Defizite der Wissenschaftskommunikation: Widerspruch gehört dazu

Expertise von Wissenschaftlern ist derzeit gefragt. Der Fall „Corona“ zeigt aber, dass nicht vermittelt werden konnte, wie Wissenschaft funktioniert.

Ein Smartphone auf dem der Podcast von Prof. Drosten abläuft liegt auf einem Schreibtisch neben einer Tastatur und einem Laptop.

Wenn während des Podcasts von Prof. Drosten die nationale Katastrophenwarnung aufläuft Foto: Bertram Solcher/Laif

Durch die Coronakrise hat die Wahrnehmung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen einen enorm positiven Schub bekommen. So sieht es auch Jens Rehländer, Kommunikationschef der Volkswagenstiftung: „Durch die Person des Virologen Christian Drosten haben wir jetzt ein omnipräsentes Gesicht der Wissenschaft. Er bringt alles mit, was für einen Wissenschaftskommunikator substanziell ist: Er hat Expertise, er ist den Menschen zugewandt, empathisch und kann die Inhalte leicht verständlich rüberbringen.“ Für Rehländer ist das ein Beispiel, wie Wissenschaftskommunikation gelingen kann. Und sie muss es auch.

Denn nicht nur mit Blick auf Covid-19 erscheinen die globalen Herausforderungen für die Menschheit gigantisch: Klimawandel, Energiewende, Künstliche Intelligenz, Genforschung, die Dauerkrise des Kapitalismus und einiges mehr sind beunruhigend. In einer liberalen Demokratie sind hier Experten mehr denn je gefragt, Wissenschaftler, die zu den entsprechenden Fachgebieten über genügend Know-how verfügen, um zumindest die aktuelle Situation und deren mögliche Ursachen festzustellen.

Allerdings: Versuchen interessierte Laien, sich ein Urteil zu bilden, etwa über die gängigen TV-Diskussionsrunden oder via Suchmaschine im Internet, ist in der Regel statt Erkenntnis oft noch mehr Desorientierung sowie Überforderung das Resultat. Die verschiedensten, sich widersprechenden Thesen, Dogmen oder Behauptungen von Forschern und Gelehrten stehen dort gleichwertig nebeneinander. Liegt das an den Kommunikationsmustern der Wissenschaft oder an der Inszenierung der Medien?

„Es ist eine Tradition in der Wissenschaft, Hypothesen und experimentelle Befunde zu hinterfragen, im Grunde ist eine neue These implizit auch ein Call an die Wissenschaft: Prüft mich, widerlegt mich, bestätigt mich.“ Das sagt Ranga Yogeshwar. Der Wissenschaftsjournalist (TV-Reihe „Quarks“ u. a.) gilt in seinem Bereich als anerkannte Größe. „Es gibt keine Publikation, die per se den Anspruch hat, dass alles wahr und unverrückbar ist“, erklärt er den üblichen Diskurs unter Wissenschaftlern, der von unverrückbaren Wahrheiten Abstand nimmt. Die Grundidee bestehe darin, dass es irgendwann zu einem Konsens kommt.

Nur eine Momentaufnahme

Rehländer sieht dabei auch die Wissenschaft in der Pflicht und stellt fest, dass es ihr trotz gesteigerter PR-Bemühungen nur unzureichend gelungen sei, der Bevölkerung zu vermitteln, wie Erkenntnis produziert wird, dass jeder Befund nur eine Momentaufnahme sein kann: „So entsteht der Eindruck, die Wissenschaft weiß überhaupt nichts, was wiederum dazu führt, dass der Wissenschaft misstraut wird.“

Es ist Tradition in der Wissen­schaft, Hypo­thesen und experi­men­telle Befunde zu hinterfragen

Beide sehen ein Defizit bei der Wissenschaft, wenn es um Kommunikation geht, sie bleibe geschlossen in ihren jeweiligen Fachgebieten, interdisziplinäres Vorgehen finde zu selten statt, und es gebe auch keine Schulungen für einen entsprechenden Austausch. Auch ethische Erörterungen zu bestimmten Disziplinen, zum Beispiel im Bereich Künstliche Intelligenz, spielten keine Rolle.

Dabei habe die Forschung mit ihren Ergebnissen eine Wirkung auf die Gesellschaft wie nie zuvor, und das nicht nur in der aktuellen Situation. Eine repräsentative Umfrage der Initiative Wissenschaft im Dialog belegte beispielsweise: Zwei Drittel der Befragten halten den Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft für zu groß und fast ebenso viele befürchten, dass mehr Zwänge auf die Menschen wirken, je weiter sich die Technik entwickelt.

