piwik no script img

Den Winter überleben

Durch Luftangriffe hat die russische Armee weite Teile der ukrainischen Energie-Infrastruktur zerstört, während draußen Minusgrade herrschen. Zwei Autorinnen aus der Ukraine schildern ihren Alltag

Von Iya Kiva und Iryna Tsilyk

Iya Kiva aus Lwiw

Der Winter in der Ukrai­ne dieses Jahr ist märchenhaft, wie in meiner Kindheit im Donbass. Frost, Schnee und viel, viel Schnee. Wäre da nicht die militärische Aggression Russlands, würden die Ukrainer jetzt ihre Zeit draußen verbringen und Schneemänner bauen. Sie würden in ihren Innenhöfen Schlittschuhbahnen anlegen, wie auf den Gemälden von Pieter Bruegel, Schneeballschlachten veranstalten und ihre Kinder auf Schlitten durch die Straßen ziehen.

Aber während unsere Nachbarn in Europa das Recht auf ein Märchen haben, behütet durch den nuklearen Schutzschild der Nato, haben die Ukrainer das uneingeschränkte Recht auf die Hölle – die eisige Hölle des russischen Versuchs, uns mit Kälte und Angst zu demütigen und zu Tode zu frieren.

Denn in den vergangenen vier Jahren hat Russland gezielt die zivile kritische Infrastruktur angegriffen, die den Menschen so basale Dinge wie Strom, Wärme, Wasser und Gas in ihre Häuser liefert. Ohne diese grundlegenden Annehmlichkeiten der Zivilisation sind unsere Häuser bloß Beton- und Ziegelkästen.

In der ukrainischen Denkweise ist alles, was der liebevolle Blick der Fürsorge berührt, lebendig. Vor allem nach dem 20. Jahrhundert mit all seinen Kriegen, der stalinistischen und nationalsozialistischen Besatzung, den Völkermorden und Deportationen, den Repressionen und dem Terror, die wie ein Sturm über das ukrainische Land hinwegfegten. Vor allem nach 2014, als Russland mich und Millionen anderer Ukrainer aus Donezk, Luhansk und der Krim zu Kriegsflüchtlingen innerhalb des Landes gemacht hat. Ein Zuhause für Ukrainer bedeutet nicht Komfort, ein Zuhause für Ukrainer bedeutet das Recht auf Raum für Liebe.

Russland kann die ukrainische Liebe nicht zerstören. Es verfügt nicht über Raketen, die dazu in der Lage wären. Aber immer wieder den Krieg aus der Kampfzone in die Häuser von Zivilisten zu tragen, das tut Russland mit dem Zynismus eines Raubtiers. Denn dort, wo das Völkerrecht endet, beginnt die Barbarei.

Die Erfahrungen, die wir derzeit machen, werden zu chronischen Krankheiten führen, die sich erst später bemerkbar machen werden.

Nicht alle ukrainischen Kinder werden diesen Winter überleben, denn ihre schwachen Immunsysteme haben noch nicht gelernt, der russischen Aggression zu widerstehen. Nicht alle alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und einfach nur einsame Menschen werden diesen Winter überleben. Nicht alle Häuser, auch wenn sie äußerlich unbeschädigt bleiben, können wieder in einen bewohnbaren Zustand zurückversetzt werden. Ganz zu schweigen davon, was aufgrund von Stromausfällen in Krankenhäusern, Operations­sälen und Intensivstationen geschieht.

Die menschlichen Opfer, die durch die Kältewelle bedingt werden, lassen sich kaum beziffern. Nicht jeder Tod, der in diesem Winter durch das Vorgehen Russlands verursacht wird, wird Anlass für eine Gerichtsverhandlung in Den Haag sein oder auch nur in den Nachrichten erscheinen.

Aber wir Ukrainer werden immer noch getötet. Wir benötigen weiterhin freiwillige Helfer der Menschlichkeit und Generatoren, allen voran aber Waffen und Luftabwehr. Denn dort, wo die ukrainische Frontlinie endet, beginnt die gewöhnliche Banalität des Bösen. In diesem Jahr ist sie eisiger denn je.

Iya Kiva(*1984) ist Dichterin und Übersetzerin aus Donezk. Nach der Besetzung ihrer Heimatstadt durch Russland im Jahr 2014 zog sie nach Kyjiw und lebt mittlerweile in Lwiw. Ihre Gedichte wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt.

