es nicht in die Sexisten-Top-10 des Spiegels, lassen sich in Sachen Frauenfeindlichkeit aber nicht lumpen.

Parental Advisory-Faktor Capital Bras Album CB6 wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht indiziert. Sad.

Rapkreation: „Aral“

„Uhh, ja, wir häng'n an der Aral/ Foto mit der Fam, wenn ich den Chanko in der Hand halt'/ Uhh, ja, wir häng'n an der Aral/ Picture me rollin', Böller dampft auf dem Asphalt, ey“

Rapkreation aus Kreuzberg 36 rappen auch schon mal über die alte Frau, die Gemüse in der Wrangelstraße klaut, oder an den noch immer wieder wie ein Fremdkörper erscheinenden McDonald’s an der Skalitzer Straße („Es verändert sich, doch wir bleiben da“). Denn Gentrifizierung und natürlich auch ein bisschen Bullenhass dürfen anklingen, wenn man „klischeefreien Straßenrap“ (Backspin) macht. Name-Dropping teurer Luxusmarken sucht man dafür bei Rapkreation vergeblich – mit nur einer Ausnahme. Für sie gibt es nur eine Göttin im Kapitalismus: die „Aral“. Dort nämlich hängt man mit den Jungs ab für nächtliche Posen und den ritualisierten Rausch. Der Song ist damit relatable für Dorfkinder. Beste Hook.

Street-Credibility Wer den ganzen Tag an der Aral lungert, ist Straße im Wortsinn. 1. Preis.

Sexismus-Faktor Hier wird nur das Game gebumst.

Parental Advisory-Faktor Hat er wirklich gerade Ficker gesagt? Süß.

Army of Brothers: „Sonnenallee“

„Hier geboren und kein Pass, und das spielt eine Rolle, Kanake im Mercedes – Routinekontrolle. Party auf dem Standstreifen, Knollen in die Blunts reiben – Alles klär'n mit nem Handzeichen“

Die sechs Jungs aus dem Süden Neuköllns gelten als Nachwuchshoffnung des ehrlichen Straßenraps. Wer mit Autotune und Pseudo-Gangster-Rumgeprolle nichts anfangen kann, ist bei der Army of Brothers (AOB) bestens aufgehoben. Ihr Track „Sonnenallee“ aus ihrem 2017er Erstlingswerk „Abgeführt ohne Beweise“ ist nicht nur eine Hymne auf Berlins „Problemstraße“, sondern auch Guide für alle, die sich fragen, warum man auf der Sonnenallee nie vorankommt.

Street-Credibility Statt im Bugatti fahren die Jungs im Kleinwagen durch den Kiez – das macht sie noch sympathischer.

Sexismus-Faktor Weniger schlimm als ein Venga-Boys-Songs aus den 90ern.

Parental Advisory-Faktor Neben Freundschaft, stressenden Cops und der Lieblingshood Neukölln geht es ums Ticken, Kiffen, Ziehen. Nicht gerade etwas für Sechsjährige, aber Jugendliche sollten es einordnen können.

Shindy: „Kudamm x Knesebeck“

„Kudamm Ecke Knesebeck Ecke Knesebeck, back in Berlin und ich bin nach wie vor der bekannteste Touri Höhere Sicherheitsstufe als Vladimir Putin Vielleicht treff ich Sonny bei Mientus Vielleicht treff’ ich Ari bei Fancy Wir sind alle am Handy Zu viele Bitches auf Whatsapp, ich brauche ein Nokia Guten Morgen Herr Schindler, willkommen zurück hier im Waldorf Astoria! Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler Die Wäsche, die Gäste, ich schnips’ mit dem Finger, sie bringen’s auf Zimmer“

Michael „Shindy“ Schindler, 31, geboren in Bietigheim-Bissingen, tummelt sich lieber in Charlottenburg-Wilmersdorf als in Neukölln. Er kann eigentlich alles: Beef mit Kolleg*innen und gefährliche Körperverletzung, aber auch großspurig und wunderbar sweet und selbstironisch sein (so wie in seinem Song „Highschool Musical“).

Street Credibility nur im dicken Auto.

Sexismusfaktor Erseigentlichguterjunge.

Parental Advisory-Faktor „Hier kommt der Schulschreck, nie ohne Knutschfleck.

BHZ: „Flasche Luft“

„Trink ’ne Flasche Luft in der S-Bahn/ Steilgang mit den Brüdern und den Schwestern/ Alles ist gut, hoffe, dass sich nichts verändert/ Wir lungern auf Straße, aber wir sind keine Gangster“

„Flasche Luft“ von der Schöneberger Crew BHZ ist ein Partysong, der überhaupt nicht nach Feiern und Party klingt, sondern mehr wie für die Twenty-Something-Depression am Suicide-Tuesday geschrieben. Denn wenn dienstags regelmäßig die Rezeptoren an den Syn­apsen durch die Drogenexzesse des Wochenendes so abgestumpft sind, dass sich dort wirklich kein Endorphin mehr herumtreibt, kann man schon mal traurig sein. Und man darf auch Angst bekommen, irgendwann einmal dreißig zu werden. Gegen diese biochemische Schieflage hilft wiederum eine Flasche Pfefferminzlikör in der S-Bahn. Zusammen mit den Brüdern und Schwestern, na klar.

Street-Credibility Echte Gangster schlafen nicht in der Ringbahn.

Sexismus-Faktor Frauen dürfen hier sogar Schwestern sein und sippen Luft wie alle.

Parental Advisory-Faktor Eltern finden gut, dass das Kind endlich über seine Gefühle spricht.

Pashanim: „Airwaves“

„Dunkelblaue Prada-Caps, Kalenji-Kapuze tief Du denkst, du wirst überfallen, wenn du einen von uns siehst Ball hochhalten mit Shabab und Leute grüßen nebenbei Große Louis-Taschen tragen und Piqué-Polos in Weiß Hallo, ich bin's, am Handy, red nicht wie bei Sims Kymco Roller und ich fahr, Mehringdamm den ganzen Tag Tahos wissen, kennen die Songs, 61-Berlin Bronx“

Wenn man wie Can David Bayram alias Pashanim in Kreuzberg geboren ist, kann einem Keuzberg 61 rund um Riehmers Hofgarten wie die New Yorker Bronx vorkommen. Neuköllner Rapper lächeln da natürlich nur. Klasse haben die gechillten Stücke des 19-Jährigen aber trotzdem.

Street Credibility reicht für 61.

Sexismusfaktor schulbuch­taug­­lich.

Parental Advisory-Faktor Eltern, die bei Shindy mitsingen, finden es zu soft.

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