Berliner Clubszene: Kollektives Ausbrechen ohne Hosen

Tanzen mit Abstand ist nicht nur im Winter eine kalte Angelegenheit. Über fehlende Nähe und wann das Nachtleben sich wieder einspielen könnte.

"Wir sind systemrelevant!" steht auf einem Plakat, das einer von hundert Menschen auf einer Demonstration der Veranstaltungsbranche zeigt.

Demonstrierende der Kulturbranche erinnern auf ihrem zweiten Protestmarsch an ihre Systemrelevanz Foto: dpa/Jörg Carstensen.

BERLIN taz | Pamela Schobeß, die Vorsitzende des Dachverbands Clubcommission, macht sich Sorgen um die Clubs: „Bis das Nachtleben wieder wie vor der Krise ist, könnte es bis Ende 2022 dauern“, sagt sie der dpa. Ihre Sorge ist berechtigt, wir fragen uns wohl alle, wie es mit dem Berliner Nachtleben überhaupt weitergehen kann?

Es ist ja nicht so, als könnte man sich noch an das Gefühl, in einem Club zu sein, wirklich gut erinnern. Es ist schon zehn Monate her, seit der letzte Club seine Türen geschlossen hat. Zwar wird jetzt viel gestreamt, aber alleine vor dem Laptop stehen und rumtanzen ist auch nicht das Wahre.

Im Sommer konnte man zumindest noch draußen tanzen, jetzt drückt man sich eher vor der Kälte. Aber natürlich war es trotzdem nicht dasselbe. Mit Abstand feiern ist einfach nicht das Gleiche. Warum es dann überhaupt versuchen?

Menschen gehen nicht nur feiern, um Musik zu hören oder den Alltag zu vergessen. Es ist auch schön, Leute kennenzulernen, die man abseits von dunklen Clubs gar nicht treffen würde. Schön kann belangloser Smalltalk sein, wie man die Musik findet, wo man danach noch hingeht, was man so zu sich genommen hat. Um dann vielleicht doch eine tiefere Ebene zu finden: was die Klänge aus den Boxen mit uns machen, das Lächeln der anderen Besucher*innen, wenn der Bass anfängt zu dröhnen. Der nette Barmann, der mit dir einen Shot trinkt, ohne dass du bezahlen musst. Mit Fremden knutschen [!] oder sich sogar ein Getränk teilen!

Es müssen nicht mal interessante Menschen sein

Die Nähe fehlt. Etwas zu erleben fehlt. Und neue Menschen kennenlernen fehlt – es müssen ja nicht mal besonders interessante sein, einfach nur die Möglichkeit dafür zu haben würde schon ausreichen. Und zwar richtig, in echt, nicht über den x-ten Zoom-Call, bei dem man auch einfach Pyjamahose tragen kann, statt sich schick zu machen. Zugegeben, in manchen Clubs braucht man gar keine Hose. Aber gemeinsames Keine-Hose-Tragen fühlt sich eben anders an, nach kollektivem Ausbrechen aus Alltagsmustern. Zu Hause wechselt mit den Hosen das Gefühl zwischen der Freiheit und der Frage, ob man sein Leben überhaupt noch im Griff hat (Karl Lagerfeld hat ausnahmsweise nichts damit zu tun).

Also, was machen wir bis dahin, bis die Clubs wieder öffnen? Auf den Frühling warten, wenn wir zumindest draußen wieder tanzen können, mit Abstand, aber immerhin mit anderen Menschen zusammen, denen wir die Freude ansehen können. Wo wieder Partystimmung gespürt werden kann, bis sich das Gefühl einstellt, es endlich überwunden zu haben, wie zu Silvester 2020, als die Uhr endlich Mitternacht schlug und der erste Gedanke war: „Wir haben es geschafft!“

Und die letzten Meter schaffen wir auch noch, bis dahin müssen wir unsere Lieblingsorte mit Livestream-Spenden unterstützen. Aber ohne die bis Juni 2021 gesicherten Hilfen von Bund und Ländern geht es laut Schobeß für die Clubs nicht weiter. Und Hilfe muss auch bestehen bleiben, wenn Clubs wieder öffnen können. Nicht je­de*r wird sich trauen, direkt wieder feiern zu gehen – ganz zu schweigen davon, es sich finanziell leisten zu können.

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