Iryna Tsilyk aus Kyjiw

Ich schreibe diesen Text auf einem Laptop mit nahezu leerem Akku – mein Ecoflow-Stromspeicher ist endgültig ausgegangen und damit auch die Möglichkeit, etwas aufzuladen. Kerzen flackern im dunklen Raum, ich bin wie ein Kohl in mehrere Schichten Kleidungsstücke gehüllt und sitze unter zwei Decken, denn auch die Heizung ist schon seit geraumer Zeit ausgefallen. Diese Beschreibung vermittelt wahrscheinlich ein ziemlich apokalyptisches Bild, aber nein – bei mir zu Hause gibt es heute Wasser und Gas! Glauben Sie mir, ich gehöre zu den Glücklichen.

Temperatur bis zu –20 Grad, im Hintergrund schlug eine russische Rakete ein. Kyjiw im Januar 2026 Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Kyjiw ist eine Millionenstadt, deren Rhythmus und Lebensstil sich trotz des Krieges nicht so sehr von denen vieler anderer Hauptstädte unterscheiden. Aber wenn die Außentemperatur lange Zeit bei –15 bis –20 Grad bleibt und Tausende von Wohnhäusern ohne Heizung, Strom und manchmal auch ohne Wasserversorgung sind, wird das zu einem ­ernsten Problem: Rohrleitungen platzen, Wände gefrieren. Die Straßen der Stadt klingen wie endlose Symphonien von Generatoren, die Menschen kaufen Kanonenöfen und tragbare Gasherde, und Häuser mit Kaminen werden zu einem besonderen Schatz.

Natürlich ist die ukrainische Hauptstadt zu groß, um homogen zu sein. Manchmal scheint es, als sei es reine Glückssache, bestimmte Vorteile zu haben. Vor nicht allzu langer Zeit gab es noch Zeitpläne für die Stromversorgung, und das war praktisch – man konnte sich vorbereiten und seinen Tagesablauf planen. Aber jetzt weiß man nie, wie die Karten jeden Tag aufs Neue gemischt werden und wer Wasser, Strom und Wärme bekommt. Ein Royal Flush, alles auf einmal, kommt nur selten vor.

In den sozialen Netzwerken konnte man viele aufmunternde Videos sehen, in denen die Einwohner Kyjiws in ihren verschneiten Innenhöfen Open-Air-Partys veranstalten. Das ist inspirierend. Aber es ist sehr wichtig, sich an die Menschen zu erinnern, die im Verborgenen bleiben – an die Alten und Einsamen, an die Schwangeren, an Eltern mit Babys, an Palliativpatienten, die auf die Arbeit von Sauerstoffkonzentratoren angewiesen sind. Aber werden die Schwächsten bis zum Frühling überleben?

Diese Frage ist schmerzhaft. Neulich war ich bei einem Konzert in der unbeheizten Kyjiwer Philharmonie, wo alle Gäste in Winterjacken gehüllt und sogar in Handschuhen saßen. Mehrere Sirenen unterbrachen das Konzert, aber niemand ging. Ich saß da, hörte die schöne Musik von Borys Ljatoschynskyj und weinte. Plötzlich tat mir unser aller Schicksal so sehr leid. Aber gleichzeitig empfand ich auch große Dankbarkeit – sowohl gegenüber den Menschen in meiner Nähe als auch gegenüber allen anderen Ukrainern außerhalb des Saals.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die meisten von uns überleben werden. Und wer weiß, in welcher Welt wir uns im Frühjahr wiederfinden. Die Weltordnung verändert sich allzu schnell, und eine weitreichende Lawine der Gewalt nähert sich. Aber es scheint, dass uns Ukrainer nichts mehr überraschen kann. Und dann, sobald wir unsere Geräte ein wenig aufgeladen haben, werden wir unsere vielschichtigen Erfahrungen des ständigen Überlebens und Widerstands mit den anderen teilen.

Iryna Tsilyk(*1982) ist Schriftstellerin und Filmregisseurin. Für ihren Dokumentarfilm „The Earth Is Blue as an Orange“ (2020) über eine in der Nähe der Front lebende Familie aus dem Donbass erhielt sie den Regiepreis des Sundance Film Festival sowie den Taras-Schewtschenko-Preis, die wichtigste Kultur-Auszeichnung der Ukraine.

Übersetzung beider Texte: Yelizaveta Landenberger

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen