Corona-Lockerungen in Deutschland: Riskanter Wettstreit gestoppt

Bundeskanzlerin Merkel setzt auf ein einheitliches Vorgehen gegen Corona. Eine schnelle Rückkehr zur Normalität lehnt sie ab. Das ist richtig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Merkel setzt auf Bedacht und mahnt zur Einheit Foto: reuters

Es war ein merkwürdiger Wettlauf, der in den letzten Tagen zu beobachten war: Wer ruft am lautesten nach einem Exit aus den Coronabeschränkungen? Wo öffnen die Schulen zuerst wieder? Sachliche Argumente standen dabei selten im Mittelpunkt. Eher schien es darum zu gehen, als Kandidat für den CDU-Vorsitz oder Chef einer derzeit kaum gefragten Oppositionspartei nicht völlig in Vergessenheit zu geraten.

Doch diesem gefährlichen Profilierungswettkampf hat Angela Merkel nun zum Glück Einhalt geboten. In einer Videokonferenz mit den MinisterpräsidentInnen hat die Kanzlerin die Bundesländer auf ein einheitliches Vorgehen eingeschworen und einem überstürzten Ausstieg aus den Anti-Corona-Maßnahmen eine Absage erteilt. Insgesamt scheint dabei ein guter Kompromiss herausgekommen zu sein:

Geschäfte und manche öffentlichen Einrichtungen dürfen schrittweise wieder öffnen, was vertretbar erscheint. Wenn Drogerien und Bäckereien mit Trennwänden und Abstandsregeln einen sicheren Einkauf gewährleisten können, müsste das auch in Kleidungsgeschäften und Bibliotheken möglich sein. Großveranstaltungen bleiben dagegen bis mindestens Ende August verboten, Restaurants und Clubs müssen zunächst ebenfalls dicht bleiben.

Und auch die Schulen, wo im Unterricht und vor allem in den Schulbussen der nötige Sicherheitsabstand derzeit überhaupt nicht zu gewährleisten wäre, bleiben noch mindestens zwei weitere Wochen geschlossen. Das Verbot, sich in Gruppen zu treffen, bleibt ebenfalls erst mal bestehen. Gerade jenen, die unter den Beschränkungen wirtschaftlich oder psychologisch stark leiden, mag das alles zu langsam gehen. Aber es ist richtig. Denn die Coronagefahr ist keineswegs gebannt.

Zwar ist die Zahl der Neuinfektionen zuletzt deutlich gesunken, aber sie ist immer noch viel zu hoch, um die Fälle einzeln rückverfolgen zu können. Ohne die Beschränkungen würden die Infektionen – und damit auch die schweren Verläufe und die Todesfälle – schnell wieder steigen. Außerdem wurden die vergangenen Wochen leider nicht genutzt, um die Testkapazität wie versprochen so zu steigern, wie es für eine Kontrolle der Epidemie notwendig wäre.

Und auch Masken sind weiterhin so knapp, dass die Regierung sich bisher nicht traut, das Tragen in Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Pflicht zu machen, sondern es nur dringend empfiehlt. Das alles zeigt: Wenn es schon einen Wettbewerb geben soll, dann bitte nicht darum, wer zuerst die Beschränkungen aufhebt. Sondern darum, wie sich am besten die Voraussetzungen dafür schaffen lassen.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Für seine Aufdeckung der Rechenfehler von Lungenarzt Dr. Dieter Köhler wurde er 2019 vom Medium Magazin als Journalist des Jahres in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet. Zudem erhielt er 2019 den Umwelt-Medienpreis der DUH in der Kategorie Print. Derzeit beschäftigt er sich neben seinen sonstigen Themen intensiv mit der Entwicklung der Corona-Epidemie, auch auf seinem Twitter-Account @MKreutzfeldt .

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