: Betriebsfrieden statt Pazifismus
Ein IT-Unternehmen kündigt einem Berliner Mitarbeiter und Betriebsrat – weil er sich gegen die Zusammenarbeit mit dem US-Militär einsetzt
Foto: Jens Gyarmaty
Aus Berlin Jonas Wahmkow
An einem Mittwochnachmittag Mitte Juni sitzt Mohamed Abbas in einem kleinen Sitzungssaal des Berliner Arbeitsgerichts. Abbas streitet sich mit seinem Arbeitgeber, der US-amerikanischen IT-Beratungsfirma Thoughtworks. Die hat ihm gekündigt.
Der von der Firma vorgetragene Grund für die Kündigung: Abbas ist zu politisch. Mit seiner Kritik an der Zusammenarbeit mit dem US-Militär habe er den Betriebsfrieden gestört, seit seinen Aufrufen zur Solidarität mit Palästina fühlten sich jüdische Kolleg:innen nicht mehr sicher im Unternehmen. So sehen es zumindest die Anwälte seines Arbeitgebers.
Für Abbas Anwältin hingegen ist es ein klassischer Fall von Union-Busting, der Verhinderung von gewerkschaftlicher Organisierung. Thoughtworks ist ein global agierendes Unternehmen mit über 10.000 Mitarbeitenden, das Software für andere Unternehmen und Organisationen entwickelt und implementiert. Das sich mit sozialer Verantwortung und moralischem Bewusstsein rühmt. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Die Wirtschaft schwächelt, Kundenaufträge brechen weg und die IT-Beratungsbranche steht durch die KI-Revolution unter Druck, sich selbst neu zu erfinden. Druck, den das Management an die Beschäftigten weiterreicht.
„Im Prinzip ist Abbas eines der aktivsten Betriebsratsmitglieder. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass er auch jetzt so behandelt wird“, sagt seine Anwältin während der Verhandlung. Gleich drei laufende Verfahren befassen sich mit seiner Kündigung. Heute verhandelt das Gericht einen Eilantrag, mit dem Abbas erreichen will, dass sein Arbeitgeber ihn weiter bezahlt, bis über die Kündigung entschieden ist. Beim Gerichtstermin wirkt Abbas gelassen. Der Mittdreißiger trägt eine Lederjacke und eine rot-weiße Kufiya. Darunter ein Shirt mit der Aufschrift „Tech Workers Unite“.
Die Besucher:innenplätze sind fast vollständig gefüllt mit Unterstützer:innen und Kolleg:innen von Abbas. Die Fenster im Sitzungsaal sind geschlossen, die Luft wird schnell stickig. „Das ist kein Betriebsrats-Busting, wie es von der Presse kolportiert wird“, sagt der Anwalt von Thoughtworks. Die außerordentliche Kündigung sei das Ergebnis eines lang andauernden Fehlverhaltens Abbas’, führen die Anwälte aus, das Vertrauen sei unwiderruflich erschüttert, eine weitere Zusammenarbeit undenkbar.
Die Anwälte erläutern die konkreten Vorwürfe, die sie dem Richter bereits in einem 32-seitigen Schriftsatz zugeschickt haben, noch einmal im Schnelldurchlauf. Abbas soll Anfang April zwei Wikipedia-Links in den globalen Firmenchat gepostet haben: Eine unvollständige Auflistung der Kriegsverbrechen des US-Militärs und einen Artikel über den Folterskandal im irakischen US-Gefängnis Abu Ghraib 2004. Kommentiert hat Abbas die Links mit „The Veterans“ – die Veteranen.
Anlass für seinen Kommentar war eine Kooperation seines Arbeitgebers mit dem Verteidigungsministerium der USA. Thoughtworks entwickelte eine Online-Plattform, die die Medikamentenversorgung von Kriegsveteranen verbessern soll. Abbas hingegen lehnt die Zusammenarbeit mit dem US-Militär grundsätzlich ab.
Die Thoughtworks-Anwälte werfen Abbas vor, Kolleg:innen mit „Veteranenhintergrund“ pauschal in „die Nähe von Kriegsverbrechen“ zu rücken und somit ein „einschüchterndes und feindseliges Arbeitsumfeld“ zu schaffen. Auch in der Vergangenheit sei Abbas immer wieder durch propalästinensische und antiamerikanische politische Äußerungen negativ aufgefallen. „Ich bin nicht überrascht von diesem Müllhaufen eines Landes und seiner herrschenden Klasse“, postete Abbas demnach im Januar 2025 in den globalen Firmenchat als Reaktion auf den Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump.
Liest man den Schriftsatz, bekommt man den Eindruck, als wäre Abbas ein Querulant und Aktivist, der zu polemisch und zu laut ist und an falscher Stelle seine Meinung kundtut. Der den Betriebsfrieden stört und den das Unternehmen deshalb loswerden will.
Bei den Ausführungen des Anwalts müssen sich Abbas’ Kolleg:innen sichtlich zurückhalten, um nicht zu widersprechen. Für sie ist es ein klarer Angriff auf den Betriebsrat. Dafür spricht, dass neben Abbas auch drei weitere Betriebsratsmitglieder in den vergangenen Monaten außerordentliche Kündigungen erhalten haben. Wegen vermeintlicher Verstöße gegen die Datenschutzverordnung. Einem Vorwurf, auf dem auch Abbas’ zweite außerordentliche Kündigung basiert.
„Es ist eine Vergeltungskampagne“, sagt eine Kollegin. In den vergangenen Monaten hätte sich die Kultur im Unternehmen stark verändert. Früher sei es im Unternehmen diskussionsfreudig zugegangen, politische Debatten seien erwünscht gewesen. Bei der Einstellung hätte es sogar ein „Social Change Interview“ gegeben, in dem die Bewerber:innen erklären sollen, wie sie sich positivem gesellschaftlichen Wandel verpflichtet fühlten.
