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Bildungsförderung in Wedding80.000 Euro für die Zukunft

Seit 20 Jahren unterstützt das Bildungsprojekt SprInt in Wedding Schulkinder. Nun soll ein zweiter Standort entstehen, doch das Geld fehlt.

„There are two big huses“, sagt Ali und legt die Hände an die Stirn. Vor ihm liegen zwei Schwarz-Weiß-Bilder: ein Tropenstrand, eine Skyline. „Houses“, korrigiert Andreas sanft seine Aussprache, der Jugendliche wiederholt es korrekt. „Wie könnte man die noch nennen?“ Ali ringt nach der passenden Bezeichnung, zieht eine Grimasse, reibt sich die Augen. Nach einigen Sekunden schüttelt er den Kopf. „‚Skyscraper‘ wäre natürlich ein schönes Wort. Du kannst aber auch einfach ‚big buildings‘ sagen. Go on.“

Der Lehrer am Schiller-Gymnasium ist einer von vielen Freiwilligen, die sich bei der „Sprach- und Bildungsförderung SprInt“ engagieren, die im Medienhof in der Prinzenallee im Soldiner Kiez ihren Standort hat. 2005 wurde das Projekt gegründet, um Kindern und Jugendlichen aus zugewanderten Familien in Wedding Unterstützung beim Lernen zu geben.

Neben der offenen Hausaufgabenhilfe durch mehr als 100 Nachhilfekräfte organisiert der Verein immer wieder größere Kiezprojekte – wie ein sozialpädagogisches Kindermusical im kommenden Sommer, das den Grundschülern im Stadtteil mehr Selbstvertrauen schenken soll. Weil der Hilfsbedarf so groß ist, will der Verein nun expandieren.

Ein zweiter Standort

Nur wenige Straßen weiter liegt die Wiesenburg an der Panke. Teile des denkmalgeschützten Altbaus sind aktuell eine große Baustelle. Geplant sind ein „Grünes Klassenzimmer“ im Freien und ein weiterer Lernraum im Inneren. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo will dem Verein die Räumlichkeiten günstig vermieten. Frühestens im Herbst 2028 soll hier das neue Bildungszentrum für bis zu 450 weitere Schüler öffnen.

Doch das für zunächst fünf Jahre angelegte Projekt steht auf der Kippe. Damit der Vertrag im September unterschrieben werden kann, braucht der Verein finanzielle Sicherheit. „Wir brauchen Spenden und Fördergeld“, fordert der Lehrer und SprInt-Gründer Herbert Weber.

Das gesamte Konzept stehe und falle mit der Unterstützung von außen: Es werde eine Stiftung oder ein Großspender gesucht, der für die fünf Jahre bis 2033 jährlich 80.000 Euro garantieren könne. Insgesamt geht es um 400.000 Euro. „Ich finde es schlimm, dass ich immer betteln muss“, gibt Weber zu. Das Wohlwollen der Politik sei zwar von allen Seiten und über Parteigrenzen hinweg vorhanden, aber „warme Worte zahlen keine Miete“. Weber bietet einen Vergleich an: „80.000 Euro entsprechen in etwa den Jahreskosten für eine einzige staatliche Lehrerstelle.“

Findet sich bis zum Sommer kein Finanzierungspartner, muss das Projekt Wiesenburg abgesagt werden. Dabei entscheiden auch Standorte über Lebenschancen: Aktuell schaffen es laut Weber weniger als 5 Prozent der Kinder aus dem direkten Wiesenburg-Umfeld bis in den ersten SprInt-Standort. Der zweite Standort an der Wiesenburg werde dringend als Ankerpunkt vor weiteren Haustüren gebraucht.

