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Das ist unser Haus

Foto: xy

Von Stefan Hunglinger

Und dann weint der Mann, und weint und weint und weint. Der Kölner Kunsthändler Sulpiz Boisserée hatte Himmel und Erde in Bewegung gesetzt für seinen großen Traum – 600 Jahre nach Baubeginn wollte er die turmlose Kirchenruine am Rheinufer vollenden zum Dom. Am 4. September 1842 dann ging es endlich los, sogar der König war zur Grundsteinlegung gekommen. „Das Gefühl überwältigt mich“, notiert Boisserée in seinem Tagebuch, „und bricht in einem Strom von Thränen aus“. Doch in die Freude mischt sich noch etwas anderes. Auf den zum Baustart errichteten Sitzreihen sind viele Plätze frei geblieben. „Die Tribünen sind leer, weil der Eintritt zu teuer gehalten.“ 184 Jahre ist das jetzt her.

Dass das Kölner Domkapitel plant, ab Juli 2026 Eintritt zu nehmen für den Besuch der Kathedrale, könnte eine rheinländische Lokaldebatte sein. Aber die Ankündigung wird diskutiert von Kanada bis Korea. Was ist da eigentlich los in Köln, einer der reichsten katholischen Diözesen der Welt?

Begonnen 1248, kam der Dombau im 16. Jahrhundert zum Stillstand. Die Kassen waren klamm, der gotische Baustil wurde als „unmodern“ empfunden. Den riesigen Innenraum richteten die Köl­ne­r:in­nen notdürftig für die Messe her, der Baukran auf dem halbfertigen Südturm geriet über 300 Jahre zum Wahrzeichen.

Dann kam die Romantik. Mittelalterliche Gotik galt plötzlich wieder als schick und als ungemein deutsch. Dass die Vorbilder des Kölner Doms allesamt in Frankreich standen, konnte Goethe und auch Boisserée nicht daran hindern, die Kathedrale am Rhein als Sinnbild für Deutschland zu sehen. So wie die Steine des Doms sollten die deutschen Lande zu einer Nation zusammengemörtelt werden.

Doch es gab keinen Plan. Alle ursprünglichen Zeichnungen waren verloren gegangen, Boisserée, ein Hobby-Historiker, entwarf deshalb Phantasietürme für die Kölner Kathedrale. Dann tauchte auf einem Dachboden in Darmstadt eine Hälfte des zerrissenen mittelalterlichen Bauplans auf – und in Paris die andere. Blieb noch das zweite große Problem. Wo sollten die 6,6 Millionen Taler für den Bau herkommen, also rund eine Milliarde Euro?

Um die Finanzierung anzukurbeln, gab Boisserée Stiche heraus, als eine Art Rendering des vollendeten Doms. Die Begeisterung für das Projekt wuchs durch diese Bilder und aus dem ganzen deutschsprachigen Raum trafen Spenden ein. Verwaltet wurden sie vom neugegründeten Zentral-Dombau-Verein. Auch der preußische König gab Geld und als selbst das nicht reichte, starteten die Dom-Afficionados eine einträgliche Lotterie. Manche Kirchenleute fanden das Dom-Glücksspiel höchst unanständig. Das hatte es noch nie gegeben!

Auch am Bau kamen hinter der gotischen Fassade ganz neue Techniken zum Einsatz. Der Dachstuhl des Kölner Doms war vor Errichtung des Eiffelturms die größte Stahlkonstruktion der Welt.

Sulpiz Boisserée starb 1854, er erlebte die Vollendung des Domes 1880 nicht mehr, musste aber auch nicht mehr mit ansehen, wie die nachfolgenden Preußenkönige sein Projekt politisch missbrauchten. Auch den Horror, den die schließlich vereinte deutsche Nation im 20. Jahrhundert über die Welt brachte, erlebte er nicht. Und Göttin sei Dank muss er nicht mit ansehen, wie Kölner Kirchenfürsten jetzt sein Bürgerprojekt kommerzialisieren möchten.

632 Jahre hat noch nicht mal der BER gebraucht: Der Kölner Dom 1858 Foto: Olga Hompesch

Das Erzbistum Köln soll Ende 2024 drei Milliarden Euro zur freien Verfügung gehabt haben, geschöpft aus Wertpapieren, Immobilien und der Kirchensteuer. Letztere ist aufgrund vieler Austritte zurückgegangen. Der Grund: ein vertuschender und lügender Erzbischof. Doch es gibt ja auch noch die öffentliche Hand.

Mindestens 15.612 Euro im Monat überweist das Land NRW allein als Gehalt für Kardinal Rainer Maria Woelki. Das ist nur ein kleiner Teil der sogenannten Staatskirchenleistungen, die eigentlich Entschädigung für Verstaatlichungen im 19. Jahrhundert sind. Schon die Weimarer Reichsverfassung sah 1919 ein Ende dieser Zahlungen vor, das Grundgesetz 1949 auch. Doch bisher ist keine Bundestagsmehrheit das Thema angegangen.

Der Erzbischof und sein Domkapitel sollten vorsichtig sein. Der Dom gehört allen, er war nie nur für Gottesdienste da. Er ist einer der wenigen nicht kommerziellen Orte im Stadtzentrum. Er ist kein Deutschdings mehr, sondern Weltkulturerbe. Bür­ge­r:in­nen von nah und fern haben ihn vollendet, ihnen sollte er offen stehen. Nicht, dass sich die Eintrittsdebatte noch auswächst zu einer über staatliche Finanzierung der Kirchen. Und nicht, dass am Ende einer weint.

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