Der US-Amerikaner Neville Roy Singham gründete das Unternehmen 1993 und machte die IT-Beratung zu einem global agierenden Unternehmen. Singham ist überzeugter Sozialist, der heute noch zahlreiche aktivistische Gruppen in den USA finanziert. Seine politischen Vorstellungen prägten die Unternehmenskultur. 2017 verkaufte er die Firma. Thoughtworks rühmt sich in seinem Selbstverständnis immer noch mit einer „Verpflichtung zu sozialer Gerechtigkeit“: Die Firma würde ständig den Einfluss der Technologie hinterfragen, besonders ihrem Einfluss auf „marginalisierte und unterdrückte“ Bevölkerungsgruppen.
In der Vergangenheit lehnte das Unternehmen grundsätzlich eine Zusammenarbeit mit Militär- und Polizei ab, berichtet eine Mitarbeiterin der taz. „Wenn wir einen Auftrag oder die Zusammenarbeit mit einem Kunden moralisch nicht vertreten konnten, konnten wir einfach ablehnen“, erzählt die Mitarbeiterin. Auch habe das Management die Beschäftigten ermutigt, schwierige politische Debatten zu führen.
Doch das Unternehmen steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Der allgemeine wirtschaftliche Rückgang macht sich besonders bei Beratungsfirmen wie Thoughtworks bemerkbar. In Deutschland zählen viele Automobilhersteller und -zulieferer zu den Kunden. Für BMW entwickelte das Unternehmen eine Plattform für KI-Produkte, Porsche half es bei der Migration seiner IT-Infrastruktur.
Doch die Verkaufszahlen der großen deutschen Automobilunternehmen brechen von Quartal zu Quartal immer weiter ein. In den Sanierungsprogrammen sind Budgets für externe Berater:innen einer der ersten Punkte, die gekürzt werden.
Eine weitere Ursache für die Krise der Beratungsunternehmen ist der Aufstieg generativer KI. Unternehmensberatung basiert zu einem großen Teil auf dem Auswerten von Daten, zum anderen im Entwickeln von Softwarelösungen. Beides kann nun viel schneller mithilfe von KI-Modellen erledigt werden. „Wir schreiben nur noch Prompts und testen den Code“, erzählt ein Thoughtworks-Mitarbeiter. Mithilfe der KI könne er viel schneller als per Hand entwickeln, müsse aber jetzt auch viel mehr Projekte in kürzerer Zeit erledigen.
Aufwendige Marktanalysen, für die sich früher ein Dutzend Berater tagelang durch Excel-Tabellen gewühlt haben, können nun per Knopfdruck erledigt werden. Das wissen auch die Kunden, die erwarten, dass die Zeitersparnis in den Preisen an sie weitergegeben wird.
Bereits 2022 brach der Aktienkurs von Thoughtworks nachhaltig ein. Der Hauptinvestor Apax nahm das Unternehmen 2024 wieder von der Börse. Radikaler Stellenabbau und eine grundlegende Neuausrichtung auf die Implementierung von KI-Tools sollen Thoughtworks wieder auf Kurs bringen.
Dass die von Abbas geposteten Wikipedia-Links seine Kündigung zur Folge hatten, ist womöglich ebenfalls die Konsequenz aus wachsendem wirtschaftlichem Druck. Anfang des Jahres veröffentlichte Thoughworks-CEO Michael Sutcliff ein Manifest, in dem er seinen Mitarbeiter:innen ankündigte, Thoughtworks für die Zusammenarbeit mit Militär, Rüstungsunternehmen und Polizei zu öffnen. „Sie wollen jetzt auch ein Stück von der boomenden Kriegswirtschaft“, sagt Abbas.
Als Betriebsrat habe er versucht, die Folgen der Umstrukturierung abzumildern. So stoppte der Betriebsrat die Implementierung eines KI-Tools im Unternehmen aufgrund von datenschutzrechtlicher Bedenken vor Gericht – und hatte damit Erfolg. „Meine Kollegen und ich sind sehr kämpferisch gegenüber dem Management“, sagt Abbas. Im Mai wechselte Thoughworks für die Betreuung seiner rechtlichen Angelegenheiten zu einer Anwaltskanzlei, die berüchtigt dafür ist, besonders aktiv gegen Betriebsräte vorzugehen. Wenig später hagelte es die außerordentlichen Kündigungen.
Abbas trifft es besonders hart. Das Unternehmen zahlt ihm nur noch die Betriebsratstätigkeit. Im vergangenen Monat habe er nur 500 Euro bekommen. Der Programmierer musste Sozialhilfe beantragen, um über die Runden zu kommen.
Mit der Taktik, Abbas unbezahlt freizustellen, hat Thoughtworks zumindest vor Gericht Erfolg. Der Eilantrag scheitert. Die Begründung: Der Anspruch sei keine eilige Sache und könne in einem weiteren Verfahren eingeklagt werden. Doch die Wartezeiten an den Arbeitsgerichten sind extrem lang, über Abbas’ Kündigungsverfahren wird erst im nächsten Jahr verhandelt.
Doch aufgeben will der Betriebsrat trotzdem nicht. Sein Fall beweise, dass es auch für Tech-Worker notwendig sei, sich gewerkschaftlich zu organisieren. „Lange hat man uns gesagt, dass Tech-Worker keine Gewerkschaften brauchen. Das ist ein Mythos. Unsere Rechte sind nur so stark wie unser Willen, sie zu verteidigen.“ Thoughtworks wollte sich der taz gegenüber auf Anfrage nicht zu laufenden Rechtsverfahren äußern.
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