Absage aller großen Veranstaltungen: Im zivilisatorischen Korsett

Keine Großveranstaltungen mehr bis mindestens 31. August: Das trifft die Kultur- und Party-Hauptstadt besonders hart. Ein Wochenkommentar.

Ein Truck mit Bannern und oben auf Menschen mit Regenbogenfahnen: Teilnehmer der CSD-Parade 2019 kommen mit einem Umzugstruck an der Siegessäule an.

Letztes Jahr gab es ihn noch: der Berliner CSD zieht an der Siegessäule vorbei Foto: picture alliance/Alexander Blum/dpa

BERLIN taz | Auch wenn viele Details noch unklar sind, kann man eines schon sagen: Die in dieser Woche getroffene Entscheidung, bundesweit mindestens bis zum 31. August auf Großveranstaltungen zu verzichten, trifft die Berliner Stadtgesellschaft und die Kulturszene ins Mark. Es wird keinen 1. Mai geben, wie wir ihn kannten, keinen Karneval der Kulturen, keine Open-Air-Festivals, keinen CSD, keine Union- und Hertha-Spiel mit Publikum im Frühling und Sommer – Absagen von Liveevents wie der Fête de la Musique und dem Pop-Kultur-Festival werden wohl bald folgen. Das Lollapalooza Festival Anfang September ­abzuhalten scheint derzeit illusorisch. Größere Klubkonzerte und -partys: in weiter Ferne.

Auf Kulturveranstaltungen mit großen Menschenansammlungen zu verzichten ist natürlich vernünftig und richtig. Niemand will, dass Berlin ein zweites New York wird. Anlass zur Sorge gibt die Entscheidung dennoch. Welche psychosozialen Folgen der Verzicht auf jegliche Art von Freidrehen, von Luftablassen, von Entgrenzung haben wird, kann niemand vorhersehen.

Was macht der 50-Stunden-Büromensch eigentlich, wenn er nicht wenigstens einmal am Wochenende im Fußballstadion singen, grölen und schreien kann? Was macht es mit dem Konzertgänger, wenn er sich nicht gelegentlich in Rausch, Ekstase und Exzess verlieren kann? Was machen all die Leute, die in Clubs nach Flirts, Nähe und Sex suchen? Wenn all das, was die Funktion der Kompensation oder der Sublimierung hat, wegfällt, ist dies zwar kein Problem, das aktuell an erster Stelle steht – ein Pro­blem aber es ist trotzdem. Zumal wir ohnehin in den nächsten Monaten in einem zivilisatorischen Korsett mit jeder Menge Regeln gefangen sind.

Ein weitaus pragmatischeres Problem ist es, dass der Begriff „Großveranstaltungen“ nicht definiert ist. Der Bund hat entschieden, dass die so bezeichneten Events ausfallen. Nun sollen die Länder festlegen, was damit gemeint sein soll. Das ist auch deshalb keine gute Idee, weil bundesweite Standards zum Beispiel bei längst geplanten Tourneen helfen würden (wenn Band X, die 300-Leute-Venues bucht, in Köln spielen darf, in Stuttgart und Berlin aber nicht, ist das keine gute Lösung). Ohnehin wäre eine Gleichbehandlung von Klubs und Kulturorten in ganz Deutschland wünschenswert.

Ermöglichen, was zu ermöglichen ist, sollte deshalb die Maßgabe sein

In jedem Fall sollte man sich bei der Definition von (Groß-)Veranstaltungen nicht nur an Besucherzahlen und den Kapazitäten der Venues orientieren. Die Massenevents absagen – richtig und gut. Ein Theater, ein kleiner Club, ein Literaturhaus aber hat Möglichkeiten, Veranstaltungen unter Einhaltung von Abstandsregeln und einem Mundschutzgebot auf die Beine zu stellen. Das wäre für diese Orte wichtig, damit sie ein Minimum an Einnahmen und Aufmerksamkeit im Überlebenskampf haben. Es wäre aber auch für uns, die wir nach Livekultur dürsten, wichtig.

Ermöglichen, was zu ermöglichen ist, sollte deshalb die Maßgabe sein – auch um den (stadt)gesellschaftlichen Schaden der Pandemie so klein wie möglich zu halten.

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