Armut als Bildungshemmnis

Der Bedarf ist groß: In Wedding haben viele Schulen mit schwerigen sozialen Problemlagen der Familien zu kämpfen, die Armutsquote ist hoch, aber Hilfe aus der Politik greift noch oft zu kurz. Laut Chancenmonitor 2025 entscheidet die soziale Herkunft weiterhin stark über Bildungschancen. Bei SprInt dürfen die Kinder kostenlos, ohne Anmeldung und freiwillig teilnehmen, werden auf Klausuren, Abschluss und Berufsleben vorbereitet. Und das mit Erfolg: Rund 1.000 Schüler nutzen das Angebot pro Jahr, insgesamt werden jährlich etwa 6.000 Besuche gezählt. Ali ist einer von ihnen.

An diesem Donnerstagnachmittag in der Weddinger Prinzenallee, versteckt im dritten Hinterhof, ist die Hektik der Straße ganz weit weg. Es ist windstill, vor dem Eingang hängen Girlanden aus buntem Papier. Hinter der Backsteinfassade lernen Andreas und Ali an diesem Tag als eines der ersten Lehrer-Schüler-Paare. Heute steht Wichtiges an: Sie simulieren die mündliche Prüfung zum Mittleren Schulabschluss (MSA) in Englisch. Bilder beschreiben. Frei sprechen. Andreas stoppt die Zeit, spiegelt die Aufgaben und schreibt Vokabeln, die noch nicht sitzen, auf einen Zettel.

Wie tiefgreifend das Projekt Biografien verändert, zeigt auch das Patenschaftsprojekt von SprInt. Antonia Grau, Studentin der Politikwissenschaft und Arabistik, engagiert sich als Patin und wurde mit einer Fünftklässlerin gepaart. „Ihre Familie sieht das als riesige Chance“, weiß Grau zu berichten. Sie selbst stammt aus einem Nichtakademikerhaushalt. Seit acht Monaten trifft sie sich einmal pro Woche mit der Schülerin zum gemeinsamen Lesen und Lernen.

Vom Schüler zum Lehrer

Nach einer weiteren Bilderrunde zwischen Andreas und Ali trudeln mehr Jugendliche ein. Manche setzen sich allein an die Arbeitsplätze mit Computern, andere treffen sich mit ihren Lehrern. Ein junger Mann kommt durch die Tür und setzt sich zu den beiden. Sein Handschlag mit Andreas ist so kräftig, dass er durch den Raum hallt. Die beiden sprechen erst ein wenig Spanisch, witzeln dann mit ein paar Brocken Portugiesisch und Französisch miteinander.

Ich möchte das weitergeben, was ich damals als Schüler erhalten habe

Suhayb

Der 20-jährige Suhayb kam früher selbst als Schüler zu SprInt, seine älteren Geschwister waren dort bereits als Helfer aktiv. Ihm habe die Hausaufgabenhilfe vor allem dabei geholfen, sein schlechtes Zeitmanagement in den Griff zu bekommen. „In jedem Fach war ich im Nachhinein besser, besonders in meinen Abiturprüfungen.“ Die Bestehensquote der SprInt-MSA-Absolventen liegt deutlich über dem Bezirksschnitt.

Heute studiert Suhayb Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Maschinenbau. Er redet offen darüber, wie hart der Weg an der Universität sei, wie sehr er schuften müsse, um schwierige Module zu bestehen. Mittlerweile arbeitet er ein bis zwei Tage in der Woche selbst als Lehrer bei SprInt, um der nächsten Generation zu helfen. „Ich möchte das weitergeben, was ich damals als Schüler erhalten habe“, sagt er.

Diese gelebte Kultur des Zurückgebens macht den Kern des Projekts aus: Ehemalige Jugendliche aus Wedding werden zu Vorbildern für die jüngeren Kinder aus der Nachbarschaft. Doch wenn der Sommer vergeht, ohne dass die nötigen 80.000 Euro im Jahr zugesichert werden können, scheitert das geplante Bildungszentrum – und vielen Kindern im Kiez bleibt ein weiterer Lernort verwehrt.

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