Die grundsätzliche, desorientierende Situation führt Yogeshwar hauptsächlich auf die Medien zurück: „Sie sind zu einer Kirmeskultur verkommen – wer am lautesten schreit, bekommt das Mikrofon, und das mit den meisten Klicks kommt bei Suchanfragen durch die Algorithmen automatisch nach oben – es sind also wirtschaftliche gewinnorientierte Prozesse, die über den Zugang zu den Informationen entscheiden; eine Erregungsbewirtschaftung, denn aus Massenmedien sind die Medien der Massen geworden.“

Dass Medien stets gern Vertretern konträrer Positionen eine Bühne bieten, das stellt auch Rehländer fest: „Das erfordert aber eine hohe Verantwortung, tatsächlich kommt es oft zu Zuspitzungen und vereinfachten Botschaften.“

Eliten stehen zunehmend unter Generalverdacht

Auch die Auswahl in vielen Diskussionsrunden beispielsweise sehen beide kritisch: Wenn etwa 90 Prozent der Wissenschaftsgemeinde einer bestimmten Theorie zustimmen, 10 Prozent nicht, auf einem TV-Panel aber jeweils nur ein Vertreter der entsprechenden Meinung sitzen, gibt das allein schon ein verzerrtes Bild des aktuellen Standes in der Forscher-Community wieder.

Ein Beispiel für das Versagen dieses Systems war ihr Umgang im letzten Jahr mit einer Erklärung von 107 Lungenärzten, die sich gegen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in Städten gestellt hatten. In Nachrichten Sendungen und Zeitungen wurden die Thesen dieser Gruppe ohne Überprüfung vorgestellt. Einzig taz-Redakteur Malte Kreutzfeldt hatte die Zahlen, mit denen diese Ärzte operiert hatten, nachgerechnet: Sie stimmten nicht. Solche und ähnliche Vorfälle führen dann zum Wissenschaft-Bashing, sind aber Teil einer umfassenden Elitenkritik, die sich einigen Jahren immer mehr ausweitet: Politik, Medien sowie andere Instanzen stehen bei immer größeren Teilen der Gesellschaft unter Generalverdacht.

„Aufklärung und Dialog auf Augenhöhe sind wichtig, aber damit ist die Wissenschaft bislang nicht so weit gekommen“, kritisiert Rehländer, „der Wissenschaftsjournalismus als Vermittlungsinstanz fehlt, wir brauchen neue Impulse.“ So stellt die Volkswagenstiftung aktuell 4 Millionen Euro für Projekte zur Verfügung, bei denen Kommunikationswissenschaftler zusammen mit einer weiteren Fachdisziplin und Experten außerhalb des universitären Bereichs Projekte realisieren sollen, „um dem drohenden Vertrauensverlust“ entgegenzuwirken.

Einen ungewöhnlichen Weg wollte jetzt Peter Heck gehen. Der Professor für angewandtes Stoffstrommanagement am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier mit den Forschungsschwerpunkten regionale Wertschöpfung, Klimaschutz und erneuerbare Energien hatte eine Publikumsveranstaltung mit initiiert, die auch im TV übertragen werden sollte: Bei „Comedy for Future“ hätten sich im April zahlreiche bekannte deutsche Comedians, darunter beispielsweise Atze Schröder oder Michael Mittermeier, mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen befasst.

Die Menschen erreichen

Die Veranstaltung wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben und soll jetzt m Herbst stattfinden. „Wenn wir als Wissenschaftler Kanäle finden, um Menschen zu erreichen, die sich mit einem bestimmten Thema sonst nie beschäftigt hätten, dann müssen wir das nutzen“, betont der Hochschullehrer.

Bereits auf der Pressekonferenz zu „Comedy for Future“ hatte Heck bemerkt, dass er so wahrscheinlich mehr Menschen mit seinen Themen erreichte als mit der kommunalen Arbeit, die er in den letzten fünf Jahren betrieben hat. Der Professor wird das Projekt inhaltlich beraten, auch was die Auswahl passender Sponsoren angeht: „Ich erwarte Kritik aus den eigenen Reihen, aber mit der klassischen Wissenschafts­kommunikation, die aufwendig und kostenintensiv ist, erreichen wir höchstens fünf Prozent der Bevölkerung, die sowieso für diese Themen bereits offen ist.“

Yogeshwar schließlich, der die Medien als „Nervennetz der Gesellschaft“ beschreibt, fordert, bei ihr den treibenden Motor des Ökonomischen abzustellen, um eine ausgewogene Vermittlung zu gewährleisten. Eine Forderung, die jetzt wahr geworden ist, und, so die Hoffnung des Wissenschaftsjournalisten, nun Raum bietet, um die Sinnhaftigkeit der Mechanismen in unserer Gesellschaft neu zu sortieren. Dass der „Drosten-Effekt“ auch noch nach der Krise erhalten bleibt, das bezweifelt Rehländer: „Das gelingt nur, wenn die Wissenschaft sofort nachlegt.“

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