Debatte über queere Kunst in der DDR: Lesbische Ikonen und der Sozialismus
Ein Podium will dem Leitbild der sozialistischen Ehe entkommen. Daher wurde dort das Schicksal lesbischer Künstlerinnen in der DDR aufgearbeitet.
Es könnte einer jener stillen Momente sein, die man an Badeseetagen kurz vor Einsetzen der Abendmelancholie beobachtet: Zwei Frauen sitzen vorsichtig aneinandergelehnt, die Oberkörper zwischen den nach hinten gestützten Armen eingehängt. Das Knie der einen berührt das Bein der anderen. Ihre Blicke sind gesenkt, intim, aber auch traurig.
Dorothea von Philipsborn hat den Moment mit ihrer Bronze-Skulptur „Zwei Mädchen“ eingefangen. Noch bis diesen Sonntag ist sie in der Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ in der Berliner Galerie „neue Gesellschaft für bildende Kunst“ zu sehen. Man merke den Werken an, dass lesbische Künstler:innen Ausgrenzung erfuhren, sagt Birgit Bosolt: „Die Künstlerinnen gucken aus einer queeren Erfahrung heraus. Auch wenn sie ein Auto oder eine Straße malen, sieht man diese Erfahrung.“
Bosolt ist Vorstandsmitglied des Schwulen Museums Berlin. Bei einer Podiumsdiskussion in der Berliner nGbK sprach sie am Mittwoch mit der Radio-Autorin Judith Geffert und der Literaturwissenschaftlerin Nina Weller über lesbische Kunst in der DDR. Von Beginn an weitete das Podium den Blick über die DDR hinaus, denn auch in der Bundesrepublik seien die wenigsten Menschen, die man heute als queer bezeichnen könnte, offen lesbisch aufgetreten.
Zwar sei queeres Leben in der DDR juristisch weniger verfolgt worden als in Westdeutschland, erklärt Bosolt. Doch auch dort seien Lesben stigmatisiert worden. „Die sozialistische Ehe war schon das Leitbild.“
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Anlaufstelle für queeres Leben
Rita „Tommy“ Thomas konnte sich diesem Leitbild entziehen. 1931 geboren, lebte sie in einer offen lesbischen Beziehung in Ostberlin und betrieb dort einen Hundesalon. Ihre Privatwohnung war ab den 1960er Jahren eine Anlaufstelle für queeres Leben in der Stadt. In ihren Fotografien, die in der Ausstellung zu sehen sind, hielt sie diese Zeit fest. Immer wieder ist sie darauf auch selbst zu sehen, in Hose, mit Elvis-Frisur und einem sehr großen Hund an ihrer Seite.
Es sind Ikonen, die man in der Ausstellung kennenlernt. „Wir gewinnen Vorbilder, an denen wir uns orientieren können“, sagt Judith Geffert. Sie beschäftigt sich in Radiobeiträgen und ihrer Forschung mit feministischen Gruppen in der DDR. Das Bedürfnis nach solchen Ikonen führt sie darauf zurück, dass lesbisches Leben in der Geschichtsschreibung systematisch verdrängt werde. Das Podium widmete sich einer Aufarbeitung.
So richtig um die DDR ging es dabei allerdings nicht, eine Leerstelle, der sich die drei Sprecherinnen bewusst waren. Ist in den Werken etwa ein bestimmtes Frauenbild zu erkennen? Unter welchen Bedingungen entstand die Kunst, insbesondere die jener Frauen, die sich nicht wie die Skulpturbildnerin Dorothea von Philipsborn mit Großaufträgen etablieren konnten?
Von Philipsborn zum Beispiel, die auch für die Nationalsozialisten gearbeitet hatte, konnte durch Staatsaufträge ihre fünf Lebenspartnerinnen mitversorgen. Es wird nicht zuletzt ihre Haltung zum DDR-Regime gewesen sein, die ihr die Freiheit ermöglichte, einen Moment der Ruhe und Intimität zu erleben.
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