Datenhandel mit Dating-Apps: Wir Konsumroboter

Eine norwegische Studie zu Dating-Apps zeigt: Um detaillierte Nutzer*innen-Profile zu bekommen, werden Datenschutzgesetze dreist ignoriert.

Zeichnung von einem Paar mit einem Smartphone.

Google ist immer dabei. Und Facebook auch Illustration: Jacquie Boyd/imago

Die Meldung hat etwas von einem Déjà-vu: Einer Untersuchung der norwegischen Verbraucherschutzbehörde zufolge teilen Apps aus dem Google Playstore privateste Daten von Nutzer*innen mit Anzeigenvermittlern. Zu den analysierten Anwendungen gehören Datingapps wie Tinder und Grindr, eine App für die Ermittlungen von Ovulationsperioden oder auch die auf Kinder zielende Spaßanwendung My Talking Tom 2.

Zu den gesammelten Daten gehören GPS-genaue Standorte der Nutzer*innen und im Falle der Datingapps Angaben zu persönlichen Vorlieben, Substanzengebrauch oder politischen Einstellungen. Die Weitergabe intimster Informationen erfolgt in Verbindung mit einer Identifikationsnummer, die auf Androidgeräten verwendet wird, um über die Grenzen von Anwendungen und Geräten hinweg individualisiert Werbung ausspielen zu können.

Erst 2019 war bekannt geworden, dass Grindr den HIV-Status von Nutzer*innen mit Werbetreibenden teilte. Diese Praxis wurde eingestellt, auch sonstige Versicherungen der Plattformen und App-Firmen, dass europäisches Recht und die Privatsphäre der Kund*innen geachtet würden, sind Legion. Der neuerliche Nachweis des Bruchs jeglicher Datenschutzstandards überrascht dennoch nicht.

Dass die Werbeindustrie auf möglichst detaillierte Profile der Nutzer*innen zielt, um erfolgreich Anzeigen platzieren zu können, ist bekannt. Der Umfang und die technische Präzision der am Dienstag vorgestellten Studie kann jedoch kaum überbewertet werden. Mit erheblichem Aufwand wird dargestellt, wie die großen Player, allen voran Google und Facebook, Daten sammeln und verknüpfen können, selbst wenn Nutzer*innen sich von deren Diensten fernhalten. So tauschen Datingapps untereinander Profildaten aus und übermitteln diese wiederum an bis zu 70 Drittparteien, bei denen davon ausgegangen werden darf, dass diese über die Werbe-ID die einzelnen Pakete ohne Mühe verknüpfen können. Neben originären Werbeservern erhält selbst Amazon Zugang zu den Daten.

Ein Mosaik des ganzen Menschen

Bedenkend, dass der Datenhandel im internationalen Stil weit über die Werbewirtschaft hinaus sehr einträglich ist, ist das Ausmaß der unkontrollierten Sammlung und Weitergabe persönlicher Information mehr als besorgniserregend. Sicherheitsbehörden aus aller Herren Länder können sich in diesem weiten Netzwerk recht unkompliziert die Mosaiksteine zu Bewegungs- und Persönlichkeitsprofilen zum Beispiel von Oppositionellen zusammenkaufen. Oder gleich ungefragt an Schwachstellen der Sicherheitsarchitektur heimlich abgreifen, wie kriminelle Hacker es zweifellos ohnehin längst tun. Niemand könnte schließlich die Sicherheitsmaßnahmen aller beteiligten Firmen in allen Winkeln der Welt überprüfen.

Datensouveränität, die individuelle Kontrolle über die Informationen zur eigenen Person, ist insofern Selbstschutz. Der ist jedoch durch die Verflechtung der verschiedenen Daten sammelnden, speichernden und verarbeitenden Instanzen für durchschnittliche Nutzer*innen kaum wirksam durchzusetzen.

Entsprechend deutlich ist die Reaktion der norwegischen Behörde und diverser anderer Datenschützer*innen. Mit der Veröffentlichung der Untersuchung wurde Beschwerde in Norwegen und bei der EU eingereicht. Die Verletzung europäischer Gesetze ist so eklatant, dass mit durchaus empfindlichen Strafen für die beteiligten Firmen gerechnet werden kann. Ob sich damit das grundsätzliche Problem des überaus profitablen Handels mit privaten Daten nachhaltig lösen lässt, ist aber fraglich. Ohne ein prinzipielles Eingreifen in die Marktmechanismen und gegebenenfalls die Zerschlagung der großen Internetkonzerne werden diese den systematischen Verletzungen des Datenschutzes kaum aus freien Stücken vorbeugen.

Das Geschäft läuft schließlich bestens und eine Handvoll Datenschutzaktive mögen zwar lästig sein, können aber nicht ständig alles im Blick haben. In der Melange aus Märkten und Produkten, die jeweils von einem Oligopol aus denselben Firmen dominiert werden, ist am Ende wohl nur eines klar definiert: das Ziel der ganzen Operation. Das Individuum wird so genau wie möglich vermessen, kategorisiert und genormt, um als möglichst störungsfreier Konsumroboter der Profitmaximierung zu dienen.

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