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Theaterfestival in BrandenburgDer Zauber des Milchwalds

Der Theatersommer Netzeband ist wie eine Mischung aus „Jedermann“ und „Passionsspielen“. Jetzt feiert dieses besondere Dorffestival den 30. Geburtstag.

Aus Netzeband

Tom Mustroph

In Netzeband wird man mit Vogelstimmen empfangen. Kaum hat der Regionalexpress 6 die Betonkante des Bedarfshalts verlassen, ertönt ein Konzert aus einer Vielzahl von Schnäbeln. Die Kyritz-Ruppiner Heide ist nicht weit. 79 Vogelarten sollen dort auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz, dem Bombodrom, leben, 28 davon als besonders schützenswert klassifiziert. Ein paar Schritte weiter, im Zentrum des Brandenburger Straßendorfs, mischt sich dann auch eine menschliche Singstimme mit Opernarien à la Pavarotti ein. J. Warren Mitchell, in den USA geborener Tenor, singt sich hier ein für sein Konzert in der Temnitzkirche in Netzeband. Von der lokalen Presse bekam er bereits den Beinamen „Stimme des jungen Pavarotti“ verpasst.

Es ist eine schöne Einstimmung auf den Theatersommer Netzeband, der von Mitte Juni bis Ende August reicht. Kernelement ist die Großfigureninszenierung des Hörspiels „Unter dem Milchwald“ von Dylan Thomas, der in der Welt vor allem deshalb bekannt ist, weil ein gewisser Robert Allen Zimmerman sich aus Verehrung für ihn Bob Dylan nennen ließ.

Der originale Dylan, also Dylan Thomas, verewigte im „Milchwald“ das kleine Fischerdorf, in dem er lange lebte. Jetzt führt dieses Llareggub ein ganz besonderes Weiterleben in Netzeband. In dicken, weißen Lettern – ähnlich wie der Hollywood-Schriftzug im fernen Kalifornien, nur etwas kleiner – ist LLAREGGUB vor das Wäldchen gesetzt, das die Bühne ist. Die etwa vier Meter hohen Figuren, die die Llareggub-Bewohner darstellen, werden aus den Tiefen des Waldes nach vorn getragen. Aus Boxen kommen die inneren Stimmen der Figuren. Und das Publikum – den Autokennzeichen nach zahlreiche Berliner, aber auch OPR für den dortigen Landkreis Ostprignitz-Ruppin ist häufig vertreten – erfüllt mit leuchtenden Augen die Imaginationsaufgabe, Stimmen und Figuren miteinander zu verbinden.

Seit Jahren wird in dem Dorf Unter dem Milchwald, das Hauptwerk eines weithin vergessenen walisischen Lyrikers, aufgeführt

Dass sowohl das Hauptwerk eines weithin vergessenen walisischen Lyrikers als auch die „Stimme des jungen Pavarotti“ in ein Dorf mit weniger als 200 Seelen gelangen, ist dem Schauspieler, Regisseur, Theaterautoren und Dorfbeweger Frank Matthus zu verdanken. Er kennt zum einen Mitchell aus der gemeinsamen Zeit an der Kammeroper Rheinsberg, die Vater Siegfried Matthus einst gründete und deren Opernfestival er selbst einige Jahre künstlerisch leitete. Matthus junior, geboren in Ostberlin, dank seiner Großeltern in den Sommern aber auch oft in einem Nachbardorf von Netzeband unterwegs, hob außerdem 1996 den hiesigen Theatersommer aus der Taufe.

Das letzte Loch vor der Hölle

Das wiederum geht auf die Initiative des Landschaftsarchitektens Horst Wagenfeld zurück. Der einstige Mitplaner der Bundesgartenschau 1987 in Düsseldorf wollte am Strom der neuen Fördergelder im Osten teilhaben und hatte sich in das kleine Dorf am Rande des einstigen Truppenübungsplatzes verliebt. Das galt damals, so erzählt es jeder hier, als „das letzte Loch vor der Hölle“: Vor der Nase die Autobahn, im Rücken das Bombodrom und über den Köpfen die Tiefflieger. Einige Höfe waren verlassen, die Kirche stand kurz vor dem Abriss – angeblich deshalb, weil der LPG-Vorsitzende mit seinem Trecker nicht mehr den Bogen um die Kirche fahren wollte.

Theatersommer Netzeband

Der Theatersommer Netzeband wird in diesem Jahr 30 Jahre alt, bis zum 30. August gibt es Aufführungen in dem Ortsteil von Temnitzquell im Landkreis Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg zu sehen. Information: netzeband-kultur.de/

Wagenfeld rettete mit eigenem Geld und dem aus den Förderungen Kirche und Gasthof. Auf dem Gelände des einstigen Gutshofs ließ er die Erde so zusammenschieben, dass ein mit Gras bewachsenes Amphitheater entstand. Dafür suchte er Künstler. „Sie dachten dann: ‚So jemand wie der Matthus in Rheinsberg‘“, erzählt Frank Matthus die Geschichte. Gemeint war sein Vater. „Aber dann sagte der ehemalige LPG-Vorsitzende zu ihm, es gäbe da noch einen Matthus, einen jungen, und den kenne er, weil der immer zum Reiten bei ihm war. So haben sie mich dann angesprochen, und so kam ich her“, fasst Matthus junior, die einst langen Haare inzwischen viel kürzer, die Initialzündung zusammen.

