Der Konsum boomt mitten in der Pandemie

Ausgerechnet im Coronajahr erlebt der Einzelhandel ein Rekordjahr. Profitiert hat jedoch vor allem der Online- und Versandhandel. Die Modebranche hingegen leidet extrem

Das Virus tat der Konsumlust keinen Abbruch: Kaufrausch in Hamburg Christian Charisius/dpa Foto: Foto:

Von Felix Lee

Geschäfte sind dicht, die Innenstädte leer. Auch Shopping-Malls durften im Frühjahr fast einen Monat lang nicht öffnen und dann noch mal in der zweiten Dezemberhälfte nicht. Trotzdem gelang es dem deutschen Einzelhandel 2020 mitten in der der Coronakrise, den Umsatz so kräftig zu steigern wie noch nie. Er nahm voraussichtlich 5,3 Prozent mehr ein als 2019, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Das sei das kräftigste Plus seit Beginn der Aufzeichnung im Jahre 1994. Preisbereinigt, also mit Abzug der Inflation, lag der Zuwachs immer noch bei 4,1 Prozent. Diese Zahlen berücksichtigen auch Schätzungen für Dezember inklusive Lockdown.

Diese aus Sicht des Einzelhandels positiven Zahlen ausgerechnet im Pandemiejahr mit dem schwersten Wirtschaftseinbruch im Zuge des ersten Lockdowns im Frühjahr überraschen jedoch nur auf den ersten Blick. Denn das dicke Plus kommt vor allem aufgrund des Online- und Versandhandels zustande. Und der erlebte in den ersten elf Monaten mit einem Umsatzwachstum von 24 Prozent einen wahren Boom. Supermärkte und andere Lebensmittelgeschäfte konnten mit 8,5 Prozent ebenfalls einen kräftigen Umsatzsprung machen. Und auch Möbelhändler*innen und Küchenwarenhersteller*innen profitierten.

Die Lockdowns und die Aufforderung der Regierung, soziale Kontakte zu reduzieren, führten dazu, dass die Menschen die Zeit zu Hause verbrachten und mehr am eigenen Herd standen. Branchen­vertreter*innen sprechen von einer „neuen Häuslichkeit“.

Vielen Einzelhandelsgeschäften in den Innenstädten ging es 2020 allerdings miserabel. Vor allem der Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren büßte kräftig ein und nahm zwischen Januar und ­November um 21,1 Prozent weniger ein im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die vor der Pandemie ohnehin angeschlagenen Waren- und Kaufhäuser hatten ein schweres Jahr. Sie verzeichneten Ein­bußen von 8,9 Prozent. „Für viele Modehändler war 2020 ein echtes Katastrophenjahr“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes HDE, Stefan Genth. „Wenn die Bundes­regierung hier nicht rasch bei der staatlichen Unterstützung nachbessert, werden wir eine nie gesehene Pleitewelle erleben.“

Es sei das kräftigste Umsatz-Plus seit Beginn der Aufzeichnung im Jahre 1994

Nur wenige Impulse für die Kauflaune der deutschen Ver­brau­cher*innen hatte nach Ansicht der Bran­chen­expert*innen die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer in der zweiten Jahreshälfte. Das habe zwar zu zusätzlichem Konsum in Höhe von rund 6,3 Milliarden Euro beigetragen, wie aus einer Untersuchung des Ifo-Instituts hervorgeht. Zu größeren Anschaffungen ließen sich die Bun­des­bürger*innen Umfragen zufolge aber nicht hinreißen. Um den Konsum anzukurbeln, hatte die Bundesregierung den Satz von Juli bis Ende 2020 vorübergehend von 19 auf 16 Prozent gesenkt.

Sehr viel wirksamer waren hingegen die diversen Rabatt­aktionen vor allem im November. Aktionstage wie Black Friday oder Cyber Monday haben dazu beigetragen, dass allein im November der Umsatz real um 1,9 Prozent zum Vormonat anstieg. Dabei mussten Restaurants und Cafés im Zuge des Light-Lockdowns bereits schließen. Ökonomen hatten mit einem Minus von 2 Prozent im November gerechnet.

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