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Comic „Gamma … visions“Die KI-Apokalypse

Mit „Gamma … visions“ schließt der Jens Harder sein vierbändiges Epos über Mensch und Evolution ab. Er zeichnet düstere Zukunftsvisionen in Türkisblau.

Szene aus Jens Harders „Gamma … visions“ Foto: Carlsen Verlag

Im Jahr 2078 ist es so weit: Der Literaturnobelpreis geht erstmals an eine Comiczeichnerin, für ihr 10.000 Einzelbilder umfassendes „begehbares Möbiusband“ namens „Zyklus“. Der Berliner Comiczeichner Jens Harder erlaubt sich in seinem Werk manch futuristischen Scherz, versteckt in den erklärenden Textabschnitten zwischen den Comic-Kapiteln. Ein „Anti-Putin-Putsch“ erfolgt demnach noch in dieser Dekade. Und Elon Musk wird zum US-Präsident auf Lebenszeit gewählt.

„Gamma…visions“ heißt der abschließende Band von Harders „Großer Erzählung“, einer Geschichte unseres Universums in Bildern, die er vor über 20 Jahren begonnen hat. 2010 erschien der preisgekrönte Auftakt-Band „Alpha … directions“. Er beginnt in einer beeindruckenden, über 20 Seiten langen Sequenz mit Urknall und endet mit dem Untergang der Dinosaurier auf der Erde.

Die beiden folgenden Bände „Beta … civilisations“ I und II erschienen 2014 und 2022 und handelten von der Evolution des Menschen bis in die Gegenwart. Um Wandel und Entwicklungen darzustellen, bedient sich der 1970 in der Oberlausitz geborene Zeichner einer selbst erdachten Methodik: Zunächst wählt er passende Bilder aus, vor allem aus den Bereichen Kunst, Fotografie, Illustration, Film, Pop, Medien oder Wissenschaft. Wesentlichen Bildkulturen also, die unsere kollektive Vorstellung von der Entstehung der Welt bis heute prägen.

Der besprochene Band

Jens Harder: „GAMMA … visions“. Carlsen Verlag, Hamburg 2025, 216 Seiten, 44 Euro.

Im nächsten Schritt werden diese Einzelbilder in Harders inhaltliches Gesamtkonzept eingegliedert. „Es kam mir vermessen vor, mir die gesamte Weltgeschichte visuell noch mal neu ausdenken zu wollen – wo es doch nahezu jeden (zumindest jeden heute noch erinnerten) Sachverhalt schon vielfach abgebildet gibt“, beschrieb Harder seine Herangehensweise beschrieb anlässlich einer Vorstellung seines neuen Buchs.

Computergestützte Vermessung der Welt

Jens Harder unterwirft für seinen so entstehenden Bilderfluss jedes einzelne Panel einer Bearbeitungsprozedur, die unterschiedliche Herkünfte, Stile oder Epochen der Bilder zusammenbringt. „Während ich ‚Alpha‘ noch mit Farbstiften und Tuschepinseln auf A3 zeichnete und am Lichttisch einfärbte“, führt Harder aus, „ging ich bei ‚Beta‘ zu flüchtigeren Bleistift-Zeichnungen und digitaler Kolorierung über. Für ‚Gamma‘ nun wählte ich eine nahezu komplett computergestützte Umsetzung der Seiten.“

Zuletzt werden sämtliche Panels in das Farbkonzept eingepasst. Die Schwarzweiß- und Grautöne erhalten noch Zusatzfarben. Überwogen in „Alpha“ noch erdige Ockertöne, in „Beta 2“ dann metallische wie Gold, Kupfer oder Bronze, so wird der neue Band von einem giftigen Türkisblau dominiert. Das passt gut zu den dystopischen Science-Fiction-Visionen Harders.

Im Gegensatz zu den wissenschaftlich fundierten Vorgängerbänden basiert „Gamma“ nun auf Spekulationen über die Zukunft. Gemäß Harders zeitlicher Anordnung befinden wir uns heute im „Computerzeitalter“ und im Zeitalter der Eroberung des Weltraums. Die Überhitzung des Planeten bleibt aus, da der Ausbruch eines Supervulkans in Nordamerika zu globaler Abkühlung von 2 Grad führt, jedoch hebt sich der Meeresspiegel an, sodass weltweit viele Küstengebiete überschwemmt werden.

Beginn der „SolarÄra“

Ab 2066 folgt die „SolarÄra“, in der Roboterkolonien die gefährlichsten Arbeiten der Menschen übernehmen und, von nicht mehr kontrollierbaren KIs betrieben, zunehmend separatistisch agieren. Eine „Große Separation“ führt zu getrennten Lebenswelten der „Humans“ und „Robots“. Erste Auswanderungsprogramme führen zu Besiedelungen des Mars und anderer Himmelskörper.

