Coronavirus und individuelle Freiheit: Risiko Mitbürger

Wir sind ständig Risiken und einer Gefährdung durch andere ausgesetzt. Seit Corona könnte sich die Frage nach individueller Freiheit neu stellen.

Eine rote leere Tribüne ine einem Fußballstadion mit Fenster

Eine leere Tribüne im Neuenburger Fußballstadion in der Schweiz Foto: Jean-Christophe Bott/dpa

Wir wissen nicht viel über das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Wie wahrscheinlich ist es, sich anzustecken? Wie tödlich ist das Virus? Ist es in erster Linie für Vorerkrankte gefährlich oder kann es jeden hinwegraffen? Diese unbeantworteten Fragen machen es schwer, das Risiko einzuschätzen, und diese Situation führt zu hoher Unsicherheit unter Bürgern.

Psychologen haben schon lange erforscht, wie schwierig es selbst für sehr rational ausgerichtete Menschen ist, angesichts von ungewissen Daten Entscheidungen zu treffen. Die nun ausbrechenden panikartigen Reaktionen mit Hamsterkäufen und Fußballspielen vor leeren Rängen sind insofern keinesfalls völlig unberechtigt. Ein politisch pikanter Aspekt der Coronavirus-Epidemie ist die Tatsache, dass die Gefährdung des eigenen Lebens nicht von der Umwelt, sondern direkt durch andere Menschen dargestellt wird. Das Risiko ist tatsächlich der Mitbürger. Ist meine Kollegin infiziert? Der Sitznachbar im Theater hustet so auffällig; zeigt er bereits Symptome?

Üblicherweise akzeptieren wir Gefährdungen durch andere, beispielsweise wenn Mitbürger ein Auto benutzen, mit dem sie uns überfahren könnten. Wir lassen solche Gefährdungen zum einen zu, weil wir die Risiken einschätzen und in einem gewissen Ausmaß auch kontrollieren können, zum anderen, weil uns die damit verbundenen Aktivitäten hinreichend wertvoll erscheinen. In einem Wort, wir schützen die individuelle Freiheit, auch wo sie zu Risiken für andere führt.

Was aber, wenn wir das Risiko, das andere für uns darstellen, nicht einschätzen können? Wie weit wollen wir in einem solchen Falle gehen? Tatsächlich sind ja derzeit weltweit viele Menschen in ihrer Freiheit beschränkt worden, indem sie unter Quarantäne gesetzt wurden. Ist das akzeptabel? Natürlich ist die Isolation von Bürgern, die eine gefährliche, ansteckende Krankheit haben, keineswegs unüblich und meist völlig berechtigt.

Wesentliche Informationen fehlen

Doch im Falle des hämorrhagischen Fiebers – um ein Beispiel zu nennen, bei dem die Quarantäne in Deutschland gesetzlich geregelt ist – kennen wir das verbundene Risiko für die infizierte Person und andere Menschen. Wir können hier also die Gefahrenlage einschätzen und entsprechend rationale Entscheidungen treffen.

Was aber ist angemessen im Falle des Coronavirus, wo uns wesentliche Informationen fehlen? Aktuell wurde beispielsweise gegenüber vielen Mitbürgern sogenannte häusliche Quarantäne angeordnet. Bekannt wurde auch der Fall der Hotelgäste auf Teneriffa, die ihre Unterkunft nicht verlassen dürfen. Ist eine solche radikale Maßnahme angesichts des derzeitigen Informationsstands tatsächlich angemessen?

Wie gesagt, Entscheidungen unter Unsicherheit sind schwierig und vielleicht nicht gerade die stärkste Disziplin der menschlichen Vernunft. Insofern mögen uns die Maßnahmen durchaus angemessen erscheinen. „Better safe than sorry“, wie der Brite sagt. Gleichwohl bleibt hier ein deutliches Unbehagen, insbesondere in den möglichen Auswirkungen auf den zukünftigen Umgang mit Risiken, die andere Bürger darstellen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der University of Liverpool und beschäftigt sich mit medizinphilosophischen Themen.

Angesichts des derzeitigen Vorgehens könnte es beispielsweise angezeigt erscheinen, grippal infizierte Menschen zu isolieren, um vorerkrankte Mitbürger zu schützen. Bekanntlich führt das Grippevirus regelmäßig zu einigen Todesfällen. Wo wir dann einmal angefangen haben, sollten wir vielleicht nicht aufhören: Der schniefende und hustende Sitznachbar im Zug sollte sofort aus dem Zug verwiesen werden angesichts des Risikos, das er für meine Gesundheit darstellt; der hochbetagte Autofahrer sollte seinen Führerschein abgeben.

Politische Folgen

Wo soll das enden; wie groß darf das Risiko Mitbürger sein? Anscheinend sind wir gerade dabei, eine freiheitsminimierende Politik einzuüben, die im Falle des Coronavirus und der damit verbundenen Sicherheitsideologie verständlich erscheint, sich aber einprägen könnte.

