Corona und Feiern in Berlin: Tanz über die lange Distanz

Corona bedroht das Berliner Nachtleben. Um ein Clubsterben zu verhindern, braucht es Engagement durch UnterstützerInnen.

Wodka-Desinfektion pur: Das Mysliwska in der Schlesischen Straße in Kreuzberg Foto: Johannes Gruber

Wie lange wird der Club-Shutdown dauern? Werden die Fördermittel reichen? Kann man mit Atemmasken tanzen? Oder auf Distanz?

Es sind eine Menge Fragen, die die Berliner Veranstaltungsszene derzeit beschäftigen, immer schwingt die Ungewissheit mit. „Ich schätze es so ein, dass ein Großteil der Clubs in seiner Existenz gefährdet ist“, sagt Ran Huber, der mit seiner Reihe amSTARt seit mehr als 20 Jahren Konzerte veranstaltet. „Die Auswirkungen auf die Kulturlandschaft, aber auch auf Betriebe wie Bars, Cafés und kleine Läden dürften fatal sein. Wenn es schlecht läuft, könnte die Stadt nach der Coronakrise nicht wiederzuerkennen sein.“

Huber selbst hat für amSTARt eine Spendenkampagne initiiert. Noch bis Donnerstag will er 10.000 Euro von Unterstützern sammeln, 3.700 Euro fehlten am Dienstagmorgen noch. Für ihn wie für viele weitere geht es darum, Einbußen der kommenden Monate zu kompensieren (siehe weitere Spendenaktionen und Initiativen im Kasten).

Soforthilfe reicht nicht aus

Die Soforthilfe der Investitionsbank Berlin (IBB) reichen bei Weitem nicht aus, um den Erhalt der Reihe zu sichern. Bislang fielen acht Konzerte und das für Mai geplante Festival „Down by the River“ dem Virus zum Opfer, mindestens drei weitere Shows werden ausfallen. Großveranstaltungen sind in Berlin bis zum 31. August verboten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bis dahin auch keine Partys und kleinen Konzerte möglich sind.

Konzertreihe amSTARt: startnext.com/amstart-berlin

www.amstart.tv/

Crowdfunding Paloma Bar: https://www.startnext.com/paloma

Club Mysliwska: gofundme.com/f/mysliwska-rettet-uns-wer-kann

Acud: www.startnext.com/save-acud-macht-neu

Ernst Bar: www.gofundme.com/f/es-ist-ernst-furs-ernst

Loophole: www.startnext.com/save-the-loophole-whale

Z-Bar: www.gofundme.com/f/zave-the-z

8mm Bar: www.gofundme.com/f/save-8mmbar

Schokoladen: schokoladen-mitte.de

United We Stream: https://unitedwestream.berlin/

About Blank: www.startnext.com/whatever-you-take

10. Clubgeburtstag „United We Blank“, 25. April, 19.59 Uhr, Stream und Infos: https://www.facebook.com/

Die allergrößte Not lindern können staatliche Hilfen, also das Programm der IBB, die Coronahilfe vom Bund sowie das kürzlich durchgewunkene 30-Millionen-Hilfspaket des Senats (Soforthilfepaket IV). Und doch könnte es sein, dass auch das am Ende nicht reichen wird.

Schließlich ist es gut möglich, dass die rund 280 Clubs und Veranstalter, die es laut Clubkultur-Studie von 2019 in Berlin gibt, bis mindestens zum Herbst auf Veranstaltungen verzichten müssen. Der geschätzte Gesamtumsatz dieser Clubs lag 2017 bei 168 Millionen Euro. Ginge man von zwei Dritteln fehlendem Jahresumsatz aus, was nicht unwahrscheinlich ist, käme man auf rund 112 Millionen Euro Umsatzeinbußen.

Große Solidarität

Hoffnung machen andere Zahlen. Denn die Clubszene setzt auf Solidarität, und ist dabei sogar erfolgreich. Die Clubcommission überträgt unter dem Titel „United We Stream“ jeden Abend DJ-Sets und Konzerte und bittet um Spenden, bislang sind so etwa 400.000 Euro zusammengekommen.

Auch das About Blank, linke Feierhochburg nahe dem Ostkreuz, hat innerhalb kurzer Zeit mehr als 130.000 Euro Spenden erhalten. „Wir sind überwältigt von dem Zuspruch. Es gibt offenbar viele Leute, die diesen Laden erhalten wollen“, sagt Eli Steffen, die die Öffentlichkeitsarbeit macht. Allerdings relativiert sie in Bezug auf die Summe: „Das klingt erst mal nach viel Geld. Man muss aber auch sehen, dass wir drei bis sechs Veranstaltungen pro Woche machen – diese Einnahmen daraus fallen nun ersatzlos weg.“

Für die kommenden zwei, drei Monate könne man sich dank des Crowdfunding über Wasser halten, danach werde es wohl schwierig. Kredite würden die Misere nur aufschieben, erklärt Steffen: „Wir verschulden uns gerade sowieso. Wenn wir nun Darlehen aufnehmen, wie sollen wir die jemals zurückzahlen?“ Bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigt das About Blank in den Sommermonaten, bei einigen von ihnen sei immerhin Kurzarbeit möglich.

Sektempfang online

Das About-Blank-Kollektiv überlegt, ob und wie Corona-kompatible Veranstaltungen aussehen könnten. „Es ist realitätsfern zu glauben, dass bald wieder Clubnächte stattfinden wie wir sie bisher kennen. Alternative Nutzungskonzepte oder -formate sind zwar grundsätzlich vorstellbar. Um ökonomisch zu überleben werden wir in den nächsten Monaten staatliche Soforthilfen brauchen.“ Den anstehenden 10. Clubgeburtstag muss die Blank-Crew allerdings ins Netz verlegen – verspricht aber nicht nur einen DJ-Livestream, sondern dazu einen Sektempfang und ein „Dinner for blank“.

Auch Ran Huber hofft darauf, dass Konzepte für die Krise gefunden werden: „Ich habe absolutes Verständnis für die Sicherheitsmaßnahmen, die es derzeit gibt. Aber für Bars, Kneipen und Clubs müssen Zwischenlösungen gefunden werden, wie Veranstaltungen unter Auflagen stattfinden können.“ So sei es bei kleinen Open-Airs etwa denkbar, weniger Leute zuzulassen, das Tragen von Atemmasken vorzuschreiben und darüber hinaus an die Selbstverantwortung von Besuchern zu appellieren.

Huber fürchtet, dass Corona für den langfristigen Shutdown Berlins sorgen könnte. „Die Clubs standen bereits vorher unter einem enormen ökonomischen Druck, viele waren von Verdrängung gefährdet. Durch das Virus hat sich dieses Problem massiv verschärft“, sagt er. „Was gerade passiert, ist im Prinzip der feuchte Traum der Investoren: dass kleine Clubs in zentraler Lage zahlungsunfähig werden und schließen müssen.“ Um sie jäh aus diesen feuchten Träumen zu reißen, hilft den Clubs jeder Cent.

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