2280 beginnt die Phase der „Ultimativen Kybernetischen Ablösung“: Durch den Zusammenbruch des Ökosystems und den weiteren Anstieg des Meeresspiegels wird die Erde nahezu unbewohnbar. Im Sonnensystem übernimmt anno 6850 die KI in Form „symbiotischer Boliden“ (großer kugelförmiger Raumgleiter) die Macht. Die Zeiträume im Buch werden größer, und am Ende, in rund 100 Milliarden Jahren, steht der „Big Crunch“, der Kollaps des Universums.

Mit diesem Finale, das eine der geläufigsten wissenschaftlichen Hypothesen zum Ende des Weltalls illustriert, knüpft Jens Harder an den Urknall von „Alpha“ an und erschafft so einen Zyklus allen Lebens, der wieder von vorne beginnen könnte.

Harder bedient sich hauptsächlich der Bilder, die es bereits von der Zukunft gibt. Dafür „wählte ich Motive aus den Tausenden von Zukünften, die sich SF-Autor:innen, -filmer:innen und -zeichner:innen in den letzten Jahrzehnten ausdachten und kombinierte diese Zitate dann mit weiteren aussagekräftigen Quellen, so den neuesten Renderings futuristischer Szenarien verschiedener Unternehmen oder Institute, aber auch bereits veralteten Darstellungen aus dem späten 19. Jahrhundert (sogenannte Paläofuture).“

Reiz des Mixes

Dieser Mix aus ganz unterschiedlichen Bildquellen machen den Reiz des Buches aus. Viele Motive sind wiedererkennbar, etwa Stills aus „2001 – Odyssee im Weltall“, „Alien“ oder „Blade Runner“, Comicpanels von Hannes Hegen, Shigeru Mizuki oder Enki Bilal. Gemälde Picassos oder Raphaels stehen neben Filmplakaten von Trash-Filmen der 1950er Jahre und Plattencovern.

Mega- oder Kuppelstädte und Mensch-Roboter-Begegnungen prägen das bildgewaltige Buch. Das Dystopische überwiegt

Dazwischen finden sich auch einige von Harder bewusst mit KI erstellte Grafiken. Insbesondere prägen die vielfältigen Visionen künftiger Mega- oder Kuppelstädte sowie Mensch-Roboter-Begegnungen in unzähligen Variationen (und Mutationen) das bildgewaltige Buch. Das Dystopische überwiegt: Mensch und Maschine führen in späteren Zivilisationen gegeneinander erbarmungslose Kriege.

Für seine Zukunftserzählung hat Jens Harder „den Fortlauf der Entwicklungen, die konkreten Texte und dabei auch die meisten Wortschöpfungen selbst erdacht – natürlich eng angelehnt an alle möglichen Zukunftsprognosen oder -voraussagen“.

Einigermaßen plausibel

Harder stützte sich auf Szenarien aus Wissenschaft und Sci-Fi-Literatur, die „einigermaßen plausibel erscheinen und nicht völlig dem Reich der Fantasie entspringen.“ Wichtig waren „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari (2016), „Visionen. 1900–2000–2001. Eine Chronik der Zukunft“ (1999) des DDR-Science-Fiction-Autorenteams Angela und Karlheinz Steinmüller sowie verschiedene Fachbücher und Artikel über die Entwicklung von KI.

Die futuristischen Comicbilder werden gelegentlich mit raffiniert verfremdeten Textkommentaren versehen, die angeblich von einer KI aus der Zukunft stammen und deshalb mit „Übermittlungsfehlern“ gespickt sind. Dafür hat sich Jens Harder unter anderem von George Orwells „Neusprech“ aus dessen Roman „1984“ anregen lassen oder den kommunistischen Slogans der DDR-Regierung, auch von Programmiersprachen der späten 1980er. Beispiel aus der Ära ab 2280: „So:wohl ersehnt als auch befürchtet, v3rknüpfe_n sich semibewusste AlgorhytMen zu einem- AlleswisSSenden..“

Jens Harder hat mit dem Abschluss seines vierbändigen Epos Gigantisches geschafft: eine rund 1.300 Seiten umfassende Bilderkomposition, die auf anschauliche wie inspirierende Weise die Geschichte des Universums bis hin zu einem möglichen Ende erzählen. Darin enthalten ist eine eindringliche Warnung vor den schon heute vorhersehbaren Gefahren einer außer Kontrolle geratenen Künstlichen Intelligenz.

„Gamma … Visions“ bringt eine wahrlich „große Erzählung“ würdig zu Ende. Dieser Band regt dazu an, über die aktuellen wissenschaftlich-technischen und damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen nachzudenken und selbst zu einer Zukunftsvision zu gelangen. Oder sie mitzugestalten.

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