Der Ethikrat: Zeitgenossin sein

Wie zeitgemäß muss man sein? Und ist ein Gremium aus drei alten Männern die richtige Adresse für die Frage? Der Ethikrat hat dazu eine klare Position.

Eine Katze steht in einem Türrahmen

Sogar der Kater schien angeödet von der Dürftigkeit meiner Argumentation Foto: Christophe Gateau/dpa

Kürzlich traf ich den Ethikrat in unserem Badezimmer, wo er den Kater betrachtete, der sich am Badewannenrand entlanghangelte. „Schön, dass Sie mal wieder vorbeischauen“, sagte ich erleichtert, denn ich hatte bereits befürchtet, dass der Rat mich als aussichtslos aufgegeben hätte. Der Rat besteht aus drei älteren Männern von geringer Größe, die mich gelegentlich aufsuchen, um mir Handreichungen im Bereich praktischer Ethik zu geben.

„Haben Sie eine Frage an uns?“, wandte sich der Sprecher des Rates an mich. „Ja“, sagte ich. „Wie viel zeitgenossenschaftliches Interesse muss ich aufbringen?“ „Können Sie das präzisieren?“, sagte der Sprecher, der wie üblich das Wort führte, während seine Kollegen den Kater mit einem Spazierstock ärgerten. „Kürzlich erzählte ein Freund, sein Sohn habe drei James-Bond-Filme gebinged“, sagte ich. „Ich habe das Wort noch nie gehört, aber es scheint Allgemeingut zu sein.“

„Dann fragen Sie doch nach“, sagte der Ethik­ratsprecher. „Es geht nicht ums Nachfragen“, meinte ich mürrisch. „Es geht um ganze Welten: Twitter, Facebook, Instagram, jener Diskurs, dieser Diskurs – es ist eine ganze Welt, von der ich nur dann etwas mitbekomme, wenn es sich auch für Eremiten nicht vermeiden lässt.“ Der Kater biss das zweite Ethikratmitglied. „Tss“, sagte der Ethikratvorsitzende und kniff dem Kater ins Ohr, „das muss doch nicht sein.“

„Meine Tante hat ‚Harry Potter‘ gelesen, als sie weit über 70 war“, sagte ich, „nur weil sie es wichtig fand zu erfahren, was alle daran faszinierte. Ich bin nicht weit über 70, aber mein Interesse an dem, was den Rest beschäftigt, ist minimal.“ Niemand schien mir zuzuhören. „Ich meine“, sagte ich, „nach dieser Logik müsste ich einen SUV probefahren, ich müsste einen Porno angucken und Steuern hinterziehen. Nur um zu erfahren, was die Mehrheit umtreibt.“

Ein Argument, das keine Antwort verdient

„Hach“, seufzte der Ethikratvorsitzende – und natürlich hatte er recht: Das war kein Argument, das eine Antwort verdiente, es war nicht mal ein schlechtes. Aber was half mir ein Ethikrat, dem meine Fragen zu läppisch waren. „Kürzlich fragte mich jemand, ob ein Ethikrat, der mit drei alten Männern besetzt ist, zeitgemäß sei“, sagte ich ins Unbestimmte des Badezimmers. „Haben Sie vielleicht eine Meinung dazu?“

Es herrschte kurz Stille. „Wer möchte antworten?“, fragte der Ethikratvorsitzende seine beiden Kollegen. „Wollen Sie?“, wandte sich derjenige, der ein Einstecktuch in seiner Anzugjacke trug, an den anderen, der eine kleine Aktentasche neben sich liegen hatte. „Gern“, sagte der Aktentaschen-Rat und räusperte sich kurz. „Das Problem der Repräsentanz beschäftigt uns seit einer Weile. Deshalb haben wir unseren Sitz im Internationalen Komitee ehrenamtlich tätiger Ethikräte frei gemacht für neue Kräfte.“

Er hielt inne und holte aus seiner Tasche ein eng bedrucktes Papier. „Dies ist unsere Erklärung dazu. Außerdem nutzen wir die Einnahmen aus unserem Youtube-Kanal für Stipendien für philosophischen Nachwuchs aus nicht-akademischen Elternhäusern.“ „Sie haben einen Youtube-Kanal?“, sagte ich lahm. „Natürlich haben wir einen Youtube-Kanal“, sagte der Ethikratvorsitzende, „wir sind Teil der Gegenwart.“ Der Kater sprang auf und setzte sich auf den Schoß des Ratsvorsitzenden. Ich ging aus dem Badezimmer.

Kürzlich habe ich einen Text geschrieben, in dem der Begriff „Mädchen für alles“ auftauchte. Die Kollegin, die ihn redigierte, machte mich darauf aufmerksam, dass er frauenfeindlich sei. „Aber er trifft doch den gesellschaftlich zugemessenen Charakter der Tätigkeit“, sagte ich unfroh. „Aber meinetwegen, ändere es.“ Ich fragte meinen Freund, der mir schlüssig erklärte, warum die Kollegin recht hatte. Ich rief sie noch einmal an, um es zuzugeben, und fühlte mich noch älter als sonst.

Vielleicht muss mich der Ethikrat noch engmaschiger betreuen, dachte ich und ging zurück ins Badezimmer. Aber es war leer.

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ist taz-Redakteurin in Hamburg und schreibt bevorzugt über ökonomisch wertlose Beschäftigungen. Ihr Buch „Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands“ erschien 2014, „Schlafen.100 Seiten“ 2019.

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