Kunst und Technologie: Warum Pat Metheny KI in der Musik eher positiv sieht
Bleibt für Musik mit einem künstlerischen Anliegen nur noch die Besenkammer? Durchhörbarkeit war schon in den 80ern ein Thema, nicht erst heute mit KI.
Z wei Wortmeldungen zum Thema KI-Musik aus der Jazzwelt: Die Pianistin Johanna Summer sorgte sich im Spiegel über die Überlebensfähigkeit ihrer Musik in Zeiten von „AI Slop“: „Ich muss mich behaupten in diesem Markt, ich muss präsent sein, ich muss gefunden werden. Und das mit einer Musik, die nicht massentauglich ist und die nur eine spitze Zielgruppe anspricht. (…) Für das, was ich mache, gibt es keine Playlisten, und das ist sehr schade.“
Ihre Existenzangst ist verständlich, wenn täglich 100.000 neue Titel in die Streamingservices hochgeladen werden und das ohnehin nur minikleine Stückchen vom Kuchen mehr und mehr atomisiert wird.
Doch Jazzkünstler hatten auch in den goldenen Jahren des Tonträgers nie viel Geld mit dem Verkauf von physischen Produkten verdient. Und im Radio wurden sie auch nicht vor 22 Uhr gespielt, wenn überhaupt.
Überhaupt Radio: Die von Johanna Summer beklagte Entwicklung begann schon viel früher – in der BRD etwa war ein Meilenstein der Beginn der Privatradios in den 1980er Jahren. Deren Etablierung führte blitzschnell dazu, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Programm umstellten. Durchhörbarkeit wurde als neues Ziel ausgegeben, ambitionierte Musiksendungen wurden flugs vom Sender genommen. So meinte man, Marktanteile zurückgewinnen zu können.
Maßgeschneiderte Durchhörbarkeit
Die maßgeschneiderte Durchhörbarkeit der Playlisten ist quasi die logische Fortsetzung davon, und wenn die erdrückende Mehrheit der Musikhörer*innen nun mal grobe Klötze sind, die in Ibizas Chillout- und Wohlfühlpowermucke ihre künstlerische Erfüllung finden, bleibt für Musik mit einem künstlerischen Anliegen nur noch die Besenkammer. Oder?
Der 71-jährige Gitarrist und 20-fache „Grammy“-Gewinner Pat Metheny sorgt sich weniger um AI-Musik: „Für den Die-Miete-bezahlen-Teil der Musik ist das natürlich eine Bedrohung“, sagte er dem Prog-Magazin. „Die Leute, die Muzak produzieren – man, die sind am Ende! Aber ich wurde Musiker, um Musik besser zu verstehen, und es gibt keine Abkürzung zum besseren Verständnis von Harmonien, Kontrapunkt und Improvisation.“
Und so ist seine grundsätzliche Einstellung gegenüber der Verwendung von AI in Musik positiv: „Ich bin neugierig und aufgeregt. Ich sehe AI als Teil dieser wunderbaren Ansammlung von Werkzeugen, die wir Musiker im 21. Jahrhundert zur Verfügung haben.“
Vorsichtigen Optimismus wagen
Die noch völlig unerforschten Möglichkeiten, die AI womöglich zur Verwirklichung kühner künstlerischer Anliegen bereithält, sind ein Grund einen (vorsichtigen) Optimismus zu wagen. Vielleicht ergibt sich aber sogar eine Chance der endgültigen Trennung zwischen Musik, die aus einem künstlerischen Anliegen heraus produziert wird und der Die-Miete-bezahlen-Musik.
Wenn sich nämlich die Streamingdienste und ihre Kund*innen mit aller Energie darauf stürzen, weil das künstlerische Segment zu schwierig, teuer und nervig ist, dann können sich ambitionierte Künstler*innen endlich auf eigene Formate und Vertriebswege konzentrieren, in denen sie wiederum nicht von Marketingmenschen oder einem Publikum behindert und beschädigt werden, das immer nur die gleiche Art von Hits hören will.
Überlassen wir den KI-Produzent*innen und den KI-Hörer*innen-Bots ruhig die Welt der Streamingservices, da ist eh nichts mehr zu retten.
Aber es spricht deswegen nichts dagegen, ihre Werkzeuge zu nutzen. Und womöglich etwas anders, als es ihre Entwickler*innen im Sinne hatten, um die musikalische Auseinandersetzung mit der Welt und den Dingen voranzutreiben.
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