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Buchpremiere von Christiane RösingerDer körperliche Morgenappell

Autorin und Musikerin Christiane Rösinger feierte im Berliner Hebbeltheater (HAU) das Erscheinen ihres Buches „The Joy of Aging“. Es ist eine amüsante Ode ans Älterwerden.

Die „Unsichtbarkeit“ der älteren Frau: Oft gelangweilt habe sie das Thema in Diskussionsrunden, erzählt Christiane Rösinger bei der Vorstellung ihres Buches „The Joy of Aging“ im Berliner Hebbeltheater (HAU). Auslassen aber konnte sie es in ihrem „Altersratgeber“ auch nicht und so kam sie auf die Idee, ein Gespräch darüber in Reimform zu packen.

So lesen sie jetzt zu fünft auf der Bühne mit verteilten Stimmen: „Die unsichtbare Frau ist ein Medienkonstrukt: Oh Gott, wie schlimm, ich werd nicht mehr von Männern angeguckt! Ich achte nicht drauf, mir ist das ganz recht. Von den Männern ignoriert, was ist daran schlecht? Greta wurde persönlich: Anne, ich muss insistieren: Glaubst du vielleicht, nur durch den Blick der Männer zu existieren?“

Christiane Rösinger in Berlin, im HAU, das hat etwas von einem Heimspiel. Hier hat sie vier Theaterstücke inszeniert, zuletzt Ende vorigen Jahres „Leben im Liegen“, in dem sich schon einige Themen von „The Joy of Aging“ ankündigten, wie die „Alterspubertät“. Das sind die Jahre, in denen erst gelernt werden muss, sich selbst im Altern auszuhalten, dem Nachlassen von diesem und jenem mit Gelassenheit zu begegnen.

Moment der Entschleunigung

Einen Vorgeschmack der Inhalte konnten übrigens taz-Leserinnen in Rösingers Kolumne „Aus dem Leben einer Boomerin“ erhalten. Etwa über ihren befremdeten Blick auf die Wassertrinksucht der Jungen, die sich teils mehrere Liter fassende Behälter am Körper festschnallen und mit Schlauch jederzeit daraus trinken können. Klar kichert das Publikum, als sie diese Bilder skizzenhaft auf der Bühne ausmalt.

Mehr noch als im Buch selbst streut Rösinger häufig Bemerkungen ein, die den langen Prozess der Buchwerdung beschreiben und ein Moment der Entschleunigung einbringen. Das Papier musste ja erst noch geschöpft werden. Oh, und Seiten mussten gefüllt werden. Da kam eine Kindheitserinnerung gerade recht, an die Sonntagskaffeetafel im badischen Heimatdorf.

Das Buch

Christiane Rösinger: „The Joy of Aging“, Rowohlt Verlag, 283 Seiten.

Wie die Schwestern der Mutter klagten, eine Konkurrenz der Schmerzen inszenierten, einen Wettkampf im Leiden. Das Dramolett wird von Rösinger zusammen mit Doreen Kutzke, Julie Miess und Andreas Schwarz gelesen, inklusive der Übersetzung aus dem Badischen durch die Gitarristin Claudia Fierke.“ Und damit ist ein Grundstein gelegt, für Rösingers Haltung, weniger jammern, weitermachen.

Lange war mein Lieblingstext über das Alt werden einer von Robert Walser: „Alt bin ich zwar noch keineswegs, achtzig bin ich zwar noch keineswegs, aber ich bin auch nicht mehr sechzehn. (…) Ich falle schon ein wenig ab und bröckle, mörtle schon ein wenig. Das kommt vom Leben.“ Sich ein wenig bröckelig zu fühlen, besonders am Morgen, wer kennt das nicht mit, sage ich mal, fast siebzig? Aber für Walsers Text ist, wie Rösinger ihre „Morgenroutinen“ beschreibt ein guter Konkurrent.

Von den Füßen, die nachts ein Ruheschmerz beschleicht, bis zum kratzenden Hals – doch hoffentlich keine Hausstauballergie -, geht sie langsam den Körper durch, ein Morgenappell, alles noch da, so einigermaßen.

Natürlich wird auch gesungen. Rösingers Klassiker. Das sind Wellen der Erinnerung, die das Publikum und die da oben auf der Bühne teilen. Muss man die Songs den jungen Leuten von heute jetzt erklären, fragt sich Rösinger? Gedanken, die das Älterwerden so mit sich bringt.

Ihr Buch hat viele analytische Elemente. Wie sich Altersdiskriminierung in die Sprache einschleicht, wie negative Zuschreibungen zunehmen, wie das Alter vermarktet wird. Und wie es Freiheit geben kann. Dafür muss man „The Joy of Aging“ lesen. Das ganze Vergnügen, ihren Geschichten zu folgen, aber war in der Lesung präsent.

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