Corona-Proteste in Baden-Baden: Zwei Frauen führen

Nach Baden-Baden kommen keine Rechtsextremisten. Die Demonstration ist bürgerlich geprägt – und die Teilnehmer sind bestens gekleidet.

EIn Mann trägt einen mit Alufolie beklebten Cowboyhut

Kein modisches Accesoire: Ordner mit Aluhut bei Stuttgart Foto: Ralph Peters/imago

BADEN-BADEN taz | Baden-Baden ist für vieles bekannt, aber nicht gerade für seine Protestkultur. Doch seit vier Wochen gehen auch in der Kurstadt Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen die wegen der Coronapandemie verfügten Einschränkungen. Zwei Frauen sind die Initiatoren des Protest. Eine von ihnen, Petra Wolf, Kommunikationstrainerin bei einem großen Automobilzulieferer, berichtet von ihren dementen Eltern. Den Vater müsse sie nach der Schließung der Tagesklinik jetzt irgendwie selbst betreuen, die Mutter dürfe sie in ihrem Altersheim nicht besuchen.

Es ist diese persönliche Überforderung, die Petra Wolf an den neuen Regeln im Land zweifeln lässt. Warum habe die Regierung ihren eigenen Pandemieplan von 2014 nicht befolgt und genügend Masken für Altenheime angeschafft? Warum entmündige man jetzt mit „manipulativen Bildern aus Italien“ alte Menschen, wenn man sie ungefragt isoliert? Warum spalte man durch Panikmache die Gesellschaft? Wolf neigt den Thesen von Boris Palmer zu, der fordert, die Risikogruppen zu isolieren und andererseits das normale Leben wieder hochzufahren.

Inzwischen haben sich etwa 150 Menschen auf dem Platz vor dem Standesamt versammelt. Schilder wie „Demokratie statt Diktatur“ werden getragen. Teilnehmer wenden sich gegen die Maskenpflicht, angebliche Zwangsimpfung, Mikrochips im Körper und Zwangsbeatmung auf Intensivstationen. Mit Poloshirts und Sommerkleidern gehört der Widerstand in der Kurstadt wahrscheinlich zu den bestgekleideten Demonstrationszügen, die das Land bisher gesehen hat. Es wird umarmt und es werden Hände geschüttelt.

Wolf liest die Versammlungsregeln vor, ihre Mitstreiterin Marianne Schmidt beklagt leere Ladengeschäfte als Folge der Krise. Hier seien keine Verschwörungstheoretiker unterwegs, sagt Schmidt und führt Galileo Galilei als Galionsfigur ins Feld. Nun weiß man nicht, ob Galileos Erkenntnisse über die Erde als Kugel hier bei allen Demonstranten ganz unumstritten sind. Denn in Baden-Baden versteht man unter Meinungsfreiheit, wahllos jedem das Mikrofon zu überlassen. Und auch hier bekommt der gefährlichste Unsinn den größten Applaus.

Redner: Clinton besorgt Embryone für die Queen

Ein älterer Mann stellt sich als Allgemeinmediziner vor und berichtet, dass sich die Queen mit Zellen von Embryonen jung hält, die Hillary Clinton ihr besorgt habe. Von einem Impfstoff rät der vermeintliche Arzt dagegen ab. Wenn es einen gibt, sollten sich doch erst mal die Politiker impfen lassen, ruft er unter großem Jubel ins Publikum.

Auch weiß der Mann von einem, „der mal neben dem Vater von Bill Gates gewohnt hat“, ganz genau, dass dessen Familie schon lange das Ziel verfolge, die Weltbevölkerung zu reduzieren. Dafür gibt es wieder zustimmende Empörung. Auch wenn am Samstagnachmittag viel von Grundrechten die Rede ist, bleibt der Coronaprotest in Baden-Baden eine im Kern unpolitische Bewegung, gespeist aus einer verständlichen persönlichen Unzufriedenheit und aus pauschalem Misstrauen gegen Politik und Eliten.

Wolf und Schmidt stehen am Ende der Versammlung nachdenklich zusammen. Für den Arzt müsse sie sich entschuldigen, sagt Marianne Schmidt. Petra Wolf hat Sorge, dass das alles zu viel werden könnte. Eigentlich gehe es ihr doch vor allem darum, dass es ihren Eltern gut geht. Aber aufhören? Nein, sagen sie. Nicht bevor das Land zur Normalität zurückkehrt.

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