CSU-Politiker Alois Rainer: Agrarminister dreht Klimafakten durch den Fleischwolf
Klimaschutz habe nichts mit dem Verzehr von Schnitzeln oder Würsten zu tun, behauptet Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Wissenschaftler sagen das Gegenteil.

Auf schriftliche Nachfrage schrieb ein Ministeriumssprecher demnach, es sei wissenschaftlich belegt, dass sich Konsumverhalten auf das Klima auswirke. Rainer habe zum Ausdruck bringen wollen, dass Klimaschutz mehr umfasse und dass die Bundesregierung den Menschen keine Vorgaben beim Konsum mache. Ob der Minister hohen Fleischverzehr für klimaschädlich hält oder nicht, ließ das Ministerium dem Fernsehsender zufolge sogar auf erneute schriftliche Nachfrage offen. Auch der taz antwortete es nur ausweichend auf die Frage: „Ist Herr Rainer der Überzeugung, dass Fleischkonsum Treibhausgasemissionen verursacht?“
Mit seinen Klima-Thesen ist der CSU-Minister in der Landwirtschaft nicht allein. Sein Parteifreund Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbands und Vize-Chef des Deutschen Bauernverbandes, hatte Nutztiere als „klimaneutral“ bezeichnet.
Doch die wichtigste wissenschaftliche Instanz zum Klimawandel, der Weltklimarat IPCC, hat mehrfach auf Grundlage verschiedener Studien die Höhe der Treibhausgasemissionen von Fleisch beziffert. Die Experten sehen also eine Wirkung auf das Klima. Die Wissenschaftler haben auch festgestellt, dass eine Senkung des Fleischkonsums und pflanzliche Ernährung erhebliche Vorteile für das Klima hätten.
Laut Umweltbundesamt verursachte die Landwirtschaft 2023 inklusive der Emissionen aus Böden und Maschinen 14 Prozent der Treibhausgase in Deutschland. 58 Prozent des Ausstoßes aus der EU-Agrarbranche und von ihr genutzten Mooren entstanden 2020 nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Agrar durch die Nutztierhaltung und Gülle.
Manche Bauern bezweifeln solche Forschungsergebnisse aber. Sie argumentieren wie Felßner, Vieh fresse Pflanzen, die den Kohlenstoff aus der Atmosphäre gebunden haben, und den es dann wieder abgibt.
Methan, Dünger, Böden, Pestizide…
Deshalb sind Tiere nach Ansicht von Fachleuten aber keinesfalls klimaneutral. „Ein Tier bringt keinen neuen Kohlenstoff in den Kreislauf. Das ist richtig. Ein Tier wandelt ihn aber um in Methan“, sagt Patrick Müller, studierter Landwirt und Tierhaltungsexperte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er verweist auf Angaben des Umweltbundesamtes, wonach Methan rund 28-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2) ist. „Selbst die klimafreundlichere Weidehaltung ist nicht klimaneutral“, so Müller. Sogar der Deutsche Bauernverband schreibe, dass es „einen Abkühlungseffekt“ für das Klima gäbe, wenn der Methanausstoß stark reduziert würde.
Kühe etwa produzierten bei der Verdauung Methan, das zwar vergleichsweise schnell abgebaut werde, aber in dieser Zeit viel stärker zur Erderhitzung beitrage als CO2, ergänzt Friedhelm Taube, Agrarprofessor der Universität Kiel.
Zudem verursacht die Fütterung mit Pflanzen Treibhausgase. „Wenn ich mit einem Traktor, der mit Diesel fährt, das Futter zu dem Tier fahre, dann habe ich natürlich schon einen fossilen Anteil in der Tierhaltung“, räumte auch Felßner auf Nachfrage der taz Mitte März ein. Aber wenn der Traktor mit Biokraftstoff betrieben werde und etwa Melkanlagen mit Solar- oder Windstrom, dann könne ebenfalls die Tierhaltung „ganz schnell klimaneutral“ werden.
Allerdings arbeiten bisher äußerst wenige Landwirte so. Und auch für die Herstellung von Biokraftstoff werden Treibhausgase ausgestoßen. Gerade entwässerte Moorböden, auf denen Futter oder Pflanzen für die Spritproduktion angebaut werden, haben hohe Emissionen. Weiterhin belasten die Bereitstellung von Pestiziden und die Düngung das Klima.
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