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Bildungsgerechtigkeit in BerlinDie Schule, die nicht aussortiert

Gemeinschaftsschulen wollen in Berlin die enge Verknüpfung von Bildungserfolg und Herkunft aufbrechen. Grüne und Linke drängen auf deutlichen Ausbau.

Deutschstunde in der Neuköllner Ruetlischule: Hier lernen Kinder der Klassenstufen 7 bis 10 gemeinsam Foto: Jens Gyarmaty/laif

Gemeinschaftsschulen überwinden das, was in Deutschland noch immer die himmelschreiendste Ungerechtigkeit im Bildungssystem ist. Sie erreichen die „Trennung von Lernerfolg und sozialer Herkunft“, sie durchbrechen also den noch immer viel zu fest verbackenen, untragbaren Zusammenhang, dass Kinder aus armen oder stark belasteten oder Nichtakademikerfamilien meist niedrigere Bildungsabschlüsse erreichen und weniger gut in der Schule abschneiden als Kinder aus reichen Familien oder aus Familien, die Schulkinder stark fördern können.

Der Satz, der dies feststellt, ist dabei schon alt. Er steht im Abschlussbericht zu einer Pilotphase von 2008 bis 2018, in der Berlin erste Gemeinschaftsschulen eingeführt hatte. Gemeinschaftsschulen verbinden Grundschulen und weiterführende Schulen, die Kinder lernen ab der 1. Klasse bis zur 10. Klasse – oder sogar bis zur 13. Klasse zusammen an derselben Schule, teils in Gruppen mit gemischten Jahrgängen. Und das hat Vorteile: Das haben die Berliner Grünen im vergangenen Jahr noch mal über eine Studie publik gemacht, mit der sie die Potenziale dieser Schulform untersucht hatten.

Die Gemeinschaftsschule ist die Schulform, die Bildungsgerechtigkeit am besten verwirklicht

Louis Krüger, Grüne

Insbesondere zwei Punkte sprechen für die Gemeinschaftsschulen, sagt Louis Krüger, bildungspolitischer Sprecher der Grünenfraktion im Abgeordnetenhaus. „Für die Schü­le­r*in­nen fällt der Stress und Druck beim Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule weg“, sagt er. „Und die Gemeinschaftsschule ist die Schulform, die Bildungsgerechtigkeit am besten verwirklicht.“

Dabei sei selbstverständlich, dass auch diese Schulform die entsprechenden Ressourcen benötige, um das Konzept sinnvoll umzusetzen. „Die Erfahrung zeigt außerdem, dass die kontinuierliche Beziehung zwischen Schüler*innen, Leh­re­r*in­nen und Eltern dazu beiträgt, dass vieles reibungsloser an diesen Schulen läuft“, sagt Krüger.

Aktuell sind 28 der rund 800 allgemeinbildenden Schulen in Berlin Gemeinschaftsschulen, wobei wichtig ist, dass Gemeinschaftsschulen meist vergleichsweise große Schulen sind. Die Grünen wollen die Zahl der Gemeinschaftsschulen bis 2030 auf rund 50 verdoppeln.

Das könne auf drei Wegen geschehen, erklärt Krüger. Grundschulen könnten weitere Jahrgänge einrichten und so zu einer Gemeinschaftsschule „aufwachsen“, dazu bräuchte es meist ein neues Gebäude – oder eine Schule könnte auch den Umstand nutzen, dass die Geburten zurückgehen. Möglich sei auch, dass eine Grundschule und eine weiterführende Schule sich zu einer Gemeinschaftsschule zusammentun, ein Prozess, der auch schon mal zehn Jahre dauern könne, weil zwei Schulen sich einig werden müssten. Am einfachsten sei es aber, wenn neue Schulen direkt als Gemeinschaftsschulen entstünden.

Die Grünen werfen der CDU-SPD-Koalition vor, dass sie den Ausbau von Gemeinschaftsschulen blockieren, und das „trotz großer Nachfrage von Eltern und Schulen“. „Unter der rot-grün-roten Koalition gab es Mittel für Schulen, die zu Gemeinschaftsschulen fusionieren wollten, oder um den Prozess einer Umwandlung zu begleiten“, sagt Louis Krüger. „Die wurden von der aktuellen Koalition gestrichen“, kritisiert er.

Außerdem sollten die Schulaufsichten aktiv auf Schulen zugehen, um sie über den Weg hin zu einer Gemeinschaftsschule zu informieren. Auch das Landesinstitut, an dem Schule für Berlin weiterentwickelt werden soll, könnte Fortbildungen dazu anbieten. „Wir sehen nicht, dass die Senatsverwaltung politisch darauf hinarbeitet, Gemeinschaftsschulen zu stärken und auszubauen“, sagt er. Die Bildungsverwaltung verweist dagegen auf zuletzt neu entstandene Gemeinschaftsschulen und den Bau einer großen in Adlershof, der kurz vor dem Abschluss steht.

Infoabende in den Bezirken Am Mittwochabend laden die Grünen zu ihren ersten beiden Bezirksveranstaltungen zur Gemeinschaftsschule ein. Um 19 Uhr diskutieren sie zu der Frage: „Welche Rahmenbedingungen braucht es, um bestehende Gemeinschaftsschulstandorte zu stärken und neue Gemeinschaftsschulen zu gründen?“ in der Zwingli-Kirche in Friedrichshain-Kreuzberg. Ebenfalls um 19 Uhr diskutiert Loius Krüger mit weiteren Grü­nen­po­li­ti­ke­r*in­nen in der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Mitte. Am 10. März geht es mit einem Abend in Spandau in der Schule an der Jungfernheide weiter.

