Der Hausbesuch: Sie erfindet sich immer wieder neu
Teresa Deufel ist Winzerin am Bodensee. Und umtriebig ohne Ende. Sie nimmt viel Arbeit in Kauf für ihren Wein. Dabei hat sie mal von einem anderen Leben geträumt.
Foto: Jörn Lorenz
Die Familiensaga geht so: Ein Vorfahre von Teresa Deufel habe den Teebeutel erfunden, erzählt sie. Ob er ein Patent angemeldet hat? „Eben nicht.“ So kommt es, dass ihre bäuerlichen Verwandten und Vorfahren Bauern blieben und sie in ihre Fußstapfen trat.
Draußen: Degelstein, ein Weiler am Bodensee, zu Zeiten ihres Opas hätten da nur so vier, fünf Häuser gestanden, erzählt Teresa Deufel. Heute gehört er zu Lindau-Schachen, trotzdem ist nichts städtisch. Stattdessen wirkt das Anwesen selbst wie ein Dorf. Wo früher die Scheune war, wohnt die Mutter, außerdem sind dort jetzt Ferienwohnungen. Im weitläufigen Hof gibt es alles, was ein kleines Gemeinwesen ausmacht: Garten, Spielplatz und eine Schänke inklusive Weinverkauf. Es ist eine „Rädle-Wirtschaft“ – ein Gasthaus auf Zeit. Vier Monate im Jahr ist es geöffnet. Bei schönem Wetter sitzen die Gäste unter den Bäumen im Hof.
Drinnen: Die große Wohnküche ist die Arena im alten Bauernhaus. In einer Ecke steht ein Tisch, an dem zwölf Leute sitzen können. „Ständig kommt jemand rein“, sagt Deufel. Gerade sind es zwei der drei Kinder. Die beiden Jungs, zehn und acht, haben Ferien und langweilen sich. Der Ältere beklagt sich, dass der Jüngere die Gummibärchen versteckt habe – sowieso will er lieber dabei sein, wenn die Mutter aus ihrem Leben erzählt. An den Wänden hängt Kunst von Freunden und Freundinnen. „Alle sind weg, haben studiert, sind in die Städte. Ich nicht.“
Daheim: Deufel hat zwei Schwestern, sie ist die Älteste. Eine kommt, kaum hat sie begonnen zu erzählen, in die Küche, um die Kinder abzuholen. Die Schwester will mit den Jungs zum See, baden. Der Ältere zögert. Die Verwandten werden gebraucht, um das Zusammenspiel auf einem Bauernhof so zu gestalten, dass niemand zu kurz kommt. „Aber die Kinder kommen gerade zu kurz“, sagt Deufel.
Der Tag: Ihr Mann steht morgens um fünf auf. Sie um sechs. „Jeden Tag müssen wir zurzeit einen Sattelschlepper voller Äpfel aus dem Lager holen und nach Größe, Farbe, Sorte sortieren für den Biogroßhändler.“ Außerdem müssen sie in die Obstplantagen, um den Fruchtansatz auszudünnen, und in die Reben, um sie auszuputzen; das Grün schieße aus allen Ästen jetzt, Ende Mai. „Bald sind auch die Kirschen dran.“ Täglich müssen dann zwischen 300 und 500 Kilo gepflückt werden. Dazu der Pflanzenschutz. Sie bewirtschaftet die Obstbäume und Reben biologisch. Die rumänischen Arbeitskräfte müssten zudem instruiert werden. Die Rädle-Wirtschaft kommt noch hinzu. Teresa Deufel steht zusammen mit ihrer Schwester in der Küche – um die 100 Essen zuzubereiten und am Abend auszugeben. Ab 17 Uhr ist geöffnet. Die Wirtschaft ist eine Plattform, auf der sie ihren Wein präsentieren kann. „Ich bin grad so fertig“, sagt Deufel und tröstet sich selbst: „Diese Woche noch, dann ist die Wirtschaft wieder zu.“ Anschließend soll es eine Woche nach Mallorca gehen. Der Jahresurlaub.
Arbeiten: Schon als sie noch zur Schule ging, musste sie auf dem Bauernhof mithelfen in den Reben und Obstplantagen. Ihr Vater und dessen Schwager hatten die Anbaufläche nach und nach vergrößert. „Ich habe es nicht gerne gemacht“, sagt sie. Zu der Zeit ging sie aufs Gymnasium. Dann, gerade als sie das Abitur hatte, 2003 war es, der Knall: Der Vater stirbt mit 56 Jahren an Herzinfarkt. „Im Juli Abitur, im August der Vater tot“, sagt sie. „Meine Eltern haben immer so viel gearbeitet.“ Nach dem Tod schultert die Mutter die Hauptlast. Aber die Familie hält zusammen. Der Schwager, die Cousins helfen.
