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Comedienne Parshad Esmaeil„Ich bin laut, ich bin viel, ich bin aktiv“

Comedienne Parshad Esmaeili wurde online bekannt und hat heute eine eigene TV-Show. Ein Gespräch über ihre Kindheit, Frauen in der Szene und Hessisch.

Parshad Esmaeili ist aktiv Foto: Niels Freidel/zdf
Ann-Kathrin Leclère

Interview von

Ann-Kathrin Leclère

taz: Parshad Esmaeili, in deinen Videos und Shows benutzt du oft das Wort „aktiv“. Was bedeutet das für dich?

Parshad Esmaeili: Das kommt aus meinem engsten Freundeskreis. Mein bester Freund sagt immer, ich bin „sehr aktiv“. Und ich denke mir: Ja, ich bin wie ein Flummi. Ich kann das gar nicht richtig erklären, das ist einfach mein Wesen. Aktiv sein heißt für mich nicht nur machen, sondern sein. Und dieses Sein ist laut, doll und viel.

taz: Bekannt geworden bist du durch Comedy-Formate auf Youtube und Social Media. Worum geht es in deinen Formaten?

Esmaeili: Ich will Menschen zum Lachen bringen und sie dazu bringen, über ihre eigenen Vorurteile nachzudenken. Ich bin auch immer ehrlich und bringe meine eigenen Erfahrungen als Kind einer alleinerziehenden Mutter, meinen migrantisch Background oder meine Datingerfahrungen mit ein. Ich will den Leuten einen Raum geben, wo sie mal kurz abgelenkt sind von der Welt.

taz: Jetzt bekommst du deine eigene Comedy-Show, „Neo Match up“ bei ZDFneo. Wie fühlt sich das an?

Esmaeili: Ich bin richtig nervös. Aber gleichzeitig ist es einfach nur geil. Meine größte Angst war vorher, dass ich plötzlich professionell wirke. Dass ich anfange, Gags zu planen oder mich zu verstellen. Ich habe meinem Team deshalb gesagt: Wenn ich komisch werde, sagt mir bitte Bescheid. Aber dann hab ich einfach die Kameras vergessen und gespielt. Wie immer.

taz: Muss man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk darauf achten, welche Witze man macht?

Esmaeili: Mir hat beim ZDF niemand hereingeredet. Die haben gesagt: „Sei einfach du selbst.“ Auch die An- und Abmoderation habe ich komplett selbst geschrieben. Ich glaube allerdings schon, dass der Blick von außen, also von den Zu­schaue­r*in­nen darauf, schärfer ist. Jetzt wo ich beim ZDF eine Show habe und vielleicht mehr nach Fehlern gesucht wird. So nach dem Motto: „Frauen sind nicht lustig. Sie ist zu jung. Das ist mir zu viel.“

taz: Schon vor Jahren hast du davon gesprochen, dass dein Traum eine eigene Show ist. Wieso ist es dir wichtig, ins Fernsehen zu kommen?

Im Interview: Parshad Esmaeili

28, wuchs als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in Offenbach auf, wurde auf Social Media bekannt und hat heute ihre eigene ZDF-Neo-Show namens „Match Up“.

Esmaeili: Ich hab früher mit meiner Mama das „ZDF-Morgenmagazin“ geschaut. Das waren unsere Momente zusammen, bevor sie arbeiten musste und ich zur Schule bin. Und jetzt selbst bei ZDFneo zu sein, ist so ein Kreis, der sich schließt. Ein Full Circle Moment. Für mein inneres Kind ist das das größte Geschenk.

taz: In „Neo Match up“ trittst du gegen jemand anderen an. Ihr ordnet Menschen Kategorien zu, zum Beispiel Jobs oder Schönheitsoperationen. Warum findest du das lustig?

