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Provenienzforschung befördere ein unangemessenes „Schuldgefühl“, findet die AfD. Also sollte niemand nach geraubtem Kulturgut fragen? Wie die Forschung dagegenhält
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa/picture alliance
Von Klaus Hillenbrand
Petra Koch hat etwas mitgebracht. Die Leiterin des Salzland-Museums im sachsen-anhaltischen Schönebeck packt einen aus silberfarbenem Zinn gefertigten Teller aus. Darauf sind zwei hebräische Buchstaben zu erkennen. Koch wünscht sich eine Antwort auf ihre Frage, ob das Objekt Raubkunst der Nazis aus jüdischen Besitz sein könnte.
Anne Paschen kennt den Teller, denn sie und ihre Kollegin sind gerade in ähnlicher Mission unterwegs. Nur geht es dabei nicht um einen Museumsbestand, sondern um gleich 22. Die 43-jährige Kunsthistorikerin ist damit beauftragt, einem Verdacht nachzugehen. Bei allen diesen 22 Museen in Sachsen-Anhalt besteht die begründete Vermutung, dass sich in den Beständen von den Nazis geraubte Objekte befinden – seien es nun klassische Judaica wie ein Chanukkaleuchter, Alltagsgegenstände wie ein Taschenkalender oder ein hölzerner Kleiderbügel mit aufgedruckter Werbung für ein jüdisches Geschäft. „Es geht um 208 Objekte“, sagt Paschen auf einer Tagung zur Provenienzforschung in Halberstadt, wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Ginge es nach der AfD, dann könnten sich die Mitarbeitenden des Museums Tagungen wie diese sparen. Ja, die ganze Forschung nach unter den Nazis gestohlener Kunst würde in Sachsen-Anhalt eingestellt. „Kein Geld mehr für sogenannte Provenienzforschung!“ ist ein Kapitel des Wahlprogramms der Partei überschrieben. Die Summe, um die es konkret geht, beträgt zwar erst einmal nur 73.500 Euro und ist damit eher symbolisch. Doch das Thema liegt der Partei offenbar ganz besonders am Herzen.
Im Fokus des Angriffs steht das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit Hauptsitz in Magdeburg. Die 2013 gegründete Stiftung von Bund, Ländern und Kommunen ist in Deutschland der zentrale Ansprechpartner bei der Suche nach unrechtmäßig entzogenem Kulturgut, sei es während der Naziherrschaft, in den deutschen Kolonien vor 1918 oder in der DDR. Die Kunsthistorikerin Meike Hopp, die der Stiftung vorsteht, sieht sich und ihre 42 Mitarbeiter unter Generalverdacht. „Das Ziel der AfD ist der Versuch, das Bild deutscher Kultur und deutscher Geschichte zu verklären und zu verzerren. Da passt der Holocaust nicht hinein, genauso wenig wie die Aufarbeitung kolonialer Gewalt“, sagt die 44-Jährige.
Es geht um Becher, Lampe, Kaffeemühle
In einer musealen Eingangsliste von 1941 hat Anne Paschen einen ganz besonderen Einlieferer gefunden. Es handelt sich um die Gestapo. Die von den Staatsterroristen eingelieferten Gegenstände stammen wahrscheinlich aus der von den Nazis zerstörten Synagoge der Kleinstadt Köthen, sagt Paschen. Heute zählen sie zum Bestand eines Museums in Gröbzig in einem früheren jüdischen Gotteshaus. Ein selten klarer Fall. Es sind eben nicht die Picassos und Renoirs, um die es in den meisten deutschen Museen geht. Sondern um Becher. Eine Lampe. Eine Kaffeemühle.
Die Tagung in Halberstadt hat nichts mit dem drohenden AfD-Wahlsieg zu tun. Und doch schwebt dieses Gespenst unsichtbar im Raum. Sie mache sich schon Sorgen, wie es mit der Provenienzforschung weitergeht, sagt Paschen. Das Zentrum Kulturgutverluste unterstützt ihre Recherchen finanziell. Angela Kolb-Janssen, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt, die die Tagung organisiert hat, gibt sich kämpferisch: „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Provenienzforschung ist eine der wichtigsten Aufgaben für Museen“, sagt sie.
Die Worte, mit denen die AfD ihre Ankündigung begründet, dem Zentrum Kulturgutverluste den Geldhahn zuzudrehen, sind bemerkenswert offen. Die Partei, die ansonsten streng darauf achten, einen gehörigen Abstand zum Nationalsozialismus zu halten, spricht von der „Aufrechterhaltung eines Schuldgefühls“, das die Institution befördere und das „wir endlich ablegen sollten“. Besonders wurmt die AfD, dass das Magdeburger Zentrum Kulturgutverluste „einen „anlasslosen Generalverdacht gegen alle Museumsbestände“ hege.
