Coronalage nach der Virus-Mutation: Es reicht nicht

Alarmierende Zahlen in Großbritannien und Irland machen hierzulande weitere Maßnahmen nötig. Der neue Impfstoff sollte schneller zugelassen werden.

Frau läuft Richtung Tower Bridge in London und spiegelt sich in einem Fenster

Steil verlaufende Kurven in Großbritannien und Irland machen hierzulande weitere Maßnahmen nötig Foto: Henry Nicholls/reuters

Die Lage ist ernst. In Irland, wo die Regierung im Dezember noch dachte, die Pandemie in den Griff bekommen zu haben, verläuft die Kurve seit dem Jahreswechsel fast senkrecht. Vieles deutet darauf hin, dass die in Großbritannien erstmals aufgetretene Virusmutation für diesen schockierend steilen Verlauf mitverantwortlich ist. Und auch in Deutschland verdichten sich die Anzeichen, dass es sich nicht mehr nur um Einzelfälle von London-Rück­keh­rer*in­nen handelt.

Der rasante Anstieg zuletzt in einigen Regionen lässt befürchten, dass die aggressive Mutation auch hierzulande im Umlauf ist. Dispute über Reiseeinschränkungen, Präsenzunterricht und Skiausflüge sind angesichts dieser Bedrohung Luxusdebatten.

Nur: Was folgt daraus? Schließlich sind die Geschäfte bereits dicht, die Schulen weitgehend zu. Seit Montag gelten im privaten Bereich noch mehr Kontaktbeschränkungen. All das reicht aber nicht. Das Recht der Arbeitnehmer*innen auf Home­office sollte für Unternehmen und Behörden verpflichtend sein. In Betrieben, wo das nicht möglich ist, muss ernsthaft überlegt werden, ob sie nicht zeitweise komplett schließen müssen.

Und bei systemrelevanten Einrichtungen ist die Politik gefragt, weitere Schutzvorkehrungen vorzunehmen. Klar, all das wird noch mehr kosten. Das ist aber momentan nicht das Problem: In Zeiten des Minuszinses verdient Deutschland an seinen Schulden sogar.

Doch auch an der Impffront sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Die Produktionskapazitäten der beiden bislang zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna lassen sich in den nächsten Wochen zwar nicht endlos steigern – die Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca ließe sich aber schon beschleunigen. Dessen Vorteil gegenüber den beiden anderen: Jeder Hausarzt könnte ihn verabreichen. AstraZeneca hat den Antrag auf Zulassung inzwischen eingereicht, die europäische Arzneimittelbehörde EMA will am 29. Januar darüber entscheiden. Das dauert zu lange.

Bei der Zulassung des Biontech-Impfstoffs im Dezember bewies Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schon einmal, dass eine Beschleunigung möglich ist. Auch wenn Spahn das offiziell abstreitet, hat er sehr wohl dafür gesorgt, dass die EMA ihre Empfehlung schon vor Weihnachten abgab und nicht wie vorgesehen eine Woche später. Klar, die EMA soll unabhängig in ihrer Bewertung bleiben. International liegen aber jede Menge seriöse Daten über die Wirksamkeit vor.

Und warum nicht eine Notfallzulassung gewähren, wie es Großbritannien und andere Länder erlauben? Wann, wenn nicht jetzt, ist es angebracht, von einem Notstand zu sprechen.

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war von 2012 bis 2019 China-Korrespondent der taz in Peking. Nun ist er in der taz-Zentrale für Weltwirtschaft zuständig. 2011 ist sein erstes Buch erschienen: „Der Gewinner der Krise – was der Westen von China lernen kann“, 2014 sein zweites: "Macht und Moderne. Chinas großer Reformer Deng Xiao-ping. Eine Biographie" - beide erschienen im Rotbuch Verlag.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie geht um Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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