Debatte um Integration: Einheimische Migranten?

Nach Ausschreitungen wie in Frankfurt oder Stuttgart wird über die Herkunft der jungen Leute diskutiert. Ein völlig verkehrter Ansatz.

jugendliche im Schlossgarten. Eine Polizeigarde läuft vorbei

Jugendliche im Schlossgarten in Stuttgart Ende Juni Foto: Max Kovalenko/Imago

Waren die Attentäter von Halle und Hanau „schlecht integriert“? Oder die Kinderschänder von Lügde und Bergisch-Gladbach? Haben die Pegida-Mitläufer*innen „Integrationsprobleme“? Offenkundig haben diese Leute Defizite in Bezug auf Grundwerte dieser Gesellschaft, aber niemand spricht von „Integration“ – weil die Täter ja „Deutsche“ sind und sich daher die Frage der „Integration“ nicht stellt?

Nun stellt man fest, dass bei den Ausschreitungen in Frankfurt am Main und in Stuttgart ein nicht geringer Teil der jungen Leute einen „Migrationshintergrund“ hat – und schon geht es reflexartig um „Integration“. Es bringt uns in der Erklärung der Vorgänge nicht weiter, offenbart aber, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Polizei, Medien und Politik in der Integrationsdebatte der 1990er Jahre steckengeblieben ist.

Damals waren in der Tat noch die meisten jungen Erwachsenen „mit Migrationshintergrund“ selbst zugewandert und sie waren nur eine Minderheit unter den jungen Erwachsenen in ihrer Altersgruppe. Das ist heute völlig anders: Bei den unter 21-Jährigen in Frankfurt und Stuttgart (und vielen weiteren süddeutschen Städten) hat deutlich mehr als die Hälfte einen „Migrationshintergrund“, es wäre also allein schon demografisch seltsam, wenn sie bei den Feiern nicht oder kaum dabei gewesen wären.

Ebenso reflexartig meint man „gewaltbereite Geflüchtete“ zu erkennen, dabei ist der weit überwiegende Teil dieser jungen Leute – achtzig bis neunzig Prozent! – in Deutschland geboren, sie haben möglicherweise nur ein Großelternteil, das aus dem Ausland nach Deutschland gekommen ist – was übrigens auch aus der Schweiz sein kann.

Die Zuschreibung „Migrationshintergrund“ erklärt sehr wenig, sie überbetont aber das „Andere“ und „Fremde“ in Bezug auf junge Menschen, die so einheimisch sind, dass man ihnen nicht erklären muss, wie das so läuft in Deutschland und in Hessen oder dem Schwabenlande. Und spricht die Tatsache, dass auch für diese Jugendlichen der Alkohol zum Ausgehen und Feiern dazugehört, nicht gerade für „gelungene Integration“ (zumindest in den Teil der „Leitkultur“, der eine gute Party vor allem an der Menge des konsumierten Alkohols misst)?

Sie verstellt aber auch den Blick auf möglicherweise tatsächlich relevante Erklärungen für die Ereignisse von Stuttgart und Frankfurt: Für Menschen mit einem nichtdeutsch klingenden Namen und/oder „nichtweißen“ Aussehen sind „Othering“-Erlebnisse, in denen sie also als „anders“ und „fremd“ gekennzeichnet werden, zu jeder Zeit und überall möglich. Sie beginnen in der Schule und reichen von der Wohnungssuche über das Ausgehen (wie viele Diskotheken in Frankfurt und Stuttgart lassen prinzipiell keine „arabischen“ und „afrikanischen“ Gäste rein?) bis zur Bedrohung von Gesundheit und Leben – Hanau ist potenziell überall.

Rassismus strukturell verankert

Anders als früher erleben aber heute auch die nicht als „migrantisch“ etikettierten Jugendlichen diesen Rassismus mit: Es sind ihre Freunde, die in die Disko nicht eingelassen werden oder der Polizei ihre Papiere zeigen müssen, während sie danebenstehen und dies nicht erleiden müssen – einfach nur, weil sie anders aussehen. Es mag sein, dass Corona die Frustration noch erhöht hat – sicher ist, dass es viel Wut gibt und die Polizei kein gutes Standing hat unter jungen Menschen in größeren Städten.

Rassismus ist in der Gesellschaft strukturell verankert, das haben Studien vielfach nachgewiesen. Die Wut kommt aber vor allem daher, dass sich staatliche Institutionen wie Schulen, Ämter und die Polizei noch immer regelrecht weigern, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen.

Der Vorwurf des Rassismus gegen einen Lehrer oder eine Lehrerin ruft in der Regel die massive Gegenwehr des gesamten Apparats auf den Plan – meist mit dem Ergebnis, dass es die Betroffenen sind, die die Schule verlassen müssen. Das sieht bei der Polizei nicht anders aus, hier werden sogar Nazisymbole kollegial gedeckt und jede Klage gegen exzessive Gewalt wird mit einer Gegenklage beantwortet.

Kaum eine Schul- oder Polizeibehörde in Deutschland verfügt über einen etablierten Mechanismus des professionellen Umgangs mit Rassismusvorwürfen von Betroffenen, also zum Beispiel der Mediation und der unparteiischen Ermittlung oder entsprechendem Training als Teil der Ausbildung. Noch immer ist eine demütigende Behandlung in Ausländerbehörden gang und gäbe – und kein Innenministerium interveniert.

Versagen der Sicherheitsbehörden

Hinzu kommen gesellschaftspolitische Traumata, deren langanhaltend verstörende Wirkung die deutsche Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis nehmen will: dass die Wiedervereinigung mit einem deutlichen Anstieg rassistischer Angriffe einherging, das völlige Versagen der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung der NSU-Morde und der Bestsellererfolg des unsäglichen Sarrazin-Buchs, um nur drei Beispiele zu nennen. Auch die Versuche von Politiker*innen, sich durch migrationskritische Äußerungen zu profilieren – woran sich auch die derzeitigen Lichtgestalten der Unionsparteien, Markus Söder und Jens Spahn, gerne und aktiv beteiligt haben –, tragen dazu immer wieder bei.

Auf der einen Seite werden die aktuellen demografischen Realitäten ignoriert – offenbar ist etwa der CSU nicht klar, dass rund die Hälfte der städtischen Erstwähler*innen bei der letzten bayerischen Landtagswahl Einheimische mit einem „Migrationshintergrund“ waren –, auf der anderen Seite geht jede Differenzierung verloren, wenn einmal das Etikett „Migration“ draufklebt.

Bei der Gewalt von Frankfurt und Stuttgart kommen verschiedene Gründe zusammen, aber „Integrationsdefizite“ gehören sicher nicht dazu. Nicht „Migration“ und „Migrationshintergrund“ sind das Problem, sondern sie fortwährend zu einem Problem zu erklären und sich nicht mit dem strukturell verankerten Ausschluss eines so großen Teils der deutschen Bevölkerung zu beschäftigen.

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Der Ethnologe und Migra­tionsforscher arbeitet am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Er hat sich unter anderem mit deutschen Eigendefinitionen nach der Wiedervereinigung und sozialem Aufstieg in Einwandererfamilien beschäftigt.

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