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Deutschland lässt Afghanen im StichMehr Hilfe für Ortskräfte gefordert

In Afghanistan sterben immer mehr Menschen. Po­li­ti­ke­r:in­nen beklagen, für die gefährdeten Helfer der deutschen Mission werde nicht genug getan.

Aus Berlin

Julian Jestadt

taz/dpa | Obwohl sich die Sicherheitslage in Afghanistan weiter zuspitzt, unternimmt die Bundesregierung nur wenig für ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr. Am Montag verkündete das Auswärtige Amt, dass 2.400 Visa für Ortskräfte und deren engste Familienangehörige ausgestellt worden seien. Po­li­ti­ke­r:in­nen von SPD und Linkspartei forderten jedoch, mehr zu tun.

„Das Menschenbild von Undankbarkeit und Gleichgültigkeit, das da zum Ausdruck kommt, gefällt mir ganz und gar nicht“, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD), der auch Sprecher der SPD-Innenminister ist. Mehr Ortskräfte müssten nach Deutschland geholt werden.

Auch Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) forderte die Bundesregierung auf, den Weg für gefährdete Ortskräfte nach Deutschland zu erleichtern. Es sei wichtig, dass die Bundesregierung vor Ort dafür sorge, „dass die Menschen in Afghanistan ihre Unterstützung, ihr Flugticket, ihre Beratung, ihr Visum erhalten und dann sehr schnell nach Deutschland kommen können“.

Schon vergangene Woche kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel verstärkte Hilfe an. „Ich setze mich sehr dafür ein, dass wir pragmatische Lösungen finden“, sagte sie. Flugreisen dürften nicht an der Finanzierung scheitern. Und auch über Charterflüge müsse man nachdenken. Was aus dieser Ankündigung folgt, ist allerdings noch offen.

Immer mehr tote Zivilisten

Neben der fehlenden Unterstützung für Flugreisen kritisieren Be­ob­ach­te­r:in­nen seit Wochen, dass der Visumsprozess für Ortskräfte zu schleppend laufe. Außerdem fielen aufgrund restriktiver Regelungen viele durch das Raster.

So könnten etwa Afghan:innen, die nicht direkt, sondern über Unternehmen bei der Bundeswehr angestellt waren, nicht nach Deutschland kommen. Ähnlich ergeht es offenbar auch Ortskräften der Entwicklungs­zusammenarbeit. Mit der sich zuspitzenden Sicherheitslage werden diese Probleme dringlicher.

Einem am Montag veröffentlichten UN-Bericht zufolge hat die Zahl ziviler Opfer seit Abzugsbeginn der Nato-Truppen aus Afghanistan einen neuen Höchststand erreicht. Allein im Mai und Juni seien 2.392 Zivilisten verwundet oder getötet worden – so viele wie noch nie seit Beginn der UN-Aufzeichnungen 2009.

Der Abzug läuft seit dem 1. Mai. Die letzten Bundeswehrsoldaten sind schon seit Ende Juni wieder zu Hause. Parallel zum Nato-Abzug haben die Taliban Offensiven begonnen. Seitdem brachten sie mehr als 160 der 388 Bezirke unter ihre Kontrolle, mehrere Grenzübergänge und Teile wichtiger Überlandstraßen. Regierungskräfte versuchen, verlorene Gebiete zurückzugewinnen. Im ersten Halbjahr lag die Zahl der zivilen Opfer laut UN bei 1.659 Getöteten und 3.524 Verletzten. Das ist vergleichbar mit den Jahren 2016 bis 2018.

Damals verzeichneten die UN in dieser Zeitspanne auch jeweils mehr als 5.000 Opfer. Jungen, Mädchen und Frauen machten von Januar bis Juni 2021 fast die Hälfte der zivilen Opfer aus. Zivilisten starben vor allem durch Sprengsätze, bei Bodenkämpfen und durch gezielte Tötungen.

Für 40 Prozent der Opfer seien die Taliban verantwortlich, für 25 Prozent die Regierungskräfte. Beide Seiten wehrten sich gegen den UN-Bericht. Ein Armeesprecher sagte, die Armee hätte viele Gebiete verlassen, um zivile Opfer zu vermeiden. Die Taliban erklärten, sie hätten Zivilisten im letzten halben Jahr keinen absichtlichen Schaden zugefügt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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3 Kommentare

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  • "Der Abzug läuft seit dem 1. Mai. Die letzten Bundeswehrsoldaten sind schon seit Ende Juni wieder zu Hause."

    Warum läuft die Aufnahme der afghanischen Helfer nicht parallel zum Abzug der Soldaten? Erst nach dem wachsendem Protest der Bürger beginnt sich im deutschen Verwaltungsapparat, schleppend etwas zu verändern. Ist das Absicht?! Selbst die Kanzlerin ist hier wohl machtlos! Liegt das mal wieder an Horst Seehofer?

    Hier macht sich unser Land und die Bundesverwaltung mitschuldig an den Opfern unter den Unterstützern unserer Soldaten und den NGO`s.



    Dieses Verhalten lässt erahnen, wie es einem selbst ergehen kann, wenn man / frau in aussenpolitische Geschehnisse unserer Regierung verwickelt wird.

    Dieses Verhalten ist ein gutes Beispiel wie Vertrauen in demokratische Staatensysteme zerstört wird, und unterstützt damit den Aufbau eines islamistischen Unterdrückungsstaates der Taliban und die Zerstörung jeglicher demokratischer Veränderung in Afghanistan.

    • 8G
      83379 (Profil gelöscht)

      @Sonnenhaus:

      Weil der Abzug der Truppen vom Militär organisiert der Abzug der Hilfskräfte von der Verwaltung organisiert wird. Und die Deutsche Verwaltung kann es einfach nicht.

      • @83379 (Profil gelöscht):

        Kann schon - darf nicht.



        Ist politisch nicht gewollt.