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Chinesische Kaffeekette in BerlinWem gehört der Kaffee?

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Mit Cotti Coffee drängt eine chinesische Billigkaffeekette in deutsche Großstädte. Ob sie zur Konkurrenz für LAP Coffee wird, bleibt abzuwarten.

Schnell. Billig. Lecker? Foto: Peter Nitsch/plainpicture

W Wenn neue Anbieter mit aggressiven Rabatten und maximaler Automatisierung in den deutschen Markt eintreten, stellen wir eine (…) Frage: Ist das nachhaltig – für die Teams, die Qualität und die Nachbarschaften?“, fragte Ralph Hage im Tagesspiegel. Eine berechtigte Frage – je nachdem, wer sie stellt.

Aus dem Mund des LAP-Coffee-Gründers wirkt sie wie blanker Zynismus. Schließlich wird LAP Coffee vorgeworfen, kompromisslos auf Wachstum und Effizienz zu setzen und mit Investorengeldern und Dumpingpreisen inhabergeführte Nachbarschaftscafés zu verdrängen. Ausgerechnet Hage kritisiert nun diese Machenschaften bei einer Kette, die LAP mit ihrer aggressiven Preis- und Expansionsstrategie Konkurrenz machen könnte: Cotti Coffee.

Der Billiganbieter aus Peking hat im Januar seine ersten Filialen in Deutschland eröffnet: in Köln, Hamburg, Düsseldorf und an der Friedrichstraße in Berlin. Das Geschäftsmodell gleicht dem von LAP: radikaler Minimalismus und Effizienz. Das heißt kleine, spartanisch eingerichtete Läden mit wenig Sitzgelegenheiten, vollautomatisierte Kaffeemaschinen statt aufwändiger Siebträgermaschinen sowie digitale Bestellungen. Es gibt kein Geschirr und keine Keramikbecher, sondern nur Papp- und Plastikbecher. Zielgruppe ist bei beiden ein junges, urbanes, technologieaffines Publikum, das durch Rabattaktionen und Social-Media-Kampagnen erreicht wird. Das alles spart Personalzeit und Personalkosten.

Cotti Coffee gelingt es, noch aggressiver an der Preisschraube zu drehen als LAP: Hafer- und Kuhmilch sowie Sirup gibt es dort gratis zum Selbstbedienen. Ein Espresso kostet bei Vorbestellung per App 99 Cent, ein Cappuccino 2,79 Euro. Wer auf Instagram ein Foto postet und drei Freun­d*in­nen markiert, erhält ein Getränk gratis. Nach Registrierung in der App und Verifizierung der Mobilnummer gibt es die ersten drei Getränke für jeweils 1,99 Euro. Das Sammeln und Auswerten von Nut­ze­r*in­nen­da­ten inklusive.

Ob Cotti Coffee LAP Marktanteile streitig machen kann, hängt davon ab, ob es der Kette gelingt, Kaffee ähnlich erfolgreich durch Eventisierung und Cross-Marketing als Lifestyle-Produkt zu inszenieren. Das sogenannte „Community Building“ beherrscht der chinesische Konzern jedenfalls bereits: Von Jakarta bis nach Berlin promoten Gen-Z-Influencer und prominente eigens ernannte „Global Brand Ambassadors“ die Kette erfolgreich auf TikTok und Instagram.

Drittgrößte Kaffeekette weltweit

Der Impuls, Jugendliche und In­flu­en­ce­r*in­nen für ihre naive Begeisterung über den 1,99-Euro-„Mango Kokos Latte“ zu kritisieren, besteht, greift aber zu kurz. Nicht die Kon­su­men­t*in­nen sind der Kern des Problems, sondern Geschäftsmodelle, die aus Inflation, steigenden Mieten und Verdrängung Profit schlagen. Und Cotti Coffee macht aus seinen Ambitionen kein Geheimnis: Die Kette will der „weltweit führende Anbieter von Kaffee-Lieferketten- und Technologielösungen“ werden, heißt es auf der Website.

Der Konzern, der erst vor vier Jahren von Qian Zhiya, Ex-Chefin der chinesischen Kette Luckin Coffee, gegründet wurde, kommt inzwischen nach eigenen Angaben auf 18.000 Filialen in 28 Ländern. Zum Vergleich: Starbucks betreibt rund 40.000 Filialen. Damit ist Cotti Coffee die weltweit drittgrößte Kaffeekette – nach Starbucks und Luckin Coffee. Eine taz-Anfrage zu den Plänen des Konzerns in Deutschland blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Seit den Eröffnungen der Filialen in Deutschland erscheinen hierzulande zahlreiche Berichte über den chinesischen Konzern. Während bei LAP erst Monate später, auch durch die Recherchen und Interventionen von Aktivist*innen, breiter diskutiert wurde, was hinter dem Geschäftsmodell steckt, steht Cotti Coffee von Beginn an unter Beobachtung. Das hat mit den Erfahrungen mit LAP zu tun, dürfte aber auch mit der Herkunft des Unternehmens zusammenhängen. Die reflexhafte Vorstellung eines datenhungrigen „Big Brother“ aus China, der aggressiv expandiert, offenbart eurozentristische Vorurteile. Die Logik datengetriebener Expansion ist längst kein fernes Phänomen.

Wem gehört die Stadt?

Cotti Coffee mag zunächst weniger gefährlich erscheinen als LAP, weil die Kette nicht gezielt in die gentrifizierten Kieze expandiert, sondern auf stark frequentierte Lagen und Verkehrsknotenpunkte setzt. Doch ein Konzern, der offen das Ziel formuliert, zur größten Kaffeemarke der Welt werden zu wollen, dürfte wohl kaum auf lukrative Innenstadtlagen verzichten – auch wenn dort Protest droht.

Muss Cotti Coffee mit ähnlichen Protestaktionen wie LAP rechnen, dessen Berliner Filialen mit Farbbeuteln attackiert wurden? Ein Aktivist der Kampagne „LapCoffeeScheiße“ bleibt gegenüber der taz zurückhaltend. Er sagt nur: „Am Ende steht immer dieselbe Frage: Wem gehört die Stadt?“

Und wem der Kaffee?

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Lilly Schröder
Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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