Esmaeili: Ich liebe das gemeinsame Spielen. Ich hab das ja schon auf Youtube gemacht – Kamera an, kein Skript, einfach los. Und genau das funktioniert auch jetzt. Du denkst bei so einem Spiel sofort in Schubladen und merkst dann: Warum denke ich das eigentlich? Dieser Moment ist für mich der Schönste. Ich möchte, dass das auch bei meinem Publikum ankommt. Dass sie zu Hause sitzen, mitraten und sich ertappen. Eine Folge dreht sich etwa um die Zuordnung von Straftaten zu Personen. Sorry für den kleinen Spoiler, aber da ist dann eben der volltätowierte Mann nicht der, der irgendeine Straftat begangen hat, sondern die unscheinbare blonde Frau.

taz: Hast du da nicht auch manchmal Angst, dass du Leute verletzt?

Esmaeili: Oh ja, ich passe auf jeden Fall auf, weil ich niemanden in unangenehme Situationen bringen will. Das Spielprinzip von „Neo Match up“ ist ja auch, dass ich durch Fragen errate, in welche Kategorie die eingeladenen Leute passen. Da versuche ich, mich immer abzusichern, dass es gerade wirklich okay ist, was ich frage. Auch vor meinen Youtube-Videos habe ich zum Beispiel immer einen Disclaimer, in dem ich sage, dass ich nicht will, dass in meinen Shows irgendjemand gejugdet wird. Du hast was gegen ein Beziehungsmodell? Dann schau halt nicht weiter zu, das ist nichts für dich. Hass hat keinen Platz in meinen Shows.

Parshad Esmaeili Foto: Niels Freidel/zdf

taz: Betrachtest du dich als Sprachrohr für Communitys, die in der deutschen Gesellschaft sonst häufig von Vorurteilen betroffen sind?

Esmaeili: Eigenlob stinkt, aber ja, ich fühle das schon. Ich bin eben noch in einer Zeit aufgewachsen, da gab es nur Männer, die Comedy gemacht haben. Dann irgendwann auch Frauen, aber ich dachte lange, das ist nur was für weiße Frauen. Und dann auf einmal habe ich zum Beispiel Enissa Amani gesehen und mich repräsentiert gefühlt. Und es tut gut, dass mir Leute schreiben, dass ich Inspiration bin für Leute mit einem gleichen oder ähnlichen Background wie ich.

taz: Du nennst dich selbst ein „Hessisch Mädsche“, sprichst auch in der Show Hessisch und hast lange in Offenbach gewohnt. Wie wichtig ist der Dialekt für dich?

Esmaeili: Wirklich total wichtig. Ich glaube, das ist so ein Teil von mir, den ich früher auch eher versteckt hab. Und wenn ich noch einmal jemanden höre, der sagt, dass das „SCH“ beim Sprechen, wenn ich zum Beispiel „isch“ sage, das sei wegen meinem Background … Wenn ich weiß wäre, dann würde das niemand fragen. Da könnte ich richtig sauer werden – das ist Hessisch! Der Dialekt ist einfach so ehrlich und direkt. Und ein bisschen frech auch. Ich weiß noch, wie ich damals in der Gastro für einen Tennisverein gearbeitet habe und die südhessischen Männer gerufen haben, damit ich ihnen Grappa ausschenke: Poarschat!! Ich liebe das total. Das ist auch wieder dieses „aktiv sein“ – das hat so eine Energie. Und ich merke auch, dass Leute in meinen Shows darauf reagieren. Weil das echt ist und einfach so, wie ich rede.

taz: Wie hat deine Comedy eigentlich angefangen?

Esmaeili: Aus Herzschmerz. Ich war 21, extrem verknallt, wurde richtig gebrochen. Ich hab einen Song über den Typ geschrieben, ein Video dazu gedreht und auf Instagram hochgeladen. Ich hatte 300 Follower. Ja, dafür wurde ich dann in meiner Kleinstadt erst mal ein Jahr lang ausgelacht. Aber ich habe weitergemacht. Und dann kam irgendwann ein kleiner Internethype, und dann nahm mich Enissa Amani unter Vertrag.

taz: Was bringt dich dazu, weiter Comedy zu machen?

