Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Der größte Iran-Versteher
Gianni Infantino muss sich mit Beschwerden von unerwarteter Seite befassen. Dabei kann sich niemand so gut in den Iran hineinversetzen wie er.
27. Juni
I ch sollte wieder öfter episch sagen, habe ich mir gestern gedacht. Wie fantastisch diese WM ist, das haben mittlerweile alle gesehen, bis auf ein paar wenige, die aber auch nicht so häufig im Stadion waren wie ich und sowieso nicht mitreden können. Fantastisch müsste ich also eigentlich nicht mehr so oft sagen. Episch ist einfach auch ein fantastisches Wort.
Es ist ein episches Turnier, das habe ich in Seattle nach dem Spiel zwischen Iran und Ägypten noch im Stadion für meinen Instagram-Kanal gesagt. Und erst hinterher ist mir aufgefallen, wie fantastisch passend das war. Denn episch kommt ja von Epos und wer denkt da nicht an die weltberühmte Odyssee. So weltberühmt wie die Fifa-WM und eben auch eine sehr lange Helden- und Leidensgeschichte voller Herausforderungen. Spätestens im Rückblick ist das Ende so fantastisch wie der Anfang und alles dazwischen.
So ähnlich habe ich das den iranischen Spielern auch in ihrer Kabine beim ersten WM-Spiel gesagt. Es ist hart, was ihr derzeit alles durchmacht. Aber ihr werdet gestärkt aus allem hervorgehen. Natürlich gibt es jetzt wieder Beschwerden. Doch das ist ja immer so, die Fifa und ich sind jedes Mal an allem schuld. Wenn es irgendwo etwas heftiger regnet, dann ist der Fifa-Präsident wieder einmal zu viel geflogen.
Gesichtsyoga für Gianni
Was mir jetzt die Iraner vorwerfen, ist freilich noch absurder. Ja, als sie sich bereits vor der ersten WM-Partie beschwert haben, sagte ich, das sei erst der Anfang. Aber so war es doch und jetzt ist es leider schon das Ende für den Iran, weil sie den Ball in der Nachspielzeit nicht über die Linie bekommen. Den hätte ja sogar ich reingemacht. Schuld bin ich trotzdem. Und das Pride-Wochenende in Seattle habe auch nicht ich erfunden. Das könnte man fast denken, wenn man die Iraner reden hört.
Bei der nächsten Weltmeisterschaft wird alles für den Iran besser sein, dafür werde ich persönlich sorgen. Spätestens bei der WM 2034 wird es nur pride-freie Spieltage geben. Mal so, mal so, das ist gelebte Fifa-Toleranz. Irgendwann wird man auch im Iran erkennen, wie episch diese WM 2026 war. Der Beginn einer fantastischen Reise.
Niemand versteht den Iran so gut wie ich. Niemand weiß so gut wie ich, was es bedeutet, wenn man zu den Spielen nicht ein, zwei Tage vorher anreisen kann. Die ganzen Regenerations- und Vorbereitungsmaßnahmen müssen auch bei mir im Flieger stattfinden. Dennoch steige ich jedes Mal in Bestform aus. Ausreden gibt es für mich nicht. An dieser Stelle ein Lob an meine Gesichtsyoga-Lehrerin. Es macht sich keiner eine Vorstellung, wie das auf die Kondition geht, wenn man jeden Tag so lange lächeln muss.
Meine über 50 Gesichtsmuskeln kann ich mindestens so virtuos einsetzen, wie Messi die Muskeln seines linken Fußes. Mein Visagist macht ebenfalls fantastische Arbeit. So, jetzt ist der Flieger endlich voll aufgetankt. Es kann wieder losgehen.
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