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Er entwickelte mit seinem künstlerischen Partner Jürgen Heidenreich den Theatersommer. Von Heidenreich, 2003 verstorben, hängt ein Selbstporträt in der restaurierten Temnitzkirche. Mit dem länglichen Gesicht und dem wallenden Bart erinnert er an Friedensreich Hundertwasser. Mit dem Wiener Weltkünstler teilte Heidenreich nicht nur das Aussehen, sondern auch die Vorliebe fürs Unorthodoxe. „Wenn man etwas Besonderes schaffen will, muss man nicht vom Möglichen, sondern vom Unmöglichen ausgehen“, zitiert Matthus dessen Motto. Und der Mann, der sowohl die nahe Heide als auch das Heidnische im Namen hatte, kam auf die Idee, ein ganzes Dorf zu aktivieren, um Puppen zu bauen und mit ihnen ein Stück aufzuführen, in dem dieses walisische Dorf und seine Bewohner auftauchen, eben das Llareggub aus „Unter dem Milchwald“.

Eine Kopie des damaligen Aufrufs hängt zum 30-jährigen Jubiläum in der Temnitzkirche. „Anfangs kam kaum jemand. Aber dann sprach es sich herum“, erinnert sich Susanne Moehrcke. Sie gehörte zu den Bastlerinnen der ersten Stunde. Es handelte sich hauptsächlich um Frauen, die in der Wendezeit längst den Job verloren hatten und nach anfänglichem Zögern erst dankbar und schließlich begeistert waren, aus den eigenen vier Wänden herauszukommen und gemeinsam etwas zu kreieren.

Das Grundprinzip der Puppen ist einfach: Eine Dachlatte, ein oder mehr Querhölzer, daran befestigt Kleidungsstücke und obendrauf der Kopf. Der ist mal ein beklebter und skurril verformter Luftballon, mal geben Styroporverpackungen von den damals gerade frisch angeschafften Fernsehgeräten und Videorekordern die Form vor. Manche Augen sind Tischtennisbälle. Ohrgehänge sind aus Glasreinigern gefertigt. „Bringt Haushaltsgegenstände mit“, hatte Heidenreich ausdrücklich gefordert.

Ein Theaterwunder über die Generationen hinweg

Seit einigen Jahren sind diese vor 30 Jahren gefertigten meterhohen Figuren bei der Inszenierung „Unter dem Milchwald“ wieder in Betrieb. Moehrcke, Figurenbauerin und Spielerin der ersten Stunde, im Hauptberuf Ingenieurin für Holztechnik, organisierte die Wiederaufnahme und ihre Liebe zu den Figuren hat sie auf ihre Kinder übertragen. Sohn Janek, Student in Potsdam, ist seit 2015 dabei und animiert unter anderem die Figur von Lord Kristallglas. Seinen Freund Ian Henning hat er ebenfalls mit dem „Milchwald“-Virus angesteckt – so sehr, dass er trotz Studiums in Rostock für Proben und Aufführungen regelmäßig nach Netzeband kommt.

Das ist wohl das größte Theaterwunder, dass dieses Stück, 1996 unter Mitwirkung des halben Dorfes kreiert, immer noch aufgeführt wird, von der zweiten, mittlerweile gar dritten Generation.

In seinem Stolz auf diese Tradition sieht Matthus seinen Theatersommer mittlerweile auf gutem Wege, dereinst dem Kultstatus der „Jedermann“-Aufführungen in Salzburg und der Passionsspiele von Oberammergau nahezukommen. Wie die Bayern wartet Netzeband mit Einwohnerbeteiligung auf, wie in Salzburg gibt es den jährlichen Rhythmus und die Mitwirkung professioneller Schauspieler. Der Text für die Milchwald-Show kommt über Lautsprecher, vor 30 Jahren aufgenommen mit den Stimmen bekannter Bühnenprofis.

Das Prinzip dieses Synchrontheaters wendet Matthus seit 2006 auch auf die jeweils neu entwickelten großen Produktionen an. Für diesen Sommer plant er das Opernspektakel „Die Nacht des Schicksals“. Da werden sogar aufgezeichnete Arien des echten Pavarotti zu hören sein. In der Story geht es um Investoren von weither, gegen die sich die Toten des Dorfs wehren.

Dem echten Investor Wagenfeld und dessen Frau Johanna, die das Dorf einst vom „letzten Loch vor der Hölle“ zum Kulturort machten, hat die Gemeinde inzwischen eine Stele errichtet genau vor der Temnitzkirche.

Matthus wiederum bespielt mit dem Förderverein inzwischen das ganze Jahr über die Kirche. Der Verein erwarb auch das einstige Gutshaus, das ebenfalls Kulturort werden soll. Die Tiny Houses, die Bühnenbildner Rob Vogel als Wohnraum für die Schauspieler während der Proben auf dem Gelände errichtete, sollen perspektivisch Touristen angeboten werden – Kunstinteressierten, aber auch Vogelkundlern der nahen Heide sowie Sternenguckern. Denn aufgrund der sehr geringen Lichtverschmutzung ist die Heide als Sternenpark zertifiziert.

In Netzeband also der Milchwald, und über den Köpfen die Milchstraße.

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