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DFB-Team in den USA angekommenFragezeichen im Tor

Nach dem mühsamen Sieg gegen die USA (2:1) schwelt die Debatte weiter, ob Oliver Baumann nicht auch bei der WM Manuel Neuer ersetzen muss.

Vielleicht wäre Chicago auch eine Alternative als weltmeisterliches Basecamp der deutschen Nationalelf gewesen. Eine schöne Stadt am Lake Michigan, die schon für die WM 1994 als Heimat der DFB-Auswahl diente. Damals wohnten Lothar Matthäus und seine zerstrittenen Konsorten in einem hässlichen Betonbunker, diesmal residierten Joshua Kimmich und seine geeinten Kollegen im noblen Waldorf Astoria. Am freien Sonntag durfte jeder nach dem schwer erkämpften Arbeitssieg bei der WM-Generalprobe gegen die USA (2:1) sich eine kleine Auszeit nehmen. Am Montag steht der Umzug ins Graylyn Estate Hotel in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina an. Auf dem Gelände der Wake Forest University wird es schwieriger sein, einfach mal rauszukommen wie jetzt in der größten Stadt von Illinois.

Bei einem Spaziergang durch die City, beim Essen am Chicago River oder bei einer Führung durch das Trainingszentrum der Basketball-Stars der Chicago Bulls fanden die DFB-Stars noch einmal Abwechslung. Tags zuvor hatten Tore von Kai Havertz (2.) und Leroy Sané (57.) für den neunten Länderspielsieg in Folge gesorgt, während Antonee Robinson für den zwischenzeitlichen Ausgleich der widerspenstigen US-Boys (37.) sorgte. Das Traumtor im ausverkauften Stadion Soldier Field wurde stilecht mit einer Turneinlage zelebriert.

So viel Spektakel bot die deutsche Elf selten, die sich bei wechselnden Bedingungen immer mal einen Kontrollverlust erlaubte. Ein souveräner Auftritt hätte anders ausgesehen. Aber haben Spanien und Frankreich als Turnierfavoriten nicht dieselben Probleme? Und so schleppt auch der vierfache Weltmeister Deutschland als nicht gesetztes Team einige Fragezeichen ins XXL-Turnier (11. Juni bis 19. Juli). Vor allem die Torwartfrage zieht sich weiter zäh wie Kaugummi durch die Vorbereitung. Irgendwie nervt das Dauerthema.

Das gilt auch für Vertreter Oliver Baumann. Am Ende war es der 36-Jährige, der höchst aufmerksam diesen Sieg rettete. Trotzdem erneuerte Bundestrainer Julian Nagelsmann seine Einsatzgarantie für den Rückkehrer Neuer: „Der wird ins Mannschaftstraining einsteigen, wenn wir in Winston-Salem ankommen und gegen Curacao spielen.“ Der WM-Auftakt gegen den Außenseiter von der Karibikinsel steigt am Sonntag in Houston in einem klimatisierten Stadion. Und die deutsche Ikone zwischen den Pfosten macht dann ihr 125. Länderspiel?

Wagen mit Wade?

Es sei denn, die Wade streikt weiter. Bei dem 40-Jährigen weiß keiner so genau, wie belastbar er wirklich ist. Erstmals gewährte der degradierte Ersatzkeeper kleine Einblicke in sein Seelenleben. „Anfangs war es natürlich hart. Das war nicht ganz cool von meinem Gefühl einfach her“, sagte Baumann nach der Partie am RTL-Mikrofon. Ihm sei aber sofort klar gewesen, „dass ich fürs Team dasein werde und mit zur WM komme.“ Eine Absage war nie Thema. So spricht ein echter Teamplayer, der sich gegenüber der Mannschaft (und dem Land) loyal verhält.

Logisch, dass der Kapitän der TSG Hoffenheim für diese Haltung Komplimente bekam. Vor allem vom Bundestrainer, der sich mit der gewiss nicht glücklichen Kommunikation selbst in Zugzwang gebracht hat. Ein „großer Sportsmann“ sei Baumann – und „menschlich sowieso erste Sahne“, betonte Nagelsmann, der zudem gestand: „Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er zwei, drei Wochen nicht mit mir gesprochen hätte. Er hat sich auf die beiden Spiele top vorbereitet. Das kann auch bei der WM passieren.“

Eine entscheidende Einlassung: Hinter der Belastungsfähigkeit der zurückgeholten Nummer eins steht offenbar weiter ein Fragezeichen. Und die sorgenvolle Miene, die Neuer an der Seitenlinie zeitweise machte, könnte sogar Symbolwirkung gehabt haben. Wer weiß, was noch alles unter der Latte passiert? Die WM-Geschichte der deutschen Nationalelf ist reich an Torwartepisoden; vor allem, als sich 1986 Toni Schumacher und Uli Stein, 2006 dann Oliver Kahn und Jens Lehmann um den Stammplatz stritten.

Damals nahmen die Protagonisten wenig Rücksicht aufeinander. Besonders unrühmlich verlief aus dieser Perspektive auch die WM 1994 in den USA, als Weltmeister Bodo Illgner das Vertrauen von Berti Vogts mit Füßen trat. Nach einem schwachen Turnier trat Illgner unmittelbar nach dem Viertelfinalaus gegen Bulgarien (1:2) zurück – und brüskierte damit den Bundestrainer, der ihm stets den Rücken gestärkt hatte. Geschichte muss sich ja aber auf amerikanischem Boden bei den Deutschen nicht wiederholen. Chicago ist bald auch schon wieder Vergangenheit.

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