Berliner Szene: Die Nummer
Selbst, wenn die bürokratischen Anliegen klein sind: Die Zeit, die man als Bürger in den Warteräumen der Berliner Bürgerämter verbringt, kann mitunter recht lang sein.
W ir sind gekommen, um sitzen zu bleiben. Wir sind gekommen, um eine Nummer mit dem Amt zu schieben. Es ist 13.06 Uhr, ich habe mich mit der Nummer 125 eingeloggt. Im Bürgeramt Berlin-Neukölln. Abmeldung des Zweitwohnsitzes.
Der Wartesaal ist unruhig und voll. Nicht alle schauen geradeaus in Richtung der Tafel, auf der die Nummern erscheinen, die mal dreistellig, mal irre lang in erratischer Folge erscheinen. Nein, die meisten stehen und reden, kommen und gehen, telefonieren und schwadronieren.
Vor mir sitzt eine junge Mutter mit grünen Schuhen. Das Kind lutscht hingebungsvoll an einer halb leeren Trinkflasche. Es sieht zufrieden aus. Ich muss an meine Mutter denken, die mir, wie sie mir kürzlich erzählte, zum zweiten Geburtstag den Schnuller abgenommen hat. Und ihn dann wegwarf. Ich sollte endlich reden, begründete sie ihren herzlosen, drastischen Schritt.
Nummer 104 wird an Platz 5 gerufen. Ich schaue auf meine Nummer und betrachte dann die Laufmaschen meiner Sitznachbarin, einer üppigen Frau, die in einer fremden Sprache in ihr Telefon redet. Irgendwann steht sie auf und geht. Aber wohin? Geht sie einfach und lässt ihre Nummer verfallen? Den Zettel hat sie wohl mitgenommen.
Auf ihren Platz setzt sich eine Chinesin mit blinkendem Helm. Ihr folgt ein Mann mit einer Hüfttasche, die er vor oder besser: statt seinem Penis hängen hat. Der Klingelton der Mutter vor mir: „Hey Ladies“ von den Beastie Boys.
14.46 Uhr, Nummer 117 wird an Platz 10 gerufen. Platz 8 hat sich schon seit 37 Minuten nicht mehr gemeldet. Es müssten mehr Leute eingestellt werden, damit weniger Leute warten müssen. Eine einfache Rechnung.
Dann kommt meine Nummer, und alles geht schnell. Ein Ausdruck, eine Unterschrift, auf Wiedersehen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert