Iran und die Fußball-WM: Geschmacklose Schmeicheltour
Gianni Infantino bearbeitet den iranischen Fußballverband mit seinem Grinsen. Der Fifa-Chef tut alles, um einen WM-Boykott Irans zu verhindern.
G ianni Infantino hätte einen wunderbaren Fußballabend erleben können am vergangenen Dienstag. Doch statt mit den Bosniern in Zenica über Italien zu lachen oder sich in Monterrey über die WM-Qualifikation Iraks zu freuen, saß der Präsident des Internationalen Fußballverbandes auf einem Fußballplatz im türkischen Antalya als einer der wenigen Zuschauer auf der Tribüne und verfolgte das Testspiel von Iran gegen Costa Rica. In den Videos davon, die er über Instagram verbreitete, tat er so, als verlebe er einen wunderbaren Abend.
Er herzte den Vizepräsidenten des iranischen Fußballverbandes, Mehdi Mohammed Nabi, den Nationaltrainer Amir Ghalenoei, umarmte Spieler der iranischen Auswahl und lobte deren Fähigkeiten nach deren 5:0-Erfolg über die Auswahl aus Mittelamerika. War da nicht was? Tobt da nicht gerade ein Krieg im Nahen Osten?
Hatten die Spieler nicht sogar genau auf diesen hingewiesen, als sie sich mit Fotos von Schülerinnen, die bei einem US-Angriff ums Leben gekommen waren, zur Hymne aufgestellt hatten? War die iranische Mannschaft ein paar Tage zuvor nicht mit rosa und lila Schulranzen aufgelaufen, „in Erinnerung an die 165 Mädchen, die von den Amerikanern umgebracht worden sind“, wie es ein Pressesprecher des Teams ausdrückte?
Gianni Infantino, der vor der WM in Katar alles dafür tat, um Kapitänsbinden in Regenbogenfarben zu verhindern, hätte die Iraner dafür rüffeln können, dass sie eine politische Botschaft aufs Feld getragen haben. Er hätte auch sein Mitgefühl für die Opfer des Kriegs ausdrücken können. Hat er aber nicht. „Fußball bringt Einigkeit und Hoffnung, auch wenn die Umstände besonders schwierig sind“, sagte er stattdessen. Immerhin scheint er anzuerkennen, dass die Lage in Iran nicht allzu einfach ist.
Massive Schleimoffensive
Und er möchte unter allen Umständen verhindern, dass die Iraner das WM-Turnier im Sommer, für das sie sich souverän qualifiziert haben, boykottieren. Und so umschmeichelt er den Verband mit einem Dauerlächeln im Gesicht auf seine unnachahmliche Weise. Iranische Regierungsvertreter hatten schon mal gefordert, sie würden das Team nur zur WM schicken, wenn der Spielplan noch so geändert würde, dass es erst mal nicht in den USA spielen müsste, sondern etwa in Mexiko. Und obwohl US-Präsident Donald Trump gesagt hatte, das Team könne schon kommen, aber für dessen Sicherheit könne er nicht garantieren, will die Fifa, die längst Tickets für alle WM-Partien verkauft hat, nicht von ihrem Spielplan abweichen. Dafür muss Infantino nun den iranischen Verband bearbeiten.
Bei seinem Ausflug in die Türkei ließ er sich dafür auch noch mit Maryam Yektaei, der Torhüterin des iranischen Frauennationalteams, ablichten. Dabei lobte er die Entwicklung des Frauenfußballs in Iran über den grünen Klee. Auch über die Asienmeisterschaft vor ein paar Wochen will er mit ihr gesprochen haben.
Jenes Turnier, bei dem die Spielerinnen im Staatsfernsehen als Verräterinnen bezeichnet wurden, weil sie es gewagt hatten, bei der Hymne auf die Islamische Republik, die gerade Protestierende zu Tausenden ermordet hatte, nicht mitzusingen. Jenes Turnier, währenddessen etliche Teammitglieder um politisches Asyl in Australien nachgesucht hatten. Jenes Turnier, nach dem die abtrünnigen Spielerinnen und ihre Familien derart unter Druck gesetzt wurden, dass fünf von ihnen ihre Asylanträge wieder zurückgezogen haben.
Statt sich öffentlichkeitswirksam für die Sicherheit der iranischen Spielerinnen einzusetzen, umschmeichelte Gianni Infantino den Verband jener Islamischen Republik, um den Spielplan seiner WM zu retten. Das darf man wohl getrost als geschmacklos bezeichnen.
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