Esmaeili: Ich sehe Comedy und Entertainment gerne als zwei Menschen. Ich brauche sie und sie haben mich gerettet. Ohne sie wäre ich abgestürzt. Ich hab früher viel MTV geschaut, „Pimp My Ride“ und so. Ich hab mich immer so darauf gefreut, weil es mich abgelenkt hat. Weil ich einsam war und dachte, vielleicht vergeht die Zeit schneller, bis meine Mutter von der Arbeit wiederkommt. Und dieses Gefühl hab ich heute noch, wenn ich selbst Comedy mache. Wenn ich auf der Bühne bin, existiert nichts anderes mehr. Keine Probleme, keine Welt. Nur dieser Moment. Wie Disneyland im Kopf. Ich fühle mich so geehrt, dass ich anderen Menschen dieses Gefühl und Ablenkung verschaffen kann. Und ich liebe dieses Gefühl, Menschen zu entertainen. Gerade in diesen Zeiten rettet Entertainment doch total.

taz: Deine Comedy hat also viel mit deiner Geschichte zu tun.

Esmaeili: Alles, was ich heute mache, kommt aus meiner Kindheit. Als eine Alleinerzogene, als Tochter einer Ausländerin hab ich früh gelernt, mich anzupassen. Ich wollte für alle erträglich sein, damit ich nicht alleine bin. Ich wurde dann die Lustige. Die auch mal Witze über sich selbst macht, über ihre Herkunft. Aber irgendwann habe ich dann zum Glück gemerkt, dass sich Letzteres falsch anfühlt.

taz: War Comedy auch ein Weg zur Heilung?

Esmaeili: Ja, komplett. Dadurch hab ich gelernt: Wer bin ich eigentlich? Was sind meine Grenzen? Und ich habe gemerkt: Ich will Menschen eine gute Zeit schenken.

taz: Du kannst aber auch anders. Über deine Kindheitserfahrungen hast du ein Buch geschrieben zu dem ernsten Thema, wie es dir erging als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und wie du die Einsamkeit überwunden hast.

Esmaeili: Das Schöne in meinem Beruf ist, dass ich mich für keine Seite entscheiden muss. Und ich glaube, das werde ich auch erst mal nicht machen. Ich kann Autorin eines Buches sein, in dem ich meine Kindheitserfahrungen beschreibe, und im nächsten Monat eine Comedyshow moderieren. Das liebe ich sehr.

taz: Als Frau mit deinen Themen in der Öffentlichkeit schlägt dir auch immer wieder Hass entgegen. Wie gehst du damit um?

Esmaeili: Ich hab meiner Mama mal Kommentare gezeigt über alleinerziehende Frauen, die nach dem Buch unter meinen Videos auftauchten. So Sachen wie „erst nachdenken, dann vögeln“. Und sie hat mich angeschaut, als hätte man ihr Wesen beleidigt. Sie meinte nur: „Bitte zeig mir so was nie wieder.“ Das hat mich richtig getroffen. Klar, ich selbst habe einen offensiveren Umgang damit. Es gab mal jemanden, der mich monatelang beleidigt hat auf Social Media. Ich hab eine Präsentation über ihn gemacht und sie seiner Partnerin geschickt. Nicht aus Rache, aber ich finde, seine Frau sollte wissen, was für ein Mensch er ist.

taz: Du bist jetzt 28 Jahre alt. Was hast du auf deinem Weg über dich gelernt?

Esmaeili: Dass ich ich sein darf. Ich bin laut, ich bin viel, ich bin aktiv. Und ich muss mich nicht kleiner machen. Früher hatte ich einfach Angst, alleine zu sein. Heute weiß ich: Ich muss mich nicht verbiegen, um dazuzugehören.

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