Deutschland in der Krise: Alles nur Panikmache?
Insbesondere Lobbyisten reden die Konjunkturlage derzeit schlecht. Doch nun gibt es Zahlen, denen zufolge es dieses Jahr bergauf geht.
Foto: Udo Herrmann/imago
Ist die Wirtschaftslage doch nicht so schlimm? Ist alles nur Panikmache? Immerhin lief das Exportgeschäft zuletzt wieder auf Hochtouren. Waren im Wert von 139,3 Milliarden Euro konnten deutsche Firmen im Juni ins Ausland verticken, wie das Statistische Bundesamt am Freitag vermeldete. Das ist im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Plus von 6,6 Prozent – und vor allem ein neuer Rekord.
Der Grund für den Export-Aufschwung: Deutschland verkaufte in der ersten Jahreshälfte besonders viel an seine Nachbarn innerhalb der EU. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stiegen die Ausfuhren nach Frankreich, Österreich & Co um 7,5 Prozent. Größter Einzelabnehmer von Waren made in Germany bleiben aber die USA. Allein im Juni wurden dahin Waren im Wert von 12,1 Milliarden Euro verschifft. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist das ein Minus von lediglich 1,2 Prozent.
Solche Zahlen passen nicht so recht in das Bild, das derzeit von der deutschen Wirtschaft gezeichnet wird. Von einem China-Schock 2.0 ist die Rede, hohe Energie- und Arbeitskosten würden angeblich zur Deindustrialisierung führen, Trumps Zölle und der Irankrieg der Industrie den Rest geben.
„Dieses Jahrzehnt ist von Rezession und Stagnation geprägt. Das letzte große Geschäftsjahr der deutschen Wirtschaft war 2019, seitdem verwalten wir den Rückstand“, warnte vor einigen Tagen noch Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Wenn das so bleibe, seien die zwanziger Jahre für dieses Land ein verlorenes Jahrzehnt. Deutschland brauche einen massiven Umbau.
Mehr Aufträge für die Industrie
Doch nicht nur bei den Exportzahlen scheint es wieder bergauf zu gehen. Vor allem verzeichnen die Betriebe im Verarbeitenden Gewerbe wieder mehr Aufträge. Das bedeutet, dass sie ihre Produktion ankurbeln. Die Industrie verbuchte im Juni 3,1 Prozent mehr Aufträge als im Mai.
„Die Produktion im Produzierenden Gewerbe hat sich ungeachtet der außenwirtschaftlichen Belastungen im vergangenen Quartal als recht widerstandsfähig erwiesen“, heißt es zudem in einer Mitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums vom Freitag. Neben der Erholung im Baugewerbe könne auch eine relative Verbesserung der Wettbewerbsposition bei den energieintensiven Industrien in Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Konkurrenten eine Rolle gespielt haben.
Letztere seien aufgrund ihrer höheren Abhängigkeit von Energielieferungen aus dem Nahen Osten stärker von Preiserhöhungen und Versorgungsengpässen betroffen gewesen, so das Ministerium. „Die Umlenkung der Nachfrage auf europäische und auch deutsche Lieferanten zeigt sich auch in dem Anstieg der Auslandsumsätze der deutschen energieintensiven Industrien in den vergangenen Monaten.“
Demnach stellten Industrie, Bau und Energieversorger zusammen im Juni 0,2 Prozent mehr her als im Vormonat. Besonders beachtlich dabei: Gerade die von Hiobsbotschaften geplagte Automobilindustrie weitete im Juni ihre Produktion aus. Sie wies ein Plus von 3,6 Prozent auf.
Beim Industrieverband BDI sieht man dennoch schwarz. Der Verband geht derzeit von einem Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 0,6 Prozent aus. Und das ist dem mächtigen Lobbyverein offenbar nicht genug. „Wir müssen auf einen kräftigen und langfristigen Wachstumspfad kommen. Das erreichen wir nur durch Strukturreformen, die die Wettbewerbsnachteile des Standorts konsequent abbauen“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner.
DGB macht mobil
So trommeln Lobbyverbände wie BDI und BDA seit Monaten für Maßnahmen wie die Abschaffung des 8-Stunden-Tages oder das Aus der Rente mit 63. Das sind Maßnahmen, die sich die Bundesregierung auf die Agenda gesetzt hat und gegen die die Gewerkschaften bereits mobilisieren. Für den 26. September rufen sie zu einem bundesweiten Aktionstag auf, um „ein deutliches Zeichen für einen starken Sozialstaat, sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und den Schutz von Arbeitnehmerrechten“ zu setzen, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund schreibt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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