Wissen, das sich nicht mehr verdrängen lässt
„Die Behauptung, wir würden ohne Anlass in die Keller gehen und auf Teufel komm raus nach Raubkunst suchen, ist falsch“, sagt Vorständin Hopp in Berlin, wo das Zentrum Kulturgutverluste eine Außenstelle unterhält. „Wenn wir wissen, dass sich in Museumsbeständen Raubgut befindet, dann können wir doch nicht einfach darüber hinwegsehen.“
Die Förderung von Provenienzforschung geschehe schon gar nicht zufällig. „Die Museen müssen bei uns fundierte Anträge stellen und dort transparent darlegen, warum sie der Meinung sind, dass sich in ihren Beständen Raubgüter befinden. Wir haben inzwischen so viel Wissen über die Mechanismen des Kunst- und Kulturraubes im Nationalsozialismus, dass sich das nicht mehr verdrängen lässt“, sagt Hopp. Es gebe genug „Belege und handfeste Beweise“. Doch diese störten das „Bild von der heroischen deutschen Kulturnation“, dem die AfD anhinge.
Die AfD erklärt in ihrem Wahlprogramm, man werde unter Bezug „auf die guten Seiten der deutschen Geschichte“ eine „unverkrampfte und auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität fördern“. Dazu passt, was das AfD-Wahlprogramm gleich unterhalb des Stopps von Provenienzforschung verlangt: die Einsetzung eines Landesbeauftragten für den Erhalt der Kriegerdenkmäler und deren Restaurierung. Nicht nur die zu den Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Sondern auch zu den deutschen Toten im Deutsch-Französischen Krieg 1871 und der Schlacht von Königgrätz 1866.
Schon jetzt leiden die kleineren Museen des Landes an ihrer geringen finanziellen und personellen Ausstattung. Da kann sich kaum einmal ein Mitarbeiter intensiv um einen Raubkunstverdacht kümmern. Umso notwendiger scheint die Arbeit der Kunsthistorikerin Anne Paschen. Die Projekt-Koordinatorin Eva-Maria Thiele leistet ihre Arbeit auf einer befristeten halben Stelle – finanziert vom Bundesland Sachsen-Anhalt.
Noch gibt es keine Bedrohung, auch keine Solidarität
Meike Hopp vom Zentrum Kulturgutverluste wehrt sich gegen die Vorwürfe der AfD. Sie gehört zusammen mit mehr als zwei Dutzend kulturellen Institutionen des Bundeslands zu den Unterzeichnern einer Erklärung gegen das AfD-Wahlprogramm. Noch gebe es keine Bedrohungslage gegen das Zentrum, auch keine drohenden Anrufe. Auf der anderen Seite habe keine im Landtag vertretene Partei ihre Solidarität mit der Stiftung erklärt.
Die 73.500 Euro, mit der das Land Sachsen-Anhalt bisher die Arbeit des Zentrums Kulturgutverluste fördert, entsprechen der Miete für das Haus in Magdeburg, in dem die Stiftung untergebracht ist. Der gesamte Etat liegt ungleich höher bei etwa 12 Millionen Euro und kommt vor allem aus Bundesmitteln. Notfalls müsste die Miete aus Eigenmitteln finanziert werden, sagt Hopp. „Wir wollen in Magdeburg bleiben, werden aber die weitere Entwicklung sehr genau im Blick behalten.“
Für den Fall, dass die rechte Partei künftig an den Schaltern der Macht steht, will sie sich wappnen. Wie genau, das möchte sie derzeit nicht öffentlich machen. Aber schließlich könnte es sein, dass bald der rechtsextreme Hans-Thomas Tillschneider im Stiftungsrat des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste sitzt. Tillschneider gilt als Architekt der kulturpolitischen Thesen der Landes-AfD.
Mit ihr gesprochen habe von der AfD niemand, sagt Hopp. Und auch mit der taz mochte die Partei über ihren Feldzug gegen die Provenienzforschung nicht reden. Eine Anfrage ließ die AfD unbeantwortet.
Aufpolierende Fälschung
Petra Koch vom Salzland-Museum in Schönebeck hat dann doch noch eine Antwort auf ihre Rätselfrage nach dem Zinnteller erhalten. Dinah Ehrenfreund-Michler vom Jüdischen Museum Berlin hat sich das Objekt mit den zwei Buchstaben genau angesehen. Der eine Buchstabe könne für Milchiges, der andere für Fleischiges in der Küche stehen, meint sie. Aber beides, das in der jüdischen Küche streng voneinander getrennt wird, auf einen Teller zu schreiben, ergebe überhaupt keinen Sinn. Deshalb vermutet Ehrenfreund-Michler eine ältere Fälschung. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts ließ sich der Wert solch profaner Gegenstände erhöhen, wenn man sie auf Jüdisch aufpolierte.
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