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Der alte Mann und das Tor

Nach der WM ist vor der WM: Im Oktober kicken die Fußball­senioren in Australien. Die taz besucht den neuen Torwart der Ü75 vor dem Training mit seiner Heimmannschaft beim TSV Bargteheide

Aus Bargteheide Amira Klute

Bernhard Weßling kann im Tor noch problemlos nach rechts und links fliegen, sagt er. Er lässt keine Dosenöffner zu. Später wird der 74-Jährige es der taz beweisen. Jetzt dirigiert er erst mal über den Rasen auf dem Gelände des TSV Bargteheide 1868, nördlich von Hamburg. Er sucht ein Versteck für das Interview.

Es ist ein lauer Mittwochabend, der Tag, nach dem Spanien Frankreich aus der WM gekickt hat. Weßling geht vorbei an Fußballtoren und Rasensprenklern, bis an den Rand eines Spielfelds, das über die Sommerferien gesperrt ist, damit das Gras wachsen kann. Man setzt sich in ein verlassenes Trainerhäuschen. Hierhin verläuft sich heute sonst keiner.

In einer Stunde beginnt Weßlings wöchentliches Training mit der Herren-Ü-60 des TSV Bargteheide. Er würde bloß gerne vermeiden, dass seine Teamkollegen das Interview stören. „Sie müssen sich ein bisschen darauf gefasst machen, dass sie blöde Scherze machen“, hat er schon vorher am Telefon gesagt. Sie machen Witze darüber, dass sie plötzlich mit einem echten Nationaltorwart zusammenspielen.

Weßling, der noch in diesem Jahr 75 wird, ist seit Kurzem einer der beiden Torwarte der deutschen Ü75-Nationalmannschaft, die im Oktober in Brisbane in Australien zur WM antritt. Eigentlich geht er damit selbstbewusst um. Er hat der taz extra eine E-Mail geschrieben. Ausschnitt vom Anfang: „Sie wissen vermutlich nicht, dass ich seit 70 Jahren als Torwart Fußball spiele, und das auch jetzt noch recht beweglich und reaktionsschnell …“

Im Trainerhäuschen in Bargteheide trägt Bernhard Weßling, graue Kurzhaarfrisur, gebräunte Haut, weiße Zähne, schon sein Traningsoutfit, ein leuchtend blaues Trikot, Sporthose mit Flicken auf den Knien, später wird er seine Torwarthandschuhe anziehen und die Fußballbrille. Jetzt soll er erzählen, wie er zur Nationalmannschaft kam.

„Ich habe dreizehn Jahre lange in Shenzhen in China gelebt“, sagt er. Und: „Ich erkläre gleich, wie ich darauf komme.“ Weßling, geboren in Herne im Ruhrgebiet (das wird noch wichtig), fünftes von sechs Kindern, studierter Chemiker, Kranichschützer, Unternehmer, Vater, Opa, neuerdings Nationaltorwart, erzählt gerne Geschichten aus seinem Leben. Manchmal enden sie mit der Antwort auf eine Frage, meistens erzählen sie von einer gemeisterten Herausforderung. Zum Beispiel, wie er in Norwegen eine 14 Kilometer lange schwere Wanderung unternommen hat, um Moschusochsen zu finden und zu fotografieren, was gelang. Oder, worüber er auch ein Buch geschrieben hat, wie er 2005 berufsbedingt ganz alleine nach China gezogen ist und dort nach kurzer Zeit in drei verschiedenen Fußballmannschaften spielte, mit Spielern im Alter seiner Söhne.

Seit 2018 wohnt Weßling wieder bei Bargteheide in Schleswig-Holstein und spielt beim TSV. Es brauchte eine neue Herausforderung. Nachdem er einen Artikel über die Fußballnationalmannschaft der Se­nio­r*in­nen gelesen hatte, schrieb er, bestärkt von seiner Lebensgefährtin (75), an das Team: „Braucht ihr einen Torwart?“ Anfang Juli fuhr er zum Auswahltraining nach Berlin. Ein paar Tage später kam die Zusage.

Anruf bei Teammanager Günter Christmann, 79, Position: Abwehr, Gründer des Vereins „Fußball 70 plus Deutschland e. V.“, unter dessen Dach die Nationalmannschaft läuft. Die Fußballweltmeisterschaft 70 plus, erklärt er, wurde 2017 von drei fußballbegeisterten Oldies aus Dänemark, USA und Japan ins Leben gerufen. Sie fand seither bis auf zweimal während der Coronapandemie jedes Jahr statt. „Wir können nicht vier Jahre warten auf die nächste!“, sagt Christmann.

Weßling hat seine Flüge nach Australien schon gebucht. Mit allem Drum und Dran schätzt er die Kosten auf rund 5.000 Euro

Die deutsche Seniorenweltmeisterschaft ist eine private Initiative. Der Weltfußballverband Fifa oder der Deutsche Fußball-Bund DFB haben damit nichts zu tun. Übrigens ist Deutschland amtierender Weltmeister. Die Ü75 gewann 2025 in Tokio (3:0 gegen England).

