DDR-Dissident und Künstler Hans Ticha: Soldaten ohne Köpfe
AgitPop gegen den Autoritarismus: Eine Retrospektive des DDR-Dissidenten und Künstlers Hans Ticha ist jetzt in Rostock und bald in Nürnberg zu sehen.
Im Ostberliner Atelier standen die Bilder mit der Vorderseite zur Wand. Irgendwann wurden die großen Fenster zum Innenhof abgehängt; später klemmten Textilfetzen zwischen den Leinwänden. So hätte Hans Ticha bemerken können, dass jemand dagewesen war und gesehen hatte, was keiner sehen durfte.
Diese Leinwände waren vor Jahrzehnten gefährlicher Stoff für den Künstler und das System in der DDR, gegen das er malte. Sie bilden heute das Herzstück der ersten großen Retrospektive Hans Tichas jetzt in der Kunsthalle Rostock, bald im Neuen Museum Nürnberg. Seine Bilder dokumentieren neben vergangenen Lebenswelten auch eine vehemente Kritik an der ästhetischen Rechtfertigung autoritärer Herrschaft.
Ticha wird 1940 in Böhmen, heute Tschechien, geboren. 1965 beginnt er ein Studium an der Kunsthochschule Weißensee. In der von rigidem Formalismus und realsozialistischer Kunstpolitik geprägten Malereiklasse fühlt er sich als Außenseiter und wechselt zur freier angelegten Gebrauchsgrafik unter Kurt Robbel. Ein Arrangement zwischen Selbsterhaltung und Selbstausdruck, das sich über die Dauer der DDR hinziehen wird.
Der Friseursalon gegenüber, fette Fische an einem Marktstand, ruhende Männer am Strand – die ersten Motive von Ticha sind Alltagsszenen. Vor allem die maritimen Themen erscheinen am Ausstellungsort in der Ostseestadt Rostock in einem besonderen Licht. Seine scharfe Beobachtungsgabe, seine spielerische Komposition und der großflächig-abstrahierende Stil werden auf diesen frühen Bildern gut sichtbar.
Für Staat und Künstler zentral: der Sport
Tichas charakteristische Formsprache bildet sich an einem anderen Thema weiter heraus: dem Sport. Bei diesen Bildern schafft er es, gleichzeitig Dynamik und Schwerkraft zu erzeugen. Wuchtig nehmen seine AthletInnen mit ihren eigenartigen Proportionen, atemberaubenden Haltungen und leistenden Extremitäten die Leinwand ein. Nicht Individuen, sondern formierte Exemplare sind hier abgebildet.
Ticha thematisiert so die Zurichtung von Körpern nicht nur durch die AthletInnen selbst, sondern vor allem durch die DDR-Sportpolitik. Erfolge wurden als Beweis gesellschaftlicher Überlegenheit eingefordert und, wie später in der aufgedeckten staatlichen Dopingkampagne klar wird, auf menschenverachtende Weise forciert.
Sein Bild „Die Mannschaft“ (1975) bringt Ticha nicht nur beim mächtigen Sportbund, sondern auch bei den kulturpolitischen Größen der DDR in Verruf. Die abstrakt experimentelle Darstellung einer Fußball-Elf als Gesichtslose bricht stilistisch mit dem sozialistischen Realismus und legt die Inszenierung gleichgeschalteter Sportler schonungslos offen. Das Bild sorgt für Furore, wird auf der großen DDR-Ausstellung 1975 in Dresden in einem separaten Raum gezeigt. Vermutlich, um bei dessen Besichtigung dem Blick Erich Honeckers zu entgehen.
Tichas Malerei wird in der DDR keinen Raum finden können, und so verlagert er sie in die Abgeschiedenheit seines Ateliers. Hier arbeitet Ticha seinen eigenen „AgitPop“ heraus: Mit einem flächigen, farbkräftigen Stil und abstrakten Figuren legt er einen ästhetischen Einwand gegen das zum Funktionsteil, zum Apparatschik erstarrte Individuum ein.
Die Physiognomie der Diktatur
Ticha setzt sich nun intensiver mit der Selbstdarstellung des SED-Regimes auseinander, sammelt und collagiert Material aus dem Neuen Deutschland, versucht die Physiognomie der Parteidiktatur greifbar zu machen.
Seine Darstellungsweise entfaltet hier volle Wirkung: Die als Klatscher, Hochrufer, Jungpioniere, Parteifunktionäre oder Ordensträger auftretenden Figuren haben kein Gesicht, erst recht keine Augen, nur unproportional geschrumpfte Köpfe mit grinsenden oder johlenden Mündern.
Wie sehr Tichas Stil auch Protest ist, wird in seinem drastischen Bild „Mauer“ (1980) deutlich. Darauf marschieren Soldaten musizierend im Niemandsland zwischen Mauer und Zaun, ein Grenzschütze legt auf einen deutschen Pappkameraden auf eigener Seite an. Die Köpfe der Soldaten sind deformiert und leer, sie verschwinden unter dem Helm oder fehlen ganz. Anders der Wachhund am unteren Bildrand: Er fletscht grimmig die Zähne, die glasigen Augen sind zusammengezogen.
Ticha verleiht der Brutalität des Tieres ein animalisches, aber eben überhaupt ein Antlitz. Die Männer hingegen, die die Mauer bemannen, treten hinter der Gewalt des zwangskollektivierten Kollektivs als Gesichtslose zurück. Die Kritik schneidet in beide Richtungen, trifft die unterordnenden Individuen und die Struktur, die diese Zurichtung einfordert.
Gegen das offensichtliche Unrecht der SED-Diktatur malt Ticha mit klarer Form und Geste in großem Format an. Die Absurditäten des Regimes deckt er durch seine überhöhte Darstellung erst recht auf.
Abgestumpft im Posthistoire
Nach der Implosion der DDR erhält Ticha zwar erhöhte Aufmerksamkeit, doch er verliert auch ein malerisches Hauptthema. Seinem Werk geht unter veränderten Bedingungen nach 1990 die vormals scharfe Kritik abhanden. Der überzeichnete Stil und das aufaddierende Collagieren sind gegenüber einer auf andere Weise alternativlos wirkenden Realität im Kapitalismus des Posthistoire abgestumpft.
Seine jüngsten Bilder besitzen jetzt wieder Schärfe. Darin thematisiert er etwa eine Aneignung der Parolen der demokratischen Opposition gegen die DDR – „Wir sind das Volk“ – durch eine politische Rechte. Tichas Werk gewinnt im Moment selbstbewusster, autoritär auftretender Bewegungen wieder an trauriger Aktualität.
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