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Brände in SüditalienDas ist nicht Mohn, das ist Feuer

In Südeuropa ist man an Waldbrände gewöhnt, aber dass sie schon Anfang Juni beginnen, ist neu. Es ist eine Zeitreise in eine nicht so ferne, auch deutsche Zukunft.

M ein Freund schickt mir ein Foto: Der überwältigende Nachthimmel im italienischen Apulien, übersät mit Sternen. Darunter eine der typischen Trockenmauern und Grasland mit tiefroten Flecken, vielleicht Mohnblumen. Wie wunderschön, schreibe ich. Er ist in unserem Ferienhaus, ich bin in Deutschland. Er antwortet: Das Feld brennt. Ich schaue noch mal. Die tiefroten Flecken, die ich auf dem schummrigen Foto für Mohn hielt, sind Glutnester. Es brennt in unserer Straße. Es ist erst Anfang Juni.

Natürlich sind wir diese Katastrophen im Klimawandelhotspot Mittelmeer gewöhnt. Vor zwei Jahren ist genau an derselben Stelle ein Kilometer trockenes Grasland abgebrannt. Auch jahrhundertealte Olivenbäume verschwanden in den Flammen, nur ihre Stümpfe blieben übrig. Wir hofften, dass ein paar Bäume überleben. Nun, erfahre ich, hat sich das neue Feuer viele von ihnen geholt.

Einmal waren Freundinnen aus Deutschland zu Besuch, als auf einem nicht weit entfernten Bauernhof der Heuvorrat in Flammen stand. Sie starrten stundenlang gebannt auf das Inferno. Wir warfen nur prüfende Blicke. Feuer ist Sommeralltag. Und doch steckt eine Eskalation in dieser Alltäglichkeit. Nie, sagen lokale Freunde, war es so schlimm wie dieses Jahr.

Die Feuerwehr kam nicht, zu viele Feuer anderswo

Eine Woche vor dem Handyfoto, auch ich bin vor Ort, sehen wir bei der Gartenarbeit eine Rauchsäule auf dem Nachbargrundstück. Es ist Mai. Wir machen nichts, es ist zu früh für Feuer. Wohl nur Grünschnitt, hier ziemlich normal. Irgendwann geht mein Freund gucken: Der Nachbar ist nicht da – und sein Landstück brennt. Das Feuer droht auf die Bäume überzugreifen. Andere Nach­ba­r:in­nen stehen da und gaffen. Mein Freund holt unseren Feuerlöscher, ein Autofahrer drischt mit einem Ast auf die Glut. Sie kriegen den Brand gelöscht.

wochentaz

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Derselbe Abend: Freun­d:in­nen erzählen immer noch unter Schock von einem Großbrand in ihrer Straße. Die Feuerwehr kam nicht, zu viele Feuer anderswo. Drei Stunden hielten dort Nach­ba­r:in­nen den Brand mit feuchten Säcken in Schach, immer in Angst, er könne auf die naheliegende Tankstelle übergreifen. Dann erst rückte die Feuerwehr an.

Wie werden die Dinge hier im August aussehen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Wir machen uns mittlerweile Gedanken, ob wir das Haus im Sommer unbewacht lassen können. Und ich weiß, dass wir den Feuerlöscher besser schnell nachkaufen. Wenn staatliche Strukturen wegbrechen, kann und muss man in der Nachbarschaft einiges gemeinsam schaffen.

Reisen bildet, so heißt es gern. Manchmal aber funktioniert es eher wie eine Zeitreise. Eine Zeitreise in eine nicht so ferne, auch deutsche Zukunft.

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Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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