Wünsche: Teresa Deufel hatte Träume für die Zeit nach der Schule. Wenngleich etwas unbestimmte: „Ich habe mir alle möglichen Berufe vorgestellt. Grafikdesign, Veranstaltungsmanagement, Kriminalpolizei, Medizin“, zählt sie auf. Sie bewirbt sich dann in Musikmanagement, wird abgelehnt. „Für die anderen Sachen war der Numerus Clausus zu hoch.“ Das Leben – eine einzige Ausnahmesituation. Einerseits sollte ihr mit dem Abitur die Welt offen stehen, aber so einfach ist das alles nicht. Und dann der Tod des Vaters: „Okay, wenn nichts geht, dann probier’ ich den Weinbau, dachte ich.“
Der Weg: Sie macht eine Lehre im Weingut am Stein in Würzburg. Anschließend geht sie ein halbes Jahr an das deutsche Weininstitut in London, das den Markt für deutsche Weine in Großbritannien erschließen soll. Die Mischung aus Metropole, Wein-Know-how und Marketing habe ihr gefallen. Sie wird es später wieder brauchen, aber erst mal war die Frage nach dem halben Jahr: „Wie weiter?“ Den Techniker in Weinbau machen? Önologie studieren? Im Ausland womöglich? Sie träumt von der Universität in Davis, Kalifornien. Oder doch lieber Südafrika? „Alle anderen aus der Abiturklasse haben studiert und in den Semesterferien die Welt bereist.“
Einwände: „Aber was bringt es dir, an ’nem anderen Ort zu studieren“, wurde sie gefragt, „wo du es doch zu Hause hast?“ Deufel schwankt. „Da war ich halt saujung und dachte, ja, dann gehe ich halt heim. Ich war so ein bisschen lost und hab’ auf andere gehört.“ Plötzlich wollte sie keine Zeit mehr verlieren. „Wenn schon heim, dann will ich so schnell wie möglich die Gegebenheiten dort lernen.“ Ob ihre Rückkehr auch eine Hommage an ihren zu früh verstorbenen Vater sei? „Am Anfang war es schon hart. Da musste ich bei jedem Handgriff an ihn denken.“ Ob sie seine Lieblingstochter gewesen sei? „Das wäre anmaßend.“
Die Gegebenheiten: Ihr Vater und ihr Onkel hätten den Weinbau in Lindau wieder begonnen, vorher gab es keinen kommerziellen Anbau. Schon sie hätten die Flächen naturnah bewirtschaftet. Zurück auf dem Hof pflanzt Deufel 2007 ihre ersten eigenen Reben – pilzresistente Sorten wie Cabernet Blanc, Solaris, Souvignier Gris, Muscaris. Sie experimentiert zudem mit spontaner Vergärung ohne Hefe. Überhaupt probiert sie allerhand aus. 2010 jedenfalls hat sie den ersten Jahrgang ihres eigenen Weins. Das ist auch das Jahr, in dem sie den Hof pachtet.
Ein Jahrzehnt: Erst zehn Jahre später wird ihr der Hof überschrieben. Dazwischen ist das Verliebtsein, die Hochzeit, die ersten Kinder. Wie war das, schwanger mit all der schweren Arbeit? „Wunderbar. Ich hatte immer eine Ausrede.“ Während sie das sagt, gehen die rumänischen Erntehelfer am Fenster vorbei. „Es ist eine ganze Familie aus Timișoara, die ihren Lebensmittelpunkt nach Lindau verlegt hat.“ Früher hätten sie alle zusammen um halb eins Mittag gegessen, Deufels Mutter kochte. „Während Corona ist das eingeschlafen. Und jetzt wollen die Erntehelfer nicht mehr mitessen, sind lieber unter sich.“ Aber sie trifft beim Mittagessen auf jeden Fall ihren Mann. Ein Fixpunkt. Sie besprechen, was getan werden muss, wer was macht.
Philipp: Wenn sie von ihrem Mann erzählt, kommt sie ins Schwärmen. Er kommt aus einer Obstbauernfamilie und habe schon als Dreijähriger gewusst, dass er Obstbauer werden möchte. „Für den gibt es nichts Schöneres, als in den Plantagen rumzulaufen.“ Weil ihr Mann den Obst- und sie den Weinbau von zu Hause mitbringt, ist ihr Hof so groß.
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Der Wein: Für eine Winzerin ist von Bedeutung, wie ihr Wein schmeckt. Sie baut nicht nur Reben an, sie baut auch den Wein aus. Experimentiert mit Sorten und Geschmacksrichtungen. Sauer, süß, fruchtig, erdig, herb? „Mein Etikett ist weiß und unbeschrieben. Ich muss mich neu erfinden.“ Und weil Wein längst kein Selbstläufer mehr ist, muss sie sich auch mit Marketing beschäftigen. Die Rädle-Wirtschaft ist das eine, dann sind da die Weinfeste, da ist „Jazz im Hof“, da ist „Komm & See“. Letzteres so eine Art Tag der offenen Tür, den ihr Vater ins Leben gerufen hatte, wo die Gäste mit dem Bus von einem Weingut zum nächsten gebracht werden. „Feste organisieren kann ich.“
Mehr Marketing: Der neueste Coup, an dem sie mit 12 anderen Winzern und Winzerinnen arbeitet: Die Region rund um Lindau, soll endlich ein eigenes Weinanbaugebiet werden. „Geschützter Ursprung: Bayerischer Bodensee.“ Bis jetzt gehören sie nirgendwohin. „Wir sind nicht Franken, nicht Württemberg, nicht Baden.“ Die Böden und das Klima seien einzigartig. „Kühle, Frische, Salzigkeit – dafür steht der See.“ Nächstes Jahr ist der große Launch. „Von Sommeliers bekommen wir viel Aufmerksamkeit.“ Dabei ist der Weinbau doch in der Krise.
Krisen: „Ja“, sagt sie, „es wird immer weniger Wein getrunken.“ In Frankreich bekämen die Winzer Prämien, wenn sie Reben roden. Neue werde sie auch nicht mehr pflanzen. Aber das, was sie hat, will sie in die Welt tragen, denn das sei ihre Chance. „Wenn ich sehe, unter welchem Druck Freunde, die in die Städte gezogen sind, jetzt stehen, dass die Ersten Burn-out haben, weil sie in einer Ellenbogengesellschaft leben, dann sehe ich die Freiheit, die ich habe, neu.“
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