Notenstress der Grundschule Der Anmeldezeitraum für den Übergang in die Jahrgangsstufe 7 an weiterführenden Schulen ist vom 5. bis 12. März 2026. In dieser Zeit sollen Eltern ihr Kind in der Erstwunschschule anmelden. Sie können auch einen Zweit- und Drittwunsch angeben. Bei der Anmeldung müssen der Anmeldebogen und die Förderprognose vorgelegt werden. Kinder, die unter einem bestimmten Notenschnitt in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch liegen und trotzdem auf ein Gymnasium gehen wollen, müssen dazu eine Beschinigung über bestandenen Probeunterricht vorweisen. Den Probeunterricht hatte die Verwaltung im vergangen Schuljahr eingeführt, damit sollen Kinder, die keine Empfehlung für ein Gymnasium haben, ihre Eignung nachweisen. Die Gemeinschaftsschule bildet hier eine Ausnahme, da die Kinder dort nahtlos von der Grundschule in die Sekundarsstufe übergehen.

Kongress für die Zukunft Immer mehr Schulen wollen raus aus starren Strukturen. Bei einem Zukunftskongress in Berlin wollen Experten darüber beraten, wie sich die Strukturen aufbrechen lassen. Das Zukunftsforum will Schulen, Behörden und weitere Akteure zusammenbringen, um über systemische Lösungen und die veränderte Rolle von Lehrern als Lernbegleiter zu beraten. Rund 120 Experten aus ganz Deutschland werden dazu erwartet. (taz)

Um der Debatte neuen Schwung zu verleihen, laden die Grünen in den kommenden Wochen in allen Bezirken zu Diskussionsrunden ein. Dort wollen sie die Ergebnisse aus ihrer Potenzialstudie noch mal vorstellen, aber vor allem auch mit den Ak­teu­r*in­nen vor Ort ins Gespräch kommen – mit Bezirksbürgermeister*innen, Politiker*innen, Schulen, Leh­re­r*in­nen und Eltern. „Wir Grünen und auch die Linkspartei setzen uns schon lange für mehr Gemeinschaftsschulen ein“, sagt Krüger. Seine Vorstellung ist, dass SPD, Linke und Grüne das dann „als gemeinsames politisches Projekt“ weiterverfolgen.

Wie die Grünen sieht auch die Linke die Gemeinschaftsschule als „Schule der Zukunft“. „Dass es dort Beurteilungen statt Noten gibt, das ist ein pädagogisches Konzept, das die Lernmotivation erhält. Das ist auch wichtig für das spätere Leben und den Beruf“, sagt Franziska Brychcy, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Gemeinschaftsschulen glichen soziale Unterschiede aus, sie seien die Schulform, an der „Bildungsaufstieg möglich ist“.

Dabei sei es wichtig, das pädagogische Konzept ernst zu nehmen und gute Bedingungen dafür zu schaffen. Wenn etwa Schulen in der Unterstufe dreizügig seien, in der Oberstufe aber sechszügig, würden zu viele neue Kinder hinzukommen, die nicht mit den Gegebenheiten vertraut seien. Dann müsse die Politik nachsteuern und die Schulplatzprobleme anders lösen, fordert sie. „Das Interesse ist doppelt so groß wie die verfügbaren Plätze“, sagt Brychcy. „Die CDU argumentiert beim Gymnasium oft mit dem Elternwillen, ich würde mir wünschen, dass sie den bei den Gemeinschaftsschulen genauso ernst nehmen.“

Auch bei der SPD seien sie für neue Gemeinschaftsschulen, sagt Maja Lasić, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. „Ein Schritt ist aber noch dringender: erst einmal sollten alle Integrierten Sekundarschulen auch eine eigene Oberstufe haben, oder zumindest im Verbund mit einer anderen Oberschule“, sagt sie. Nur so könnte das Versprechen eingelöst werden, jeder Abschluss an jeder Schule sei auch tatsächlich ohne Schulwechsel möglich. „Wenn wir nur die Gemeinschaftsschulen ausbauen, ohne uns um die ISS ohne eigene Oberstufe zu kümmern, so wie die Grünen es fordern, ziehen wir eine weitere Säule ins System ein“ kritisiert sie.

Wie viele Kinder und Jugendliche derzeit in Berlin auf eine Gemeinschaftsschule gehen, das lässt sich gar nicht so leicht aus den offiziellen Statistiken herauslesen. Denn dort taucht die Gemeinschaftsschule meist mit einem Schrägstrich getrennt als Nebenform zur Integrierten Sekundarschule (ISS) auf. Knapp 26.000 Schü­le­r*in­nen seien es derzeit, sagt die Bildungsverwaltung, 9,4 Prozent der Erstklässler wurden im vergangenen Schuljahr direkt an Gemeinschaftsschulen eingeschult. „Die Bildungsverwaltung könnte das schnell ändern und diese Schulform getrennt ausweisen“, fordert Krüger. Das mache es leichter, die Erfolge oder Probleme von Gemeinschaftsschulen zu erkennen.

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