piwik no script img

Demo gegen die tschechische RegierungDie Wut der „Kremloboti“

Kommentar von

Alexandra Mostyn

Die Unterstützung der Ukraine kommt in Tschechien nicht bei allen gut an. Inflation und Staatsverschuldung machen den Leuten Angst.

S o tief ist inzwischen der Graben innerhalb der tschechischen Gesellschaft, dass der Diskurs lieber auf Strohmänner setzt: ein paar Tausend „desolati“ – Desolate, wie das böhmisch-mährische Juste Milieu diejenigen bezeichnet, die das Vertrauen in den Staat verloren haben – hätten auf dem Wenzelsplatz versucht, auf sich aufmerksam zu machen, spottet es in den Kaffeehäusern.

An den Stammtischen hingegen waren es Zehntausende von Patrioten, die nach Prag gekommen waren, um der knapp zwei Jahre alten Regierungskoalition von Petr Fiala ihre Verachtung zu zeigen. Es waren keine vorrevolutionären Massen, aber auch mehr als ein paar Tausend Unzufriedene, die am Samstag aus der ganzen Republik, vor allem aus ihren unterversorgten Grenzregionen, zur „Tschechien gegen die Regierung“-Demo gereist waren.

Unter ihnen waren sicher viele Opfer eines miserablen Bildungswesens, die offen sind für jeden Schnipsel von Desinformation, sowie auch eine wachsende Zahl von sogenannten Putin-Verstehern, in Tschechien nennt man sie „Kremloboti“, die hauptsächlich gegen die tschechische Unterstützung der Ukraine sind. Die hat in Tschechien metaphysische Ausmaße angenommen: ein Sieg der Ukraine als Vollendung der tschechischen Geschichte, als Sieg der Wahrheit über Lüge und Hass.

Überall kommt das allerdings nicht an. Viele Rentner hätten lieber eine andere, inflationsgebundene Rentenerhöhung, der Klein- und Mittelstand wohl lieber bezahlbare Energiepreise – und die Mittelschicht wird bei all den obskuren Steuer- und Beitragserhöhungen im Namen der Haushaltskonsolidierung auch recht unruhig.

Umso mehr, als die Regierung von Ministerpräsident Petr Fiala sich weiter verschuldet, um Milliarden an Hilfsgeldern in die Ukraine zu schicken. Die Regierung wertet die Ängste der Bevölkerung zu sehr ab, macht sie geradezu verächtlich. Der Politologie-Professor Fiala scheint beim Regieren das Brecht’sche Axiom vergessen zu haben, nachdem erst das Fressen kommt und dann die Moral.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Alexandra Mostyn Auslandskorrespondentin Tschechische Republik

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • Da sind systematisch geschürte Kampagnen der Kreml-Medien in ganz Europa am Werk.

  • Ich finde es eigenartig, dass der Begriff "Putin-Versteher"generell so negativ besetzt ist. Ich weiß, dass wir in seiner polarisierten Welt leben, aber ist es nicht trotzdem wichtig die Position der anderen Seite zu verstehen, auch wenn man sie in keinster Weise teilt, sondern verurteilt!? Ansonsten fürchte ich, dass die Demos in Tschechien nur der Anfang ist von dem was uns noch blüht. Und ehrlicherweise sind bisher die Kosten von Europa noch überschaubar gewesen. Wenn man die These vertritt, dass der militärische Lösungsansatz nachwievor der beste ist, wäre eine Möglichkeit vielleicht den amerikanischen Weg zu gehen und nur noch Kredite zu vergeben anstatt "Geschenke" - vielleicht würde, dass auch die Demonstranten in Tschechien beruhigen.

    • @Alexander Schulz:

      Es geht bei dem Begriff nicht um das Nachvollziehen einer Gedankenwelt, sondern um das Legitimieren von Genozid und Unterwerfungskrieg.

      • @metalhead86:

        Genau, das ist es ja was ich meine!



        Sie sehen Hineinversetzen in eine andere Position als Legitimierung an! Das ist leider ein "Denkfehler", der inzwischen sehr oft gemacht wird mit bekannten fatalen Auswirkungen.

        • @Alexander Schulz:

          Ich habe mich oft versucht in Putin hineinzuversetzen, habe seine historischen Aufsätze studiert. Habe seine Reden angehört: Putin will die Ukraine vernichten, er sieht sie nicht als legitimen Staat an. Er will ein neues russisches Imperium bauen, mit Referenzrahmen 1914. Aber dieses verstehen ist etwas anderes als Russlands Angriff zu legitimieren oder zu beschönigen das hat METALHEAD86 schon klar ausgedrückt.