Über den neuen Torwart Weßling sagt Christmann: „Es hat sich rausgestellt, dass Bernhard trotz seiner nicht so großen Größe einer ist, der gut mitspielt und sich in die Ecken schmeißt.“ Zudem hätte die Ü75 krankheitsbedingt dringend einen Torwart gebraucht. Beim Fußball über 70 braucht es ständig Nachwuchs. Es ist wie bei den Kinder- und Jugendteams, nur andersherum. Wie die ganz Jungen spielen auch die ganz Alten bei ihrer Weltmeisterschaft nach etwas anderen Regeln: Ein Spiel dauert zwei Mal 30 Minuten. Auswechseln ist unendlich oft erlaubt. Es spielen 8 gegen 8, auf Kleintore auf einem kleineren Feld, 68 Meter breit und 50 Meter lang.

Außerdem dürfen Frauen mitmachen, sie dürfen bis zu 10 Jahre jünger sein als die Männer, aber es dürfen nur zwei pro Team sein. Möglicherweise wären mehr ein zu großer Vorteil. Zur WM treten für Deutschland zwei Frauen in der Ü80 an. Da ist es am schwierigsten, genug Spieler zusammenzubekommen. Eine eigene Seniorinnen-WM gibt es nicht, aber Teams aus älteren Frauen in Deutschland zum Beispiel in Hamburg, aber auch international, etwa in Ecuador und Kenia.

Für die deutschen Seniorenfußballteams gibt es keine finanzielle Unterstützung von einem Verband. Die Spie­le­r*in­nen müssen nicht nur Flüge, Hotels und Verpflegung selbst organisieren und bezahlen, sondern auch Startgebühr (für Australien sind das 1.500 Dollar pro Team), Bälle, Trikots – und die Stadionmiete. Für das ganze Sportjahr 2026 schätzt Teammanager Christmann die Kosten pro Spie­le­r*in auf 10.000 Euro. Christmann hat schon mehrfach beim DFB nach Unterstützung gefragt, ohne Erfolg. Gerade wartet er auf Rückmeldung auf eine Anfrage an den niedersächsischen Fußballverband, ob sie den Se­nio­r*in­nen wenigstens medizinische Koffer und Wimpel stellen würden.

Seit Mai unterstützt die Firma Stickerstars die deutschen fußballbegeisterten Oldies. Sie geben ein Sammelalbum mit Stickern der Spie­le­r*in­nen heraus. Beides kann man online bei wm-der-herzen.de kaufen. Mit dem Geld finanzieren die Teams einen Teil der Reisekosten zur WM in Australien.

Weßling hat seine Flüge nach Australien schon gebucht. Mit allem Drum und Dran schätzt er die Kosten auf rund 5.000 Euro. Das kann er aus Rücklagen aus seiner Zeit als Unternehmer bezahlen.

Es wird aber noch teurer. Noch vor der WM in Australien im Oktober fliegt Weßling mit dem Ü75-Team im Juli nach Manchester in England. Am 30. Juli, auf den Tag genau 60 Jahre nach dem England Deutschland im WM-Finale im Wembley-Stadion in London 4:2 besiegt hat, unter anderem mit einem Tor, das vielleicht keines war, gibt es die historische Revanche. Sie spielen in Manchester, weil das Stadion in London zu teuer war.

Eine schöne Idee, und dann wohnte der Torwart Hans Tilkowski, der 1966 das Wembley-Tor an die Latte gezimmert bekam, auch noch in Herne, genau wie Weßling. Zufall?! Die beiden teilen, abgesehen von den 40 Jahren, die Weßling jetzt älter ist als Tilkowski damals war, auch noch ein großes Problem: das Tor. Für das Gedächtnisturnier bestanden die Engländer darauf, auf einem Großfeld zu spielen mit einem Normaltor. „Ich bin 1,65“, sagt Weßling und macht eine Pause. „Falls ich es noch bin, vielleicht auch nur noch 1,64“. Ein normales Fußballtor ist 2,44 Meter hoch und 7,32 Meter breit. Er reibt sich das Knie.

Beim Auswahltraining Anfang Juli in Berlin habe er mit der Ü75 gegen die Ü70 auf Großfeld gespielt. „Und verloren.“ In seinen Augen: Schmerz.

Doch er hat einen neuen Gedanken. „Selbst wenn wir 12:0 untergehen, das kriegt ja keiner mit.“ Auch die Senioren des TSV Bargteheide haben mal eine historische 12:0-Niederlage gegen die ehemaligen Oberliga­spieler des VfB Lübeck eingefahren. Weßling stand im Tor.

Plötzlich kommt Bewegung auf am Eingang auf der anderen Seite des Feldes. Weßlings Teamspieler trudeln ein. Weßling springt auf. Mit der Nationalmannschaft hat er bisher nur beim Auswahltraining in Berlin gespielt. Sie werden sich erst am 29. Juli in England wiedersehen, einen Tag vor der Wembley-Revanche. Bis dahin bleibt ihm nur das Training mit den Kollegen vom TSV Bargteheide. Er sollte auf keinen Fall zu spät kommen, bloß weil die Zeitung da ist.

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