Corona und der Sensationalismus: Verrücktheiten allüberall

Man fühlt sich irgendwie unnütz, wenn man beim Weltuntergang mit Chips auf dem Sofa sitzt. Da wittern einige schon einen Anschlag auf die Grundrechte.

Ein Frau und ein Kind sitzen auf einer Parkwiese

Der Mindestabstand zwischen Brat- und Suppenhuhn: Pandemie-Frühling im Viktoriapark Foto: Paul Zinken/dpa

Der Sensationalismus ist eine Gemütsauffassung, die Erlebnisse steigern will, egal welcher Art. Selten sagt man: „Jetzt ist es mal gut, jetzt gehe es wieder langsamer an.“ Meist will man die Dosis steigern, um den Kick zu erhalten. Wir kennen das Steigerungskalkül beim Drogenkonsum, beim Sozial- und Liebesleben, beim Shopping. Es ist diese Gier nach „intensiven Erlebnissen“ oder der „Intensität des Spürens“. Daraus ergeben sich so manche Absurditäten. Gäbe es diese Gier nach Intensität nicht, gäbe es, ich wette, weniger „Vorerkrankungen“, ein Wort, das wir heute wie selbstverständlich verwenden.

Vor einem Monat überschlugen sich die Horrornachrichten, die Infektionszahlen mit Covid-19 schnellten steil nach oben, aus Italien erreichten uns Bilder von apokalyptischer Anmutung. Alle zehn Minuten schlug eine neue Desastermeldung auf unseren Stand- oder Mobilgeräten ein.

Als Nachrichtenkonsument machten uns diese Meldungen ganz verrückt und zugleich konnten wir nicht von ihnen lassen, der Sensationalismus schlug uns auch in den Bann.

Diese seltsame Mixtur aus Angst, Schock und Faszination war durch die kognitiv nicht leicht zu verarbeitende Tatsache verstärkt, dass wir zugleich das Gefühl hatten, selbst inmitten einer Katastrophe zu stehen, als Opfer förmlich, und doch von dieser Katastrophe in aller Regel wenig mitbekamen. Da draußen war Apokalypse, aber wir sahen von ihr nichts.

Mit Chips auf dem Sofa

Man fühlt sich irgendwie unnütz, wenn man beim Weltuntergang mit Chips auf dem Sofa sitzt.

Eigentümlich ist die menschliche Psyche in solchen Fällen: Wir waren dann irgendwie froh, dass in unseren Breiten das Desaster sich nicht mit Rasanz entfaltete, dass sich – vorerst – die Infektionszahlen stabilisierten. Und zugleich ertappte man sich gelegentlich dabei, dass einem irgendetwas fehlte, sobald die Horrornachrichten weniger wurden.

Zu diesen emotionalen Seltsamkeiten gehört auch das, was wir neuerdings das „Präventionsparadox“ nennen. Wenn richtige Maßnahmen ­wirken, erwecken sie den Eindruck, unnötig ­gewesen zu sein. Wenn weniger Menschen sterben als befürchtet, führt das dann skurrilerweise nicht zu Aufatmen, sondern zu Wut auf jene, die die Maßnahmen verhängten, die sich so scheinbar als übertrieben herausstellten. Als wäre es eine ­empörungswürdige und nicht erfreuliche Tatsache, dass weniger Leute sterben als befürchtet.

Prävention ist nicht sexy

„There is no Glory in Prevention“, hat Christian Drosten, der Popstar unter den Virologen, schon vor Wochen gesagt. Und jetzt ahnen wir langsam, wie recht er hatte.

Verrücktheiten allüberall. Dass wir sechs Wochen nicht ins Kaffeehaus, sondern nur in den Park dürfen, wird von manchen schon als „Anschlag auf unsere Grundrechte“ und „autoritäres Regierungshandeln“ gesehen. Aber ein Gemeinwesen wird nicht zur Diktatur, nur weil man während einer Pandemie besser mal für begrenzte Zeit nicht in Massen durch die Straßen demonstriert. Wer das schon für Diktatur hält, ist so unernst, dass es eigentlich alle Menschen beleidigt, die wirklich gegen autoritäre Systeme ankämpfen.

Besonders lieb finde ich Wortmeldungen wie jene von Frank Castorf. Der einstige Intendant der Berliner Volksbühne jammerte in einem Spiegel-Interview, er habe sich „noch nie so beengt gefühlt“ wie jetzt, und beklagte, dass er von etwas überängstlichen Menschen beim Metzger angepflaumt wird, er solle den Mindestabstand einhalten, wenn er zwischen Brat- und Suppenhuhn gustiere.

Das ist noch einmal speziell ulkig, da Frank Castorf ja vor 25 Jahren – siehe oben: „Gier nach Intensität“ – ein neues „Stahlgewitter“ herbeiwünschte, oder eine „Apokalypse“ oder dass „der Amazonas über uns hereinbricht“. Einfach, damit irgendetwas geschieht, das ihn aus der Langeweile reißt. Jetzt hat er eine Pandemie, das erste Naturereignis, das seiner Sehnsucht einigermaßen nahekommt – und jetzt ist es auch wieder nicht recht. Wie hat er sich eigentlich seine „Stahlgewitter“ vorgestellt? Als höfliches Dinner mit Suppenhühnern?

Urbedingung des sozialen Seins

Stoisch liege ich im Hausarrest auf meinem Rücken, rauche, interessiere mich für all diese Seltsamkeiten und lese mich durch andere Jahrhunderte. In der Weltbühne von Jänner 1918 finde ich eine kleine Glosse von Alfred Polgar über „die kleinen Leute“, die das Werk am Laufen halten, mag rundum auch alles zusammenbrechen.

Der Hausmeister, der scheuert, der Schornsteinfeger, der Briefträger. Diese „Normalen“, so Polgar, sind für ein Gemeinwesen, was die Sonne für unser Biosystem ist, sie gewährleisten „die Urbedingungen des sozialen Seins“. Polgar: „Ich will lieber die Büste meines Briefträgers auf den Schreibtisch stellen“ als die irgendeines großen Mannes.

Warum baut man nicht den Briefträgern, den Supermarktkassiererinnen, Krankenpflegerinnen und dem Metzger von Frank Castorf Denkmäler?

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Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.

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