So könnte ein allzu menschlicher Makel – rationales Handeln unter Ungewissheit – gravierende politische Folgen zeitigen. Im Falle von HIV-Infektionen haben wir ein historisch nicht in allzu großer Ferne liegendes Beispiel, zu welch drastischen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen panikartige Reaktionen führen können. Es stünde uns gut an, aus der Geschichte zu lernen und unsere politischen Werte, insbesondere den Schutz der individuellen Freiheit, nicht von bloßen Ängsten unterminieren zu lassen. Entscheiden bei mangelndem Wissen mag schwieriger sein als in Situationen, in denen wir das Risiko kennen. Aber das darf nicht dazu führen, grundlegende normative Überzeugungen zu opfern.

Woher beziehen wir aber unseren Werterahmen in einer solchen Situation? Wir haben hier eine ungewöhnliche Gemengelage von individuellen Rechten und Pflichten sowie gemeinschaftlichen Schutzaufgaben. Hinzu tritt, wie gesagt, unser eingeschränktes Wissen über Konsequenzen von Handlungsoptionen. Ein möglicher Bezugsrahmen könnte durch Überlegungen der Public-Health-Ethik entwickelt werden, also der Disziplin, die sich mit normativen Fragen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge befasst.

Ungesichertes Gebiet

Quarantänemaßnahmen und der Umgang mit Infektionskrankheiten sind nun keineswegs moralisches oder rechtliches Neuland. Doch die grundsätzliche Justierung von Freiheits- und Gesundheitsschutz ist normativ weithin ungesichertes Gebiet. In welcher Weise politisch zu agieren sein sollte, ist zudem durch gesellschaftliche Verhältnisse geprägt. All dies gilt es in Zukunft näher zu untersuchen, insbesondere dann, wenn die derzeitige Panik verflogen ist, die unsere Vernunft verdunkelt.

Immerhin wissen wir, dass Gesundheit ein zentrales Gut darstellt, das in seiner Bedeutung für Individuen und Gemeinschaften geschützt werden sollte. Gleichzeitig ist Gesundheit nicht das einzige und wohl auch nicht das höchste menschliche Gut. Viele Menschen sind bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um andere Ziele zu verwirklichen.

Gleichwohl, im Falle von ansteckenden Krankheiten setzen wir bisweilen auch die Gesundheit anderer aufs Spiel. Sind wir nicht als Bürger dafür verantwortlich, andere in ihren grundlegenden Interessen zu schützen? Wie weit geht dieser Schutz?

Das Leben anderer zu bedrohen, ist sicherlich nicht ohne Weiteres durch das Recht auf individuelle Selbstbestimmung gedeckt; hier sind selbst Schutzmaßnahmen wie die Isolation ansteckender Personen erlaubt. Aber die bloße Bedrohung der Gesundheit anderer Bürger rechtfertigt gewöhnlich keine gravierenden Eingriffe in die Freiheit, wie sie durch die Quarantäne besteht. Demnach sollte das Gemeinwesen einen an Influenza erkrankten Patienten wohl nicht in seiner Freiheit berauben.

Gesundheit als individuelle Pflicht

Interessant bei der Entwicklung der letzten Jahre ist nun die Art und Weise, wie der gesellschaftlich wahrgenommene Wert der Gesundheit zugenommen hat. Gesundheit ist heutzutage fast schon eine individuelle Pflicht geworden – nicht mehr einfach etwas, das es schön ist zu haben, aber letztlich unverfügbar und schicksalhaft bleibt. Hinzu treten Erkenntnisse der Sozialepidemiologie, die zeigen, wie stark der Gesundheitsstatus mit ökonomischem Erfolg interagiert.

Das verändert auch die Wahrnehmung des Risikos Mitbürger. Diese stellen nicht mehr bloß eine mögliche Gefahr für die eigene Gesundheit dar, sondern sie sind Konkurrenten, die unsere Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen könnten. In einer solchen Situation des Wettkampfs um die beste Gesundheit werden Risiken durch andere sehr viel weniger akzeptiert werden.

Man muss keine große Vorstellungskraft aufwenden, um zu sehen, wo das enden kann. Die Moralisierung des Rauchens und der Ernährung sind nur der Anfang. In einigen Jahren werden wir uns gegenseitig moralische Vorwürfe machen, wenn wir unsere Hände nicht regelmäßig waschen oder uns mit einem Schnupfen auf die Straße wagen. Das Gesundheitsrisiko für andere zu minimieren, wird dann zur individuellen Bürgerpflicht. Ob wir damit eine bessere und gerechtere Gesellschaft erreichen – also unser eigentliches politisches Ziel –, daran würde ich stark zweifeln.

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