piwik no script img

Bestsellerautor über Einzeller„Bakterien können hochintelligent sein“

Peter Wohlleben berichtet über Bakterien, deren erstaunliche Eigenschaften und wie sie die Welt beeinflussen.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Wohlleben, Sie haben in Ihrem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ den Menschen so schön den Wald und die Bäume erklärt. Wie sind Sie denn jetzt auf die Bakterien gekommen?

Peter Wohlleben: Bakterien beschäftigen mich schon seit meiner Kindheit. Ich hatte mir schon damals durch ein altes Mikroskop von meiner Mutter Einzeller angeguckt und bin dann nur bei den Bäumen abgebogen, weil ich dachte, ein Förster wäre so etwas wie ein Wildhüter in Kenia. Mir ist erst später klargeworden, dass Förster eigentlich Holzproduzenten sind. Aber ich habe immer weitergeforscht und dabei ist mir klargeworden, dass Bakterien das gesamte Leben auf der Erde beeinflussen und mitgestalten.

taz: Wir Menschen halten uns ja oft immer noch für die Krone der Schöpfung. Aber sind nicht eigentlich die Bakterien die erfolgreichste Spezies auf der Erde?

Wohlleben: Das ist ganz sicher so. Sie können sich zum Beispiel mit einem rasanten Tempo verändern und teilweise im Minutentakt ihre eigenen Gene umschnipseln. Das kann sonst niemand und das machen die schon seit über vier Milliarden Jahren.

taz: Bei den Pflanzen, Tieren und Menschen gibt es ja lange Evolutionsketten. Haben auch die Bakterien klein angefangen?

Im Interview: Peter Wohlleben

geboren 1964, ist Förster, Naturschützer und Autor. 2015 wurde sein Sachbuch „Das geheime Leben der Bäume“ zu einem internationalen Bestseller. Vor kurzen veröffentlichte er sein Buch „Bakterien – die heimlichen Helden“.

Wohlleben: Interessanterweise nicht. Es gibt natürlich Urbakterien, aber im Prinzip haben die sich kaum verändert. Stattdessen sind sie relativ plötzlich vor 4,2 Milliarden aufgetaucht, sodass ernstzunehmende Wis­sen­schaft­le­r*in­nen von der NASA oder der Humboldt-Universität in Berlin davon ausgehen, dass es durchaus sein kann, dass mit ihnen das Leben durch einen Meteoriteneinschlag auf die Erde gekommen ist.

taz: Und Sie haben in den Pflanzen, Tieren und menschlichen Körpern ja gute Lebensbedingungen.

Wohlleben: Genau! Bei uns sitzen sie in jeder Körperzelle. Ohne Bakterien würden wir nach wenigen Minuten tot umfallen. Und sie haben an den Wohlfühlbedingungen, unter denen wir leben, einen entscheidenden Anteil.

taz: Wie denn das zum Beispiel?

Wohlleben: Bakterien haben etwa die Fotosynthese erfunden und nicht die Pflanzen. Bakterien haben im Grunde sogar die Pflanzen erfunden, denn bei allem, was bei ihnen grün ist, sitzen Cyanobakterien drinnen. Und die sind es, die den gesamten Sauerstoff produzieren.

taz: Dafür haben die Bakterien bei uns aber immer noch einen denkbar schlechten Ruf

Wohlleben: Bei Bakterien haben wir historisch immer auf die für uns schlechten geblickt. Und das ist ja auch sinnvoll, denn da ging es ja um Krankheiten wie Tuberkulose. Dabei ist es im Grunde auch geblieben. Aber wir hauen da wie mit einem Holzhammer auf alles drauf. Mit Antibiotika tötet man zum Beispiel auch die Bakterien, die im menschlichen Darm für die Glückshormone zuständig sind.

Lesung in Hamburg

Peter Wohlleben liest am 30. Mai um 19. 30 Uhr in der JazzHall in Hamburg aus „Bakterien – die heimlichen Helden“ (Malik, 323 S., 23 Euro, E-Book 19,99 Euro)

taz: Bakterien können uns glücklich machen?

Wohlleben: Ja! Die feuern, wenn sie etwas bekommen, was ihnen gefällt, über spezielle Nervenbahnen ins Gehirn und bewirken so die Ausschüttung von Glückshormonen. Diese sogenannten Glücksbakterien freuen sich zum Beispiel ganz besonders über Rohkost.

taz: Gibt es Forschungsansätze, bei denen Bakterien dabei helfen können, unsere Probleme zu lösen?

Wohlleben: Ja! Zum Beispiel bei Mikroplastik. Es gibt immer mehr Bakterienarten, die sich darauf spezialisieren, Plastik zu fressen und zu harmlosen Komponenten abzubauen. Das Erdöl, aus dem Plastik gemacht wird, ist ja nichts anders als ehemalige Lebewesen, die über geologische Prozesse verölt wurden. Wir haben sie dann aus dem Erdboden gepumpt und in Formen gepresst. Aber es sind immer noch Kohlenwasserstoffe. Und einige Bakterien haben gemerkt, dass man diese auch fressen kann.

taz: Nun haben Sie ja behauptet, Bakterien hätten die Pflanzen und die Fotosynthese erfunden. Sind Bakterien denn intelligent?

Wohlleben: Unbedingt! Es gibt sogar Intelligenztests für Bakterien, die ein israelisches Forschungsteam entwickelt hat. Bakterien sind Einzeller, und die können hochintelligent sein. Die können sich Dinge merken, die können Probleme lösen und denen kann man beim Denken zugucken. An der TU München wird zum Beispiel anhand von Einzellern erforscht, wie unser Gehirn funktioniert.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare