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„Der Staatsbewohner“ von Andrej PlatonowWir alle kochen im selben Klassenkessel

Ein neuer Band in der Andrej-Platonow-Reihe umfasst drei erstaunlich satirisch gestimmte Erzählungen. Sie führen in die frühe Phase des Stalinismus.

Erstaunlich, dass die drei Erzählungen, die in diesem Band zusammengefasst sind, überhaupt erscheinen konnten Foto: public domain

Die Tragik dieser Schriftstellerexistenz wird erst dann so recht deutlich, wenn man mit der Lektüre dieses Buches beim Anhang angekommen ist und Sätze liest wie diesen: „Meine ganze Sorge gilt der Verringerung des Schadens durch meine vormalige literarische Tätigkeit“. Gefolgt von der Ankündigung: „… werde ich eine Erklärung an die Presse schicken, in der ich ein Eingeständnis der Fehler meiner literarischen Arbeit mache – und zwar so, dass andere Angst bekommen, dass klar wird, dass jeder wie auch immer geartete Auftritt, der dem Proletariat objektiv schadet, eine Schandtat ist …“

Es handelt sich um Zitate aus einem Brief, den der 31-jährige Andrej Platonow im Juni 1931 an den Genossen Iosif Wissarionowitsch Stalin schrieb, nachdem dieser ein Exemplar der Zeitschrift Krasnaja Now, in der Platonows Erzählung „Zu Gute“ erschienen war, mit wütenden Anmerkungen versehen und dafür gesorgt hatte, dass der Autor keinen Fuß mehr an Land bekam in der sowjetischen Literaturszene. Die im Stalin-Brief angekündigte „Erklärung an die Presse“, seine öffentliche „Selbstkritik“ also, die Platonow an zwei Literaturzeitschriften geschickt hatte, wurde nie abgedruckt.

Im Nachhinein betrachtet scheint es allerdings fast erstaunlich und weist auf eine zu Beginn der 1930er Jahre immer noch existierende, künstlerisch wie intellektuell und politisch vielfältige Literaturlandschaft hin, dass die drei Erzählungen, die in diesem Band zusammengefasst sind, überhaupt erscheinen konnten. Denn zweifellos hatte Stalin recht: Ideologisch lagen Platonows Texte ganz und gar nicht auf Linie, wie schon der Titel der Erzählung „Makar, wie er zweifelt“ deutlich macht.

Das Buch

Andrej Platonow: „Der Staatsbewohner. Erzählungen“. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 207 Seiten, 25 Euro

Interessanterweise hatte deren Veröffentlichung im Jahr 1929 der nachmalig knallharte stalinistische Bannerträger Alexander Fadejew als stellvertretender Herausgeber der Zeitschrift Oktjabr zu verantworten. Zwei Jahre später war derselbe Fadejew Redakteur von Krasnaja Now und winkte als solcher auch noch die Veröffentlichung der Erzählung „Zu Gute“ durch.

Kongeniale Übersetzung

All das ist zu erfahren aus dem Nachwort der Platonow-Expertin Gabriele Leupold. Es ist nicht verkehrt, die Lektüre dieses Buches von hinten zu beginnen, nämlich mit eben diesem Nachwort, um sich kontextuell angemessen zu wappnen. Auch lohnt es, den informativen Anmerkungsapparat zu beachten und während des Lesens der Erzählungen hin und wieder zu konsultieren.

Leupold hat diesen Band, wie alle Platonow-Neuerscheinungen im Suhrkamp Verlag, in ein Deutsch übersetzt, in dem sie das sehr eigentümliche Idiom, das Platonow als Teil seiner Literatursprache entwickelt hatte, so weit kongenial nachbildet beziehungsweise kreativ anklingen lässt, wie es überhaupt möglich ist: eine ulkig ungelenke Mischung aus bürokratischem Neusprech und bilderreichem Altsprech, die viele seiner literarischen Figuren pflegen, BürgerInnen (eigentlich fast immer Bürger) der jungen Sowjetunion, die einerseits stolz ihren Staat vertreten wollen, andererseits dessen neu geschaffene Worthülsen nur unzureichend handhaben, die politischen und ökonomischen Zusammenhänge höchstens ansatzweise verstehen und auch gar nicht so recht wissen, wie und wo sie ihre Arbeitskraft wirklich nutzbringend einsetzen können.

Von dieser Unwucht zwischen Hirn und Hand (die auch im übertragenen Sinn zu verstehen ist) handelt „Makar, wie er zweifelt“, und in anderer Form auch die kurze titelgebende Erzählung des Bandes: „Der Staatsbewohner“ umschreibt in surreal anmutenden Szenen die Lebenssituation eines Mannes, der, voll glühender Überzeugung für die neue Ordnung eintretend, im Bewusstsein der Überlegenheit seiner staatstragenden Weltsicht durch die Gegend streift, alle realen Probleme der Menschen negiert, sich selbst aber am Ende als arbeitslos und damit letztlich nutzloser Almosenempfänger erweist.

Die Hauptfigur in „Makar, wie er zweifelt“ wiederum ist ein so erfindungsreicher wie unternehmungslustiger Dorfbewohner, den es in die Stadt zieht, um Dinge zu verändern. Seine vielen Ideen für technische Innovationen lässt man ihn zwar nirgendwo umsetzen; doch endet diese Erzählung insofern als positive – wenngleich satirische – Utopie damit, dass Makar und sein Kumpel Pjotr quasi eine Behörde besetzen und damit endlich eine direkte Kommunikationsinstanz zwischen BürgerInnen und Staat schaffen.

Die dritte und längste Erzählung des Bandes, „Zu Gute“, ist jene, die Stalin so in Rage versetzte. Ein Erzähler, der sich etwas zeitverzögert als „Ich“ in den Text einführt, ist, wie so viele Platonow-Protagonisten, unterwegs. Auf einer Stationenreise durch verschiedene Kolchosen und durch Dörfer, die erst Kolchose werden wollen, begegnet er zahlreichen Widersprüchen und seltsamen Randerscheinungen, von denen die Kollektivierung der Landwirtschaft begleitet wird. Drastisch verbildlicht wird das etwa in einer Episode, in der ein Bauer seine Pferde grausam verhungern lässt. Die Versicherung zahlt nämlich um ein Vielfaches mehr für tote Pferde, als